November

von
David Mamet

 

 

 Abschied von der Macht

 


deutsch von Bernd Samland

Renaissance Theater

Regie: Torsten Fischer, Bühnenbild: Herbert Schäfer, Kostüme: Isabel Ines Glathar

mit:
Rufus Beck, Tilo Prückner, Nikolaus Okonkwo, Anna Franziska Srna und Friedrich Schoenfelder

 


Ein beliebtes Terrain für amerikanische Autoren sind pfiffige Anwälte und ein auslegungsfähiges Rechtssystem, Science Fiction-Serien und   schillernde Präsidenten. Einer von ihnen ist Charles Smith, dem Namen nach ein Jedermann, doch sind die Anspielungen auf bestimmte Personen nur allzu deutlich. Rufus Beck gibt diesem konservativen Mr. Präsident, der mit bestechender Eloquenz und überschneller Reaktion um seine - für alle sichtbar - bereits verlorene Wiederwahl kämpft, ein changierendes Persönlichkeitsprofil. Mit Verve, überbordendem Temperament und einer inneren Schnellsprechanlage, die allein schon deutlich werden läßt, wie verzweifelt dieser Mann an der Macht seines Amtes hängt, bellt und beißt er wütend um sich. Um ihn herum scheinen die Ratten bereits das sinkende Schiff verlassen zu haben: Seine lesbische Sekretärin hat ihm bereits eine glänzende Abschiedsrede in die Schublade gelegt, sein Parteivorsitzender hat die Werbespots eingestellt und die Segel gestrichen, und nur sein treuester juristischer Berater und Gefährte Archer Brown hält noch Wacht an seiner Seite, bedient alle Telefonate und die Blitzentscheidungen seines Chefs mit Klugheit und Anteilnahme. Tilo Prückner in seiner rechtschaffenen Persönlichkeit müsste geradezu die Idealbesetzung für alle künftigen Präsidenten und Kanzler sein...

Doch da man spätestens seit Clintons Life-Auftritt in Berlin weiß, dass für die Amerikaner "alles möglich und alles machbar" ist, zweifelt, zögert und zaudert auch Charles Smith nicht lange mit seinem vermeintlich beschlossenen Schicksal, sondern läßt eine Idee reifen, die bereits im Vorzimmer in der Erscheinung von zwei Truthähnen und ihrem Verbandsvertreter auf die jährliche Zeremonie der "Begnadigung" wartet. Ein deutliches Zeichen des jeweils amtierenden Präsidenten für die am Thanksgiving-Tag - unserem Erntedankfest etwa gleichkommend - Unmengen von Truthähnen verspeisende Nation. Die Begnadigungen erinnern nicht nur an die Ankunft der Pilgrim Fathers, sondern auch daran, dass der Mensch ein Herz für Tiere hat. Trotz allem.

Die Zeremonie ist, wie man so neben vielen anderen bekannten und weniger bekannten Deals auf höchster Ebene weiß, eine Möglichkeit, zu Geld zu kommen. Und da dieser Präsident denken und rechnen kann, fordert er für diesen Gnadenakt eine exorbitante Summe, die ihm damit die nächsten Wahlkampfspots im Fernsehen ermöglichen soll. Das Geschehen wogt nun heftig hin und her, der Tiervertreter weigert sich, und auch der Schweineverband und die Indianer weigern sich, Thanksgiving einen anderen Inhalt zu geben... Guter Rat ist teuer. Die eilends herbeigerufene Redenschreiberin schnieft erbarmungswürdig und kann sich nach langem Flug kaum noch auf den Beinen halten (Anna Franziska Srna als sympathische Vertreterin der selbst- und zielbewußten Amerikanerin). Doch Smith braucht eine neue Rede zum Thanksgiving, und die muss alle Werte der Nation, ihre gloriose Vergangenheit, die demokratische Verfassung, die Macht und den guten Willen, die weltumspannende Umarmung Amerikas deutlich machen... Die fesche Clarice Bernstein ist zwar eine begnadete Schreiberin, aber sie hat ein Problem. Doch weiblich   gewitzt und politisch geschult, setzt sie dem Präsidenten schlicht das Messer auf die Brust - trotz aller Loyalität: denn sie will eine Familie gründen, mit einer Frau und einem soeben aus China adoptierten Kind. Das ist gegen das Gesetz, die Lobbyisten aller Couleur und die Kirchen! Und Smith windet sich.

Was nun beginnt oder bereits die ganze Zeit, sind Fragen, die heftig an die Grundfeste der Gesellschaft rühren: Ist die Klugheit aller Argumentationen, sind die ehrlichen und zweckmäßigen Überzeugungen, die politischen Ideale und die oft beschämende Wirklichkeit ein Grund, an der Menschheit, an der Demokratie zu verzweifeln  - so fragt sich der Autor. Oder ist es nicht vielmehr so, dass der Staat prinzipiell zwar korrupt, der Politiker bestechlich und die Unternehmer Ausbeuter seien, aber dass die Menschen trotz der sieben Todsünden wie Eitelkeit, Stolz, Habsucht, Neid, Geiz Trägheit und Triebhaftigkeit, die sie beharrlich beibehalten - am Ende doch recht gut miteinander auskommen, weil sie sich dank der klugen Väter ihrer Verfassung stets neu orientieren und arrangieren müssen?

Diese Überlegungen versucht der Regisseur in Zeit, Raum und überzeugende Charaktere umzusetzen, mit Tempo und Witz, gescheiten Aphorismen und erstaunlichen Affronts. Was den Text von David Mamet so ungewöhnlich macht, sind sein Mut und seine Wut, mit der er die Ansprüche derer aufs Korn nimmt, die als langjährige Außenseiter-Gruppen der Gesellschaft (durch das neue Diktat der "politischen Korrektheit" ) zwar so manchen Stein ins Rollen gebracht, aber sich zugleich auch in einem neuen Macht- und Ränkespiel positioniert haben. Dazu gehören auch die Indianer, die als Schuldvermächtnis eine nicht unbedeutende Rolle für das historische Bewusstsein der Amerikaner spielen. Sie sollten ein moralisches Standbein sein, auf das sich der Präsident gern stützen würde, doch auch die haben sich längst angepasst.( Noch einmal eine passende Rolle für Schoenfelder als Häuptling zwischen den Welten!) Ihre Forderungen, sind - auch für einen Präsidenten - unerfüllbar. Das dürfte in Deutschland kein Autor wagen - er würde glattweg beiseite geschoben. Doch jede Medaille hat zwei Seiten: diese Erkenntnis zeichnet das Stück aus und den Erfolg seines Autors, der als Drehbuchautor und Regisseur übrigens an über 30  Filmproduktionen mitwirkte. A.C.