Die Comedian Harmonists besuchen

Frau Luna -
Mondsüchtig

 Operette
nach
Paul Lincke

 

 

Der Mann im Mond ist eine hinreißende Frau - Männerträume von einst und heute
 

    

  Theater am Kurfürstendamm

Text von Heinz Bolten-Baeckers
In einer textlichen Einrichtung
von Jürgen Wölffer
Musik und Arrangements:Peter
Schirmann
Regie: Jürgen Wölffer;

Bühne: Hans Winkler

Kostüme: Gerhard Kropp

Choreographie: Andrea Heil
Mit: Bettina Meske als Wirtin und Frau Luna; Birge Funke als Marie; Holger Off als Ari und Otto Pannecke; Olaf Drauschke als Erich und Fritz Steppke; Ralf Steinhagen als Roman und Erich Lämmermeier; Philipp Seibert als Harry und Hanne; Wolfgang Höltzel als Robert und Theophil Pusebach, Host Maria Merz als Erwin und Udo

Kurz gesagt:

Eine Hommage an Paul Linke und die Comedian Harmonists mit dem beachtenswerten Versuch, diese historisch 30 Jahre nacheinander populär gewordenen musikalischen Genies posthum miteinander zu verbinden. Musikalisch ist das glänzend gelungen.

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Ganz Berlin ist seit Jahren von einer Kältewelle heimgesucht. Nur ein kleiner Bezirk trotzt dem eisigen Eindringlich, der mit absoluter Destruktivität nach und nach alle Bühnenhäuser erobert hat - bis auf zwei kleine Bühnen am Kurfürstendamm. Theater des Einfachen, des Überschaubaren, aber auch der herzlichen Hingabe, der emotionalen Wärme, der Heiterkeit und des Optimismus. Und deshalb hat man dort die Comedian Harmonists wieder herbeigezaubert - jene Doubles, die die einst so hoch berühmte und später tragisch auseinander gebrochene Sängergruppe mit den Goldkehlen so hervorragend auferstehen ließ, dass sie zu einer eigenen Institution wurde, Die neuen Comedian Harmonists haben den alten Schlagern neue Kompositionen hinzugefügt und touren nun mit einem umfassenden Repertoire um die Welt. Jetzt sind sie wieder im Theater am Kurfürstendamm angekommen, um die erfolgreichste Operette von Paul Lincke - Frau  Luna 1899 uraufgeführt - wieder aufleben zu lassen.

Mit einer neuen Rahmenstory, den alten Liedern, einigen neuen songs und mit sehr viel Drive. Das ist nicht in allen Bereichen so recht gelungen. Was die Evergreeens betrifft, so werden sie wohl bis in alle Ewigkeit als Ohrwürmer gefeiert; Sie sind halt unvergänglich - das, was Kunst in allen Bereichen ausmacht. Auch die Sänger sind mit ihren betörenden Stimmlagen - vom Counter-Tenor bis hin zum volltönenden Bass-Bariton- ein echter Genuss. Aber das Libretto ist ein alberner und antiquierter Schwank: Der letzte Junggesellenabend wird mit allerlei blöden und zotigen Bemerkungen über Ehe im Allgemeinen, Männer und Frauen im Besonderen und einem ausschweifenden Biergelage mehr schlecht als recht über die Bühne gebracht. Reiner Nonsense!

Das Bühnenbild dominiert mit einer Straßentheke und soll das Milieu der Kleinen Leute in der Berliner Ackerstraße wiedergeben. Aber das wird immer wieder gerne heraufbeschworen und hat mit der Geschichte absolut nichts zu tun. Auch versorgt nicht der Thekenmann die trotzigen Junggesellen mit Bier, sondern überlässt diesen Service der üppigen Wirtin, die, sahen wir sie noch jüngst im Schlossparktheater als vital-weltliche Nonne? mit dieser Aufgabe mit Hingabe nachkommt. Bettina Meske, die später auch als Inkarnation der romantischen Himmelsgöttin zu jedermanns Entzücken auftritt, ist ein Prachtweib und hat das Zeug, nicht nur die Männerwelt zu begeistern.

Dann wickelt sich ein Spiel im Spiel ab: Die Männergesangsgruppe, die sich auf ewig zur Solidargemeinschaft ihrer Kunst eingeschworen hat, darf noch nicht durch bürgerliche Ehe (und vor allem dominante Ehefrauen) aufgebrochen werden, und so entschließt man sich, mit dem erfindungsreichen Bräutigam erst einmal zum Mond zu fliegen und zu flüchten (Charles Lindbergh hat gerade die Welt verändert!), um dort seinen Träumen nachzulaufen. Da hat ein jeder so seine Wünsche an das Reich des Mondmannes, der sich als Frau entpuppt. Das alles ist scheinbar spaßig verpackt, kommt aber eher peinlich daher. Die eifersüchtigen Bräute werden übrigens leichten Herzens von dieser "feinen" Männercrew auf der Erde zurückgelassen.

Der Tresen schwebt also samt Klavier und einigen zündenden Feuerwerkskörpern gen Himmel, wo alles hellsilbrig glitzert und Frau Luna die Überraschung in Persona ist - Witwe dazu, was können sich sechs Männerherzen sonst noch wünschen! Aber sie werden alle erst einmal inhaftiert bis ihr Asylantrag bearbeitet ist. Nette kleine Gags zur Gegenwart. Aber ansonsten eher Heinz-Rühmann-Feuerzangenbowle-Pennälerstil. Nach der Pause treten die Herren wieder seriös und chic in Fräcken auf und erobern sich ihren würdigen Ruf zurück, allerdings, was die Liebe anbetrifft, stehen sie weiterhin recht macho-deppenhaft da - wären da nicht zwei so fantastische Frauen, die sie beim Schlafittchen packen. Auch die elegante Birge Funke als Marie ist mit ihrem bestechend klaren Musical-Sopran eine hinreißende Evastochter!

Da hätte man schon ein bisschen mehr Aktualität zur heutigen single-Situation und Familiengründungs-Angst inszenieren können! Die Dinge haben nur andere Namen erhalten, sind aber immer noch der ewigen Sorge der Männer, den Frauen möglicherweise unterlegen zu sein, sehr nahe. A.C.