Der Gott des Gemetzels

von
Yasmina Reza

 

 Als wenn es nur um die Kinder ginge...

  Ehekrieg in der psychologischen Grauzone


Berliner Ensemble

und

Hans Otto Theater Potsdam

 

Berliner Ensemble:

Regie: Jürgen Gosch; Bühne und Kostüme: Johannes Schütz
mit
Corinna Kirchhoff als Annette, Michael Maertens als ihr Ehemann Alain, Dörte Lyssewski als Veronique, und Tilo Nest als ihr Ehemann Michel

Hans Otto Theater Potsdam:

Regie: Bernd Mottl; Bühne und Kostüme: Friedrich Eggert; Dramaturgie: Georg Kehren
mit:
Jacqueline Macaulay aals Veronique Houillè; Michael Scherff als ihr Mann Michel; Anne Lebinsky als Annette Reille und Henrik Schubert als ihr Mann Alain

Gräben zwischen den Geschlechtern, Erziehungsdifferenzen bei den Müttern, Frust und Enttäuschung in den Beziehungen, wenn man die Regeln der fairen Ehrlichkeit nicht einhält. Dass über diesem jäh aufbrechenden Kleinkrieg das amoralische Damoklesschwert einer zynischen Gesellschaft schwebt, die Erfolg und Profit über gesundheitliche Sicherung setzt, ist das eigentlich Gemeine in dieser Story. Und ganz nebenbei geht es auch um das Ausrotten ganzer Ethnien.
Lange sah man nicht so viele Reizthemen auf einmal - mit Humor ummäntelt und treffsicher aufgespießt. 

 

 

 
 
Die umjubelte Zürcher Aufführung ist nun auch beim Berliner Ensemble angelangt, und andere Theater - bis auf das Potsdamer Hans Otto Theater- ärgern sich. Denn die charmante und geistreiche französische Autorin ist beinahe immer ein glücklicher Garant für Publikumsbegeisterung, die zugleich auf Schadenfreude wie auch auf Betroffenheit beruhen mag. Und sie weist alle anderen Autoren zurück auf die hinteren Plätze, wo sie in schreckliche Wehklagen über diese globalisierte, ungerechte, feindliche, kapitalistische Welt eintauchen und dabei den Humor vergessen.

Bei Reza kommt immer der Hieb mit den falschen Wörtern und verdeckten Aggressionen, die plötzlich leidenschaftlich und ungebremst, einem brodelnden Vulkan ähnlich, jäh aus dem gut getarnten inneren Verlies hervorbrechen. Menschliche Unzulänglichkeiten, die sich am scheinbar Banalen entzünden, Floskeln der Höflichkeit, die zu zischenden Flammen entfacht werden. Nun, der Gott des Gemetzels ist jener Gott, der von Anbeginn der Welt seinen Geschöpfen nicht nur die Liebe, sondern auch den Kampf, die Auseinandersetzung und den Tod bescherte. Und dieser Kampf setzt sich in jeder Generation fort, gedämpft durch die zivilisatorischen Errungenschaften, gesellschaftlichen Gepflogenheiten und christlichen Gebote. Doch das Thema ist bei Yasmina Reza weiter ausgedehnt, es umfasst das volle Leben, das politische und das gesellschaftliche um uns herum und in anderen Ländern. Aber es hat vielleicht auch etwas mit dem Tod der Liebe zu tun, wenn sie nicht gehegt und gepflegt wird wie ein Pflänzchen oder ein Bankguthaben; beide welken dahin, wenn sie zu stark beansprucht oder vernachlässigt werden.

Es beginnt einigermaßen nett: Die Eltern des 12jährigen Ferdinand wollen sich bei den Eltern seines Schulkameraden Bruno entschuldigen. Ferdinand hat Bruno in einem Jungenstreit leider zwei Vorderzähne mit einem Stock eingeschlagen. Das ist kein Fall mehr, der so abgetan werden kann. Brunos Eltern bestehen denn auch auf einer schriftlichen Fixierung des Tatbestandes und dem Eingeständnis der Schuld Ferdinands, während dessen Eltern zwar ebenfalls einigermaßen schockiert sind, aber darum in ihrem Sohn noch keinen Straftäter sehen wollen. Welche Eltern würden nicht so reagieren?

