Sonny Boys

von
Neil Simon

 

 

    Tragik ist das Herz jeder Komödie

    

  Deutsches Theater

Regie: Martin Duncan
Bühne und Kostüme: John Morell

Mit: Esther Leiggener, Simone von Zglinicki, Gabor Biedermann, Christian Grashoff, Jörg Gudzuhn, Thomas Schmidt ua.

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  Neil Simon hat mit den "Sonny Boys" zwei wunderbare Charaktere geschaffen und ihre Wortwechsel mit hinreißendem Witz gespickt; Dies Stück ist zutiefst komisch und wahrhaftig, geprägt von Lebenserfahrung und großer Menschenkenntnis; und es ist vor allem von der liebevollen Betrachtung allzumenschlicher Eigenschaften geleitet, die hier den beiden ehemals großen Künstlern anhaften, die da jetzt so armselig, so lächerlich, so bemitleidenswert in ihrem Starrsinn aneinander vorbeilaufen. Sie sind wie ein altes Ehepaar, das einander notwendig braucht, weil niemand sonst mit seinen Marotten so gut umzugehen versteht, wie es selbst. Mit Christian Grashof und Jörg Gudzuhn - und Thomas Schmidt als duldsamen Neffen - fanden sich glücklicherweise äußerst flexible und versierte Darsteller, um dieser Story neues Leben einzugeben. Sie erzählt von zwei Komikern, die einst Weltruhm erlangten und sich dann nach 33 Jahren gemeinsamer Bühnenkarriere von heute auf morgen trennten...

Die alten "Sonny Boys" sollen noch einmal - in einer Erinnerungsshow im TV - ihren berühmten Doktor-Sketch spielen; Aber ihre erbitterte gegenseitige Abneigung macht dem engagierten Neffen und Agenten des knurrig-spleenigen Willie Lewis leider einen Strich durch den schönen Plan. Willie, Sonny-Boy von einst, ist nun ein verarmter alter Mann im Morgenmantel, ein komischer Kauz, der verzweifelt in einem billigen Hotelzimmer auf die große Rolle wartet, die nie kommen wird. Sicher auch, weil er das tragische Los vieler alter Menschen teilt, die an partieller Gedächtnisschwäche leiden. Aber störrisch ist er  allemal, denn erinnern kann er sich durchaus recht lebhaft, wenn es um die leidigen Quereleien von damals geht...

Grashoff verkaspert dieses Bühnenoriginal ein bisschen, weil er dessen kapriziöse Launen zwar sehr facettenreich, aber auch sehr dominierend ausspielt, und damit nicht nur die anderen heftig verprellt, sondern vor allem sich selbst zuweilen k.o. schlägt. In seiner geradezu krankhaften Wut gegen  den langjährigen Partner Al Clark zerbricht er das letzte heile Porzellan, das noch in ihrem gemeinsamen Künstlerfundus stand... Zu sehr waren die beiden einander zuletzt auf die Nerven gegangen; bis zur Unerträglichkeit hatten sie hundertfach meist dasselbe vorgetragen, ihre Marotten und Eigenarten hatten sich vertieft und  die Gags sich zu sehr verselbständigt, als dass sie noch mit neuem Esprit hätten angereichert werden könnten. Zwar kommt sein alter  Partner Al Clark sehr ruhig, abwartend, versöhnungsbereit, wenn auch ziemlich klapprig geworden, auf den alten Kampfgefährten zu; der giftet ihn jedoch, voll des aufgestauten Zorns, von sich fort. Ein bisschen resigniert und traurig, und immer noch leicht genervt kann Al Clark (Jörg Gudzuhn) mit sparsamer Gestik und in ruhigen