Mondlicht und Magnolien (2007)

von
Ron Hutinson

Deutschsprachige Erstaufführung
 


"Vom Winde verweht" -

wie der Film entstand

 

   

Renaissance Theater

Regie: Tina Engel; Bühnenbild: Werner Hutterli; Kostüme: Petra Kray; Deutsch von Katharina Abt und Daniel Karasek

mit: Boris Aljinovic´, Jürgen Tarrach, Guntbert Warns und Barbara Kowa 

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Während die Filmfestspiele in Berlin Glanz und -Glamour ihrer Stars und Sternchen präsentieren und ihre Fans sich weder von Eis und Schnee noch von endlosen Warteschlangen vor den Filmhäusern abschrecken lassen, erzählt im eleganten Ambiente des aufgefrischten Jugendstils das Renaissance-Theater eine köstliche und auch nachdenklich stimmende Story über das insider-Hollywood, wie es früher und wohl auch noch heute um Ruhm und Ehren kämpft. Denn Ron Hutchinson ist ein erfahrener Drehbuchautor, der sich in amerikanischen und britischen Studios recht gut auskennt und weiß, wie und in welchem Maße im harten Filmgeschäft intrigiert, manipuliert, gekämpft, geliebt und gearbeitet wird. Und immer geht es natürlich ums Geld, aber auch, und das ist das Liebenswerte an dieser Branche, letztendlich doch um eine Beseeltheit und Besessenheit, die Worte in atemberaubende Bildergeschichten verwandelt, wie sie das Leben und alle Filmemacher zusammen erdacht haben.

Und etwa so muss es ungefähr bei der Verfilmung von Margaret Mitchells steinerweichendem historischen Liebesdrama "Vom Winde verweht" zu- und hergegangen sein; Man muss etwas übrig haben für  die Filmfabriken, für die komischen Kauze, die hier herrschen und feilschen, um Geschichten auf Zelluloid zu pressen und zu neuem Leben zu erwecken. Ihren Eigenarten und Machenschaften, ihrem Genie, das zuweilen an Wahnsinn grenzt, und uns doch nachher im Kinosessel so schön gefangen nimm, hat Hutchinson hier ein Denkmal gesetzt, indem er die Aufzeichnungen des Drehbuchautors Ben Hecht nun wiederum in ein eigenes Bühnenstück verwandelte.

Was wäre geeigneter, um als Komödie über die Bühne zu flackern, als eine Parodie auf das realistische Leben hinter den Filmkulissen?; Denn so turbulent ist es wohl einst wirklich hinter den eleganten Studiotüren zugegangen, als der Produzent David O. Selznick sich an die Verfilmung eines Riesenwerks machte, von dem er bereits 1936 die Rechte gekauft hatte, ohne seinen Erfolg voraussagen zu können. Nachdem sich "Gone with the wind" zum Kassenschlager aufgeschwungen hatte, begann er 1939 seine Idee in die Tat umzusetzen. Doch welche Schwierigkeiten türmten sich vor ihm auf, ganz abgesehen von den immensen Kosten; das Casting verlief langwierig, und für die vielen hübschen Mädchen, die sich fiebernd Hoffnungen auf die Rolle der sagenhaften Scarlett O`Hara gemacht hatten, ergebnislos, weil Selznick plötzlich die bis dahin unbekannte britische Schauspielerin Vivian Leigh entdeckt hatte. Clark Gable war relativ schnell für die Rolle des Rhett Butler gefunden, ebenso Olivia di Haviland als Melanie, Leslie Howard und Hattie Mc.Daniel  - aber wer konnte in Windeseile einen Romanwälzer in ein passables Drehbuch verwandeln, welcher Regisseur phantasievoll und energisch die neue Technik mit den Wünschen und Widrigkeiten des Filmbetriebs vereinbaren, die ein Werk dieses Ausmaßes erforderte?

Selznick wechselte mehrmals Drehbuchautor und Regisseur und  schloss sich  - Tatsache - eine Woche kurzerhand mit dem Drehbuchautor Ben Hecht und dem Regisseur Victor Fleming in seinem Büro ein -  nur mit Bananen und Erdnüssen versorgt, als Nervennahrung. Und hier beginnt die tolle Geschichte, die in der heutigen Bühnenversion zwei turbulente Stunden hämischen Vergnügens beschert, doch auch so manch tiefsinnige Überlegungen aufwirft, wie es denn so um Geschichtsbewältigung, Rassenproblematik, Gleichheitsvisionen, Machtverhältnisse und charakterliche Eignungen in diesem Metier bestellt ist. Das Renaissance Theater bietet mit Tina Engel als Regisseur eine komödiantisch aufgeladene Inszenierung mit einer Spitzenbesetzung und ein dem Ambiente des Theaters angepasstes Bühnenbild. Man wird einen vergnüglichen Vor-Film-Abend erleben.

(Den richtigen Film gibt es am 26. Februar, um 19.30 Uhr im Renaissance Theater (Spieldauer 4 Stunden!)

Denn dieser Produzent David O. Selznick wird von Jürgen Tarrach wundervoll ausgespielt, leidenschaftlich und fanatisch, besessen von seiner Vision, diesen Film in die Geschichte eingehen zu lassen, und er spielt zusammen mit dem leicht derangierten und hilflosen Regisseur Victor Fleming, (Guntbert Warns) routiniert alle Buchrollen im Blitzdurchgang dem völlig fassungslosen Ben Hecht vor. Dieser,   ebenso begabt wie eigenwillig, hat das Buch bisher nicht gelesen und findet immer mehr Gründe, es abzulehnen. Dass es die Drei dabei des Öfteren aus dem Anzug schlägt, das heißt, sie die Beherrschung verlieren, sich an Kragen und Gurgel gehen und dabei ein wüstes Schlachtfeld von Bananen- und Erdnussschalen inszenieren, mag zuweilen ein wenig übertrieben sein; doch wie sich der widerborstige Drehbuch-Journalist nach und nach mit unverändert trauriger Miene überzeugen läßt, ein brauchbares Script zu schreiben, ist eine komödiantische Spitzenleistung! Auch wusste man bisher wenig darüber, welch schauspielerische Überzeugungskraft ein Produzent besitzen muss, um einen leidgeprüften Regisseur wie auch einen hoch empfindlichen jüdischen Autor von seinen Ideen zu überzeugen, der sich bockbeinig und sarkastisch gegen Kitsch und kaufmännisches Kalkül stemmt, sich gegen rosarote Scheinwelten wehrt und vehement für Rassengleichheit eintritt. Dass 1939 nichts so unbeliebt war, wie  Remakes an den amerikanischen Bürgerkrieg, dass zudem kaum einer an den Erfolg einer Filmschnulze a la "Mondschein und Magnolien" glaubte - außer Selznick selbst, zeigt, welch ein ungemein willensstarker und weitsichtiger Mann dieser berühmte Produzent gewesen ist. Eine Meisterleistung in seinem Leben, eine Glanzleistung jetzt auf der Bühne, die diesen drei Schauspieler ein herrliches Spielfeld bietet. Ihre schnoddrig herbe Männlichkeit wird zeitweilig wohltuend durch das Erscheinen der kühl-attraktiven Sekretärin verschönt wird (Barbara Kowa), die beinahe bis zum Schluss die Nerven behält, was in diesem Chaos ebenfalls an eine Meisterleistung grenzt. A.C.

Der befürchtete Jahrhundertflop wurde ein gigantischer Erfolg, den Selznick und Fleming mit einem Herzinfarkt bezahlen sollten. Der Drehbuchautor wurde noch einmal ausgewechselt, und Sidney Howard übernahm wieder das Skript, wie anfangs vorgesehen.