Doch es liegt etwas in der Luft, etwas Beißendes, Beklemmendes, etwas Unheilvolles; vielleicht ist das die Art wie Brunos Mutter - eine überbesorgte, überpädagogisch ambitionierte Sachbuchautorin - der Sache auf den Grund gehen möchte. Ihr penetrantes Beharren auf die eindeutige Schuldzuweisung und ihr wiederholtes Klagen um ihren verletzten Sohn bringt langsam das andere Paar in Rage. Corinna Kirchhoff verleiht ihrer Veronique, einer smarten Vermögensberaterin, zunächst eine überaus angepasste Demut, verliert jedoch zunehmend ihr sanftes weißes Büßergesicht, das sie herrlich rot anlaufen läßt, wenn Wut und Übelkeit in ihr aufsteigen. Michael Maertens, Gast aus München, ist in dieser Rolle wohl einmalig widerwärtig. Wie er mit seiner monoton schleppenden und aufreizenden Intonation diesen lässigen Anwalt und Ehemann Alain schlaksig und nervtötend, absolut unempfänglich für die Sorgen und Nöte anderer, auf die Spitze stellt, ist zugleich amüsant und tief beunruhigend. Er ist der Typ Mann, der sich keinen Deut darum kümmert, was zwischen seinen lautstark geführten Telefongesprächen in diesem kalten Raum eigentlich geschieht. Seine einzige Sorge gilt der Pharmafirma, deren schädliches Produkt er zu decken hat. Letztlich sind es seine Arroganz, seine Kälte, sein absolutes Desinteresse an allem, was sich hier in dieser Umgebung (und wohl auch in der eigenen Familie) abspielt  - was seine Frau zum ersten Zusammenbruch bringt und beinahe die kostbaren Kunstbücher der Gastgeberin ruiniert. Panik und Hysterie zerstören nun auch die bisher wohltemperierte Contenance von Annette. Und während sich ihr ebenso gutmütiger wie etwas einfach strukturierter Mann Michel bemüht, die Schäden an Büchern und Menschen per Föhn, Rum und versöhnenden Gesten zu reparieren, werden bereits neue feindliche Geschütze aufgebaut. Tilo Nest gelingt mit seinem Michel die sympathische Ausformung einer Persönlichkeit, der man ohne Zweifel ein hilfsbereites, gutmütiges Wesen, aber in diesem Rahmen eben doch nur die begrenzte Sensitivität eines einfachen Gemüts bescheinigt.

Nun nimmt leider das Geschehen weiter seinen Lauf, und anstatt sich zu verabschieden, genießen Alain und Veronique es offensichtlich, das schwelende Feuer der Gegensätzlichkeiten weiter zu entfachen. Aber - vielleicht haben sie einfach nicht das Buch "Manieren" gelesen, in dem der äthiopische Schriftsteller und Journalist Asfa Wossen Asserate so bravourös die Mängel des guten Benehmens unserer Zeit analysiert, und dessen Gesellschafts-Benimmanalyse passend in das Programmheft des Potsdamer Theaters eingebunden ist!

Zwischen beiden Inszenierungen besteht ein haushoher Unterschied; denn während Jürgen Gosch seine Darsteller entsprechend ausgesucht hat und dazu anhält, die kalte Schärfe des Stückes auf die Spitze zu treiben, die Menschen zu Monstern aufzuheizen und das Spiel bis ins Absurde (inklusive Bühnenbild) auszureizen, so dass jeder Einzelne am Ende ein geschlagenes und vernichtetes Ungeheuer darstellt, verteilt Bernd Mottl seine Protagonisten in einer Arena und zeigt damit sinnbildlich ihre vorgegebene Eingrenzung und den sich im Kreis drehenden verbalen Kampf. Er läßt sie, vielleicht mehr im Sinne der Autorin, mit all ihren Unzulänglichkeiten letztendlich menschlich bleiben. Im BE geht man mit kühlem Kopf nach Hause, aus Potsdam kehrt man erschüttert heim und weiß genau, was geschieht, wenn alle guten Regeln des fairen und wenn nötig, auch stillschweigenden Umgangs miteinander zerbrochen werden und das gesellschaftliche und persönliche Chaos seinen Lauf nimmt. Um das Leben dieser vier Personen wieder einzurenken und mit möglichst wenig bleibenden Schäden auf eine neu sich ausrichtende Lebensbahn zurückzubringen, bedürfte es bei Gosch schon eines sehr guten Therapeuten. Bei Mottl bedarf es vielleicht in der Hauptsache der altruistischen Bereitschaft, neue Verhaltensmuster einzuüben, in denen man sein unzivilisiertes Benehmen analysieren und wieder ins Lot bringen kann.

Ganz besonders bestechen am BE Dörte Lyssewski und in Potsdam Jacqueline Macaulay als Veronique, die vom scheinbar so sanftmütigen, besorgten Gutmenschen zum wild- wütenden Weib mutieren, während sich die beiden Annettes, Anne Lebinsky und Corinna Kirchhoff, in beinahe furienartiger Raserei bis zur Erschöpfung steigern und dem Wahnsinnstreiben ihres Ehemannes endlich eine Grenze setzen. Auch dieser (in Potsdam Henrik Schubert als Alain) ist nicht gar so überheblich wie Maertens am BE, bleibt vielmehr eine Nervensäge, die in der Enge ihres Handy-Lebens schon gar nicht mehr wahrnimmt, wo die Grenzen zwischen Moral und Amoral liegen. Michael Scherff als Michel, der Klempner-Ehemann der intellektuellen Veronique, stellt sich der charakterlichen Entblößung des einfachen Mannes mit sehr viel mehr Ehrlichkeit als der zurückgehaltene Tilo Nest am BE.  A.C.