"Elvis lebt. Und   Schmidt kann es beweisen"

von und mit
Harald Schmidt

 
 

Vor allem aber lebt die Satire
- zwischen Rock'n Roll und der RAF-


 
Berliner Ensemble

 Gastspiel des Staatstheaters Stuttgarter  

Mit: Thomas Eisen, Elisabeth Findeis, Benjamin Grüter, Martin Leutgeb und der Band Baby Grand

 

 
 Auf der linken Bühnenseite präsentiert sich die Band, auf der rechten warten die Begleitsänger auf das Startzeichen. Durch einen farblich variierenden Lamettavorhang tritt ein schlanker junger Mann im eleganten Nadelstreifenanzug nach vorn, schon graumeliert, also nicht so ganz jung; doch Witz und Eloquenz, Gags und Geistreicheleien sind frisch wie lange nicht mehr: Harald Schmidt in persona im Berliner Ensemble mit einem Programm, das so bunt gemixt ist und doch in sich so fein gesponnen, wie nur Schmidt es beherrscht als Kabarettist, als Entertainer, als Schauspieler, und, auch als notensicherer Sangeskünstler. Zuvor allerdings hat er einen Hustenanfall, die Plastikwasserflasche hilft nicht, auch das leichte Massieren des hilfsbeflissenen Sängers nicht. Schmidt verabschiedet sich für einen Moment, verschwindet hinter der Bühne, währenddessen ein afrogelockter Pianist mit scheinbar arabischem Sprachwirrwarr und viel Gefühl fürs Klavier den Spaßmacher mimt. Dann Schmidt zurück, ein bisschen parodierend und blödeln über Viren, Hypochonder und Eitelkeiten an sich und im Besonderen.  Schließlich zum Thema: Elvis-Rock-Abend 1977 - 13mal war Student Schmidt bei dieser Show am Stuttgarter Schauspiel, wahrscheinlich nicht so oft in "Antigone" und "Die Gerechten", studierte jede Bewegung des Conferenciers, jede Variation des Vortrags. Aber auch: Stammheim-Prozess und Suizid der Hauptangeklagten der RAF Gudrun Ensslin und Andreas Bader: Studienzeit, Aufstand gegen alte Normen und Auftrieb zu neuen Ufern auch im Schauspielbetrieb; doch die Schüler hielten wohl lieber zu Elvis als sich dem "Deutschen Herbst" anzuschließen. Erinnerungen, Karikaturen von Lehrern, Sängern, Schauspielern und reizvolle Seitenhiebe in schwäbischer Mundartlichkeit auf den Betrieb an der Schauspielschule. Der Schauspieler Schmidt liebt noch immer den Part aus "Dantons Tod", den er vor 30 Jahren zum Vorsprechen einstudiert hatte, und der ihm offensichtlich Tor und Tür für eine individuelle Karriere öffnete. Ein bisschen Wehmut an jene Zeiten? Verklärt werden alle Erinnerungen ohnehin - des Kabarettisten besonderes Merkmal dabei: Er legt sich politisch nicht fest, bleibt zwischen unvergänglichen Elvis und der nicht bewältigten RAF irgendwo hängen, betört mit liebevollem Spott und Spots - denn dessen hervorstechendes Merkmal ja die Kürze ist, die Unterbrechung, die ihm Kurzweiligkeit garantiert; kein Song währt so lange, dass man im Zuschauersaal von den Sitzen empor springen könnte, kein Brecht-Poem wird mit schulmeisterlichem Ernst vorgetragen - stundenlang hätte dieser Abend währen können mit all seinen kleinen Insidernadelspitzen, die so sonderbar zum Lachen reizen... wusste man bisher noch nicht, dass der Intendant dieses Hauses die zweithöchst Gage erhält nach seinem Freund-Feind Casdorf an der Volksbühne, und dass ein großes Stück der Torte an die Herren Regisseure und Schauspieler Wilson, Stein und Brandauer weitergereicht wird... ?
Und als der zarte Berserker, der Elvis in all seinen tollen Hits so großartig kopiert, sich auch als Hitler herzerfrischend skurril im Bett von Bader aus Moby Dick vorlesen läßt - denn wer die RAF (und den Nationalsozialismus) verstehen will, der sollte nach kühner Ansicht des Ex-Spiegelherausgebers Stefan Aust eben diesen Melville lesen - - da merkt man doch, wer ein Meister seines Fachs ist.

Ein großartiger Abend, der Harald Schmidt nach seinen letzten banalen TV-Auftritten wieder an die Spitze katapultiert und ihm sein eigentliches Metier wieder bewusst gemacht hat. Man achte auf weitere Tourneeveranstaltungen und reise Schmidt und Co einfach nach... Es lohnt sich ganz gewiss! A.C.