Das andalusische Mirakel

von
Lars Albaum und Dietmar Jacobs

 

 

Sommerprogramm am Kurfürstendamm

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 Theater am Kurfürstendamm

Mit
Jochen Busse, Francisco Rodriguez, Kerstin Radt, Monica Kaufmann, Floriam Kogan

Regie:
Horst Johanning
Bühne:
Pit Fischer
Kostüme:
Brigitt Fellermann

 

  

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Assistenz: Jessica Hoffmann

 

Es ist grundsätzlich eine Freude, Jochen Busse live auf der Bühne zu erleben: Denn er ist alles zugleich: Kabarettist, Komiker, Entertainer, Schauspieler. Scheinbar nach Belieben wechselt er das Sujet, distanziert sich von dem Bühnenstück, um das Publikum schlagfertig und mit aktuellen Pointen einzubeziehen, wechselt ohne Schwierigkeit wieder zurück und übernimmt seine Rolle, wobei er seine Bühnenpartner geschickt zu lenken versteht. Das alles ist gekonnt, virtuos, und man sollte nicht meinen, es sei mal so eben leicht und locker improvisiert - auch wenn es so aussieht. Aber nichts ist so, wie es scheint, und so weiß man, dass hinter dem leicht und locker servierten Potpourri sommerlichen Vergnügens viel Arbeit, Anstrengung, Geist und Erfahrung stecken. Also, Jochen Busse ist - trotz aller Peinlichkeiten, die dies Stück leider enthält - ein abendfüllender Knüller, wechselweise komisch und kindlich, dann wieder ernsthaft und standfest.

Das Premierenpublikum dankte ihm den munteren Abend mit vehementem Beifall, streicht die Banalität der Wundergeschichte kurzerhand aus dem Gedächtnis und nimmt nur wahr, was es heiter stimmt - siehe oben.

Die story ist denn auch kurz berichtet. Hubert Heppelmann, ein erfolgreicher Sanitärhersteller, will sich von seiner Frau scheiden lassen und bricht Hals über Kopf nach Andalusien auf, um seinen Anwalt, der dort seinen Urlaub verbringt, zu konsultieren. Busse karikiert diesen nervösen, nörgelnden, unzufriedenen Typ glänzend, dessen Abneigungen gegenüber allem, was "südlich von Leipzig liegt" irgendwie skurril erscheint. Auch seine Ignoranz gegenüber Spanien, das längst in der EU seinen festen Standort innehat, ist aus der Mottenkiste alter Vorteile hervorgekramt. Nun landet dieser Herr   durch eine Autopanne in einem kleinen Nest in Andalusien, das auch schon einmal bessere Zeiten gesehen hat- zuletzt vor einhundert Jahren als sich hier ein Wunder ereignete...  Natürlich ist der junge Hotelwirt lange Zeit in Deutschland tätig gewesen und kennt wohl die Menschen hier wie dort recht gut. Denn er verliert die Ruhe nicht, an seltsame Leute gleichermaßen wie an wundersame Ereignisse gewöhnt. Francisco Rodriguez mimt den freundlichen Juan, der dem unzufriedenen Gast kurzerhand ein junges Mädchens aufs Zimmer schickt, das statt seiner hier Quartier beziehen soll. Da der leicht hypochondrische Heppelmann aber nicht weichen will, und die kecke Nelli ihn recht locker behandelt, findet hier ein vergnüglicher verbaler Schlagabtausch zwischen Charakteren und Generationen statt. Bis ein Mirakel geschieht (das hätte übrigens mit immensem Bühnendonner und Getöse inszeniert werden müssen!): die Seelen der beiden wechseln in den Körper des anderen, so dass aus Heppelmann jetzt das junge Mädchen spricht, und aus dem Knattersenior die lebenslustige Nelli.

Das ist eine schier unauflösbare Aufgabe, wenngleich die Idee sehr hübsch ist: sich selbst einmal mit den Augen des anderen zu sehen - und seine Gefühle, Erinnerungen, Lebensmuster und festgefahrene Meinungen zu übernehmen. Aber wenn die zierliche Kerstin Radt sich als polternder Ehemann gebärdet, so ist das doch recht unglaubwürdig, und Busse als junges Mädchen buhlt und greint zuweilen ganz unerträglich. Als seine flotte Ehefrau Edelgard (Monica Kaufmann) dann plötzlich auftaucht, und auch der temperamentvolle Freund von Nelli in diesem Hotel eintrifft, da wird die Farce endgültig zur Groteske. Frau Heppelmann scheint es ohnehin aufgegeben zu haben, dem verqueren Geschlechtertausch zu glauben und zu folgen und müht sich, ihren Text gut aufzusagen, während der verzweifelte Benny (Florian Kogan) doch recht überzeugend in seine Rolle schlüpft. Da soll der arme Kerl nun plötzlich einen alten Mann lieben, in dem die Seele seiner Nelli steckt. Das ist schon hart.

Als sich das Wunder wieder auflöst, und jeder Geist in seinen Körper zurückkehrt, sind alle von großer Pein erlöst. Nicht nur die zwei Paare da oben auf der Bühne, auch das Publikum da unten im Parkett. A.C.