Oh mein Gott

von  
Lilly Walden

  

 

Man muss auch an das Ozonloch glauben...

    

Fundamentalismuskritik als Kasperltheater
nur  noch bis zum 1. April!!

Theater Wilde Mischung

  verschiedene Spielorte
jetzt noch im "Coupé" Willmersdorf

 

Text und Darstellung: 
Lilly Walden:
"Es ist die vornehmste Aufgabe des Theaters, brennende Zeitfragen aufzugreifen, auf unterhaltsam-theatralische Art über Themen aufzuklären und mit diesen Theaterstücken eine Grundlage für intelligente und klärende Diskussionen zu bieten"

Sicher kein Zufall, dass sich Lilly Waldens neues Stück problemlos in den "Frauenmärz" einreiht - einer sehr selbstbewussten politisch wie künstlerisch ambitionierten Darstellung moderner Frauen und ein Zeichen, leider, dafür, dass Emanzipation noch immer keine Selbstverständlichkeit ist.

 

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  Der Name des Theaters - wilde Mischung - ist Programm seit eh und je. Denn Frau Walden ist alles zugleich: Künstlerische Leiterin, Texterin, Darstellerin, Diskussionsleiterin, Motor und Promotor, Musikerin und Puppenmacherin und Spielerin. Dass dabei zuweilen ein Furioso an Einfällen, an Spots und Gedankenflitzerei entsteht, ist die Würze ihres durchaus absichtsvoll vielseitig komponierten Theatermenüs.
Diesmal leitet und lenkt sie als Assistentin des noch ausbleibenden Gastprofessors dessen Vortrag über den zerstörerischen Fundamentalismus der großen Weltreligionen als Alleinunterhalterin. Das heißt, zur Seite stehen ihr sechs ausdrucksvoll geformte Vertreter ebendieser Weltanschauungen und Ideologien sowie ein munter-bunter Kasper, der die Probleme von Machtmissbrauch und Missverständnissen auf typisch deutsche Kasperlart löst: mit Witz und seinem schlagfesten Knüppel und mit Apfelstrudel ( als Wiener Komponente?). Denn wo Argumente nichts mehr ausrichten können, helfen vielleicht nur heftige Schläge auf den Hinterkopf und zur Entspannung der Genuss eines köstlichen Strudels...

Und noch ein Mittel wählt sich die Schauspielerin, das erprobt und erfolgversprechend in jeder Hinsicht ist: Sie bedient sich als Vortragsstellvertreterin des schweizerdeutschen Dialekts, während sie den Kasper schwäbeln lässt und die Herren der fremden Religionen in ihren jeweiligen Idiomen karikiert. Und damit ihre geistreichen, geschickt kabarettistisch aufgearbeiteten Hiebe gegen die Frauenfeindlichkeit im Christen- und Judentum, im Islam wie im Hinduismus und Buddhismus den Gästen nicht allzu sehr auf den sensiblen Magen schlagen ( oder den Geist zu arg strapazieren), serviert sie zwischen den Gängen auf ihrer Minitrompete oder auf dem Xylophon ein erfrischendes Potpourri eingängiger

Es soll nun tatsächlich Zuhörer gegeben haben, die sich durch die harsche, aber gleichsam humorvolle Geschichts- und Religionskritik wegen der (mit den durchaus bekannten Grausamkeiten gespickten) menschen- und vor allem frauenverachtenden Auswüchse religiöser Fanatiker getroffen fühlten; Dabei tritt die Frage auf, wie man denn die Kämpfe, Schlachten, Unbarmherzig- und Ungerechtigkeiten vergangener Zeiten wie den Terrorismus der Gegenwart anders aufarbeiten sollte, als den Symptomen auf den Grund zu gehen und sie mit Humor und unverblümter Offenheit ans Tageslicht zu zerren? Natürlich entstehen logischerweise dabei auch verzerrte Bilder - Karikaturen, die zur Reflektion aufrufen, Bilder, die manchmal schief stehen mögen wie der Turm und die Studie von Pisa (einer Intelligenz- und Leistungsstudie, die deutsche Lehrerhirne ins Grübeln brachte). Aber auch wenn die Bilder wackeln, so sind sie doch ein Indiz für die Wirklichkeit, die sich hinter ihnen verbirgt. Aber das ist eben auch der Witz einer jeden Karikatur, eines Kabaretts, einer pfiffigen Theaterkomödie: man zeichnet und überzeichnet Situationen, um sie transparent und verständlich zu machen. Ihre Wirkung ergibt sich oftmals aus de Absurdität von Vergleichen und Assoziationen. Man kommt so zu der Wahrheit hinter den Dingen.
 Ob man allerdings stets glauben muß, was man nicht sieht, wie die Religion und manchmal auch die Wissenschaft verkünden, das ist eine andere Sache. Also, kontert Walden, man müsse an das Ozonloch glauben wie an Gott, an biologische Waffen in der Wüste, die man nicht findet, an Kriege, die geführt werden müssen, um den Frieden zu erhalten...? Aber, so folgt der blitzschnelle Widerpart: muß man auch glauben, was nur vorübergehend wahr zu sein scheint - was später die Geschichte widerlegt hat? Walden stellt eine Menge hintergründiger Fragen zum Thema Glaube und Wissen, und sie scheut sich nicht, Politikern wie Glaubensvertretern massiv an die Gurgel zu gehen, wenn sie sich als absolute Besitzer der Wahrheit ausgeben und
jedwede Diskussion ausschließen.

Da gibt es natürlich auch viele Ungereimtheiten, schnelle, populäre und populistische Schlussfolgerungen, sehr eingeschränkte historische Betrachtungen und klare politische Bekenntnisse in diesem insgesamt aber kurzweiligen und intelligenten Potpourri. Schließlich verkündet es ja in seinem Titel deutlich ein religiöses Anliegen: Oh mein Gott - was hat der Mensch aus dieser Welt gemacht, was ist aus Deinen Vorgaben geworden! Eine eher positive Alternative wäre es gewesen, auch Frauen der Historie und aus der Gegenwart zu Wort kommen zu lassen. Leider mussten aber die faszinierenden Frauenrollen in der Religionsgeschichte aus dramaturgischen Gründen gestrichen werden. Aber das wäre vielleicht dann ein Thema für ein nächstes Stück - Frauen, die mutig und erfolgreich gegen Intoleranz, unbarmherzige Traditionen, Ungleichheit und Ignoranz der männlichen Vorherrschaft kämpften. A.C.