Der Zeichner

 von
Michael Healey

 

Westernromantik mit schrillen Tönen

Zurück in die Wirklichkeit

   

 Deutsche Erstaufführung

  Renaissance Theater

Regie: Felix Prader

Bühne: Werner Hutterli

Musik: Michael Lohrengel, Jörn Riemann:

Deutsch von Gerhard Hauck

 

mit: Gerd Wameling (Angus), Udo Kroschwald (Morgan), Raphael von Bargen (Miles)

Aus dem Programmheft

Das 1972 spielende Stück von Michael Healey ist das erfolgreichste kanadische Schauspiel aller Zeiten und wird gegenwärtig auch in den Vereinigten Staaten auf zahlreichen Bühnen mit großem Erfolg gespielt. Mit pointierten, witzigen Dialogen und Figuren,   zeigt Healey, wie scheinbare Zufälle unser Leben, unsere Identität bestimmen und verändern können. Und er stellt sich und uns die Frage, welche Rolle das Theater als psychologische Erfahrung bei der Wirklichkeitsvermittlung spielen kann.

Zurück

  Wie bei vielen amerikanischen und kanadischen Stücken aus den 70er Jahren spielt Seelentiefe eine zentrale Rolle - die Einsamkeit der Landschaft und die Härte des Alltags hatten sich längst auf die Gemüter ihrer Bewohner übertragen - und Kauzigkeit und Überlebenskunst verbinden sich auf eigentümliche Weise. Es sind nachdenklich stimmende Geschichten, die seit Arthur MiIler und einer ganzen Generation von (psychologisch motivierten und von Kriegserlebnissen traumatisierten) Schriftstellern die Zuschauer bewegt haben. Diese Storys sind, sofern ein Theater den Mut hat, gegen den Zeitgeist zu schwimmen, auch heute noch von faszinierender Aktualität. Natürlich muss man hier Geduld aufbringen - denn hier spult kein rasantes Feuerwerk von zündenden oder vieldeutigen Gags ab, sondern eine sich langsam, kontinuierlich entwickelnde Geschichte, die nach und nach Lebenslügen heilsam als Wahrheiten aufreißt.

So führt das Schicksal eines Tages einen jungen tollpatschigen Langzeitstudenten aus der Großstadt Toronto mitten in das einsame und eintönige Leben zweier kauziger Landwirte. Miles, so heißt der junge Heißsporn, der weder Taktgefühl noch irgendeine Ahnung von Landwirtschaft besitzt, will ein Theaterstück über das Leben auf dem Lande schreiben und quartiert sich mit jungenhaftem, unbekümmerten Charme bei dem leicht knurrigen Morgan und seinem etwas wunderlichen Bruder Angus ein. Angus ist mit Gerd Wameling eine außergewöhnliche Besetzung. Und bis zur   Pause stellt sich die Frage, warum sich denn dieser große Schauspieler mit einer so spärlichen Darstellung des offensichtlich geistig arg Behinderten zufrieden gibt. Doch je mehr die Geschichte vorantreibt (und ihr Tempo nimmt durchaus zu),  desto mehr entwickeln sich die Charaktere und ihre   Eigenarten innerhalb einer bislang fest zementierten Lebensgeschichte.

Miles hat als immerfort gescheiterter Student noch einmal eine Chance, sich als Autor zu bewähren; Morgan betreut den im Krieg von einer irreparablen Hirnschädigung betroffenen Bruder knurrig, gemütvoll und nachsichtig; doch schleppt er sich gebeugt wie von einer weitaus schwereren Last durch das karge Leben. Allerdings bleibt ihm wohl trotz aller Widernisse der Schalk im Nacken erhalten, und damit foppt er den naiven Miles ganz außerordentlich.

Miles, jedoch, mit keinerlei Hemmungen vor der Privatsphäre der Gastgeber, nutzt deren Schicksalsstory naiv-schamlos für sein Theaterstück aus und erntet nach einer Aufführung in der Kleinstadt einen seltsamen Neben-Erfolg: Während Morgan ihn unmissverständlich hinauswerfen möchte, hält ihn Angus fest - er hat sich und seine Geschichte plötzlich in einem Spiegel gesehen; und nun geschieht etwas, was man therapeutisch sehr wichtig nimmt: die Bewältigung eines Traumas durch eine Regression. Somit schreitet die Geschichte einem seltsamen Ende zu, nämlich einer Rückbesinnung und einem Sich-Wieder-Einfinden in die Wirklichkeit. Miles wird die beiden Brüder verlassen, und diese werden ihr Leben weiterführen, wie bisher. Und dennoch ist eine wesentliche Veränderung in  ihrer aller Leben eingetreten.

Mit einer entsprechenden (sich zwischen allen Harmonien und Disharmonien bewegenden) Countrymusic erhält die Story ihren eigentümlichen Sound, einen romantischen Touch mit schrillen Tönen. A.C.