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Demokratie von Michael Frayn |
Ein Politdrama mit lauter netten Männern Barmherzigkeit für Brandt - Vergebung für Guillaume |
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Aus dem Englischen von Michael Raab Ensemble Regie: Felix Prader Bühnenbild: Werner Hutterli Kostüme: Gerhard Gollnhofer Dramaturgie: Gundula Reinig mit: Peter Striebeck (Willi Brandt); Tilo Nest (Günter Guillaume); Boris Aljinovic (Arno Kretschmann); Thomas Hodina (Reinhard Wilke); Günter Barton (Ulrich Bauhaus); Michael Hanemann (Herbert Wehner); Ulrich Kuhlmann (Helmut Schmidt); Wolfgang Häntsch (Hans-Dietrich Genscher); Matthias Günther (Günther Nollau) Sehenswert: Ein großformatiges Programmheft mit hochwertigen Illustrationen und u.a. informativen Beiträgen über den Autor, seine Intentionen sowie über die tatsächlichen politischen Abläufe in der Ära Brandt mit Beiträgen von Egon Bahr, Willy Brandt und Günter Grass. Außerdem: im oberen Foyer eindrucksvolle Porträts des SPD-Politikers von Jürgen Draeger
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Das ist ein Politdrama mit lauter netten Männern, nämlich der poetische Rückblick auf Aufstieg und Niedergang eines charismatischen Politikers, der mit Gefühl regieren wollte, um von allen Bürgerinnen und Bürgern geachtet und geliebt zu werden, der sich als Mann des Volkes aufbaute, der in Warschau seine Knie beugte angesichts einer niemals zu tilgenden historischen Schuld, der aber blind war gegenüber seinen Widersachern. Er vertraute den weichen Worten seiner Gegner kindgläubig, stellte Wortwitz, Geselligkeit und Amouren über politisches Kalkül und schaufelte sich, vielleicht aus Gutmütigkeit, aber auch aus Stolz und Arroganz, sein politisches Grab. Neben ihm, hinter ihm und mit ihm als sein ewiger Schatten: Günter Guillaume, der Spion, der aus dem Osten kam. Dies ist die Geschichte von zwei Männern, die von der Politik ge- und missbraucht wurden. Peter Striebeck spielt diesen Willi Brandt (in Michael Frayns mit Humor und eigensinnigen Charakteren angelegten Drama) eher pastoral als politisch. Er ist ein sehr sanfter, oft depressiver Typ, der alle und alles mit Wohlwollen betrachtet und seine politische Aufgabe als große Umarmung aller Deutschen versteht. Er hält Sonntagsreden, meidet Konflikte, sucht stattdessen Kompromisse. Er ist auch ein Freund der Kommunisten. Die Ostverträge, die Egon Bahr aushandelt, sind sein credo. Diese Richtlinie ist klar und wird mit Wohlwollen von Russland, Polen und der DDR betrachtet, weniger von der CDU und FDP! Damit Ostdeutschland aber auch sicher sein kann, dass der neue Bundeskanzler sein Ziel nicht aus den Augen verliert, schleust die SED dem netten Willi den netten Günter ins Kanzleramt, dessen Glaubwürdigkeit sich mit vermehrter Akteneinsicht glücklich paart. Der Spion an seiner Seite - mehr als jede Frau, vor allem die eigene - pflegt und umhegt dieser Guillaume "seinen" Chef, den er wahrlich "liebt". Wohl eher devot umschleicht und umwindet er ihn wie ein Wurm, wie eine Schmeißfliege, die Brandt zunächst ziemlich lästig ist; dann hat er sich, auch vor allem dank eifriger Fürsprache durch den Motor und Macher Ehmke, so sehr an ihn gewöhnt, dass beide Familien einen langen gemeinsamen Sommerurlaub in Norwegen verbringen. Akteneinsicht pur! Das ist real - die Gespräche zwischen den beiden Männern am Seeufer sind fiktiv. Atemberaubend - was wäre, wenn er ein Spion wär`? Solchem Verdacht folgten Geheimdienst und andere seit geraumer Zeit. Guillaume wird bereits observiert, auch in Norwegen. Brandt wusste dies, ließ aber die Dinge laufen, traf keine Entscheidung. Kein Mann für`s Grobe. Dafür hat er "Onkel Herbert" - von allen Politgrößen jener Jahre von Michael Hanemann am besten in Wort und Witz getroffen -, mit der Markensetzenden Pfeife und einer riesigen Portion Zynismus ausgestattet. Als einstiger Kommunist, der die "wahren Werte" der frühen Freunde bitter durchlebt und erkannt hat, wie marode der Osten und wie müde diese Marionette Willi ist, ärgert Wehner sich ohne Unterlass und ficht mit dem neuen energischen Vorwärtsstürmer Helmut Schmidt eine neue Strategie aus. Misstrauisch ist auch der Wachhund vor Willi` s Tür, der sonore Reinhard Wilke, mit Gespür für falsches Pathos und unehrliche Eilfertigkeit. Aber Guillaume ist zu geschickt, zu schnell, zu unscheinbar und jedenfalls stets zur rechten Zeit am rechten Ort. Er hat mehr als nur zwei Ohren, mehr als ein Gewissen und er ist ganz sicher eine schizoide Persönlichkeit. Boris Aljinovic´, sein Führungsoffizier wacht über jeden seiner Schritte und Fortschritte - ein politisch und psychologisch gut geschulter Überwacher. Felix Prader stellt ihn als Berater, Berichtempfänger, Bote von "Micha" (Markus Wolff) Guillaume einem dunklen Schatten gleich an die Seite.. Man kennt das Ende der Akteure, die ihre gewichtige Rolle vor und hinter den Kulissen spielen - sie alle haben, wie der Gemeindienstmann Nollau und der FDP-Stratege Genscher, ihre Rolle in diesem Geschichtsabschnitt (1969-1974) gespielt, in dem man die Weltpolitik ostwärts verlagerte und der RAF wohl zu vorsichtig zu Leibe rückte.
Es ist kein atemberaubendes Drama daraus geworden, eher eine fiktive Darstellung undokumentierter Gespräche, die die Charaktere transparent werden lassen und ihre Situation, ihre Wünsche, Hoffnungen und Enttäuschungen in einen großen Kontext stellen. Es ist die Beschreibung eines tragischen Politikers und einer glücklicherweise überholten Feind-Freund-Politik, sieht man vom später aufgebauten Feindbild Amerika einmal ab. Die Männer und Macher auf der Politszene Deutschlands sind Geschichte, die angesichts völlig veränderter Tatsachen heute eher wie eine Farce anmutet. Man hätte das Stück daher eher mit Distanz und ironischem Wohlwollen inszenieren können, als eine Betrachtung von idealistischen Vorstellungen und rüdem Gerangel, menschlichen Verirrungen und Verwirrungen (z.B. wird der Menschenhandel als fest einkalkuliertes Mittel auf beiden Seiten - die DDR nahm gutes Geld, der Westen erhielt verhaftete DDR-Dissidenten - nur am Rande erwähnt). So ist letztlich nur ein nettes Rückstück auf fast lauter nette Menschen entstanden. Am nettesten ist leider eigentlich dieser Guillaume als "Diener zweiter Herren" dargestellt, was natürlich an der Besetzung der Rolle mit Tilo Nest als absolutem Sympathieträger liegt. A.C. |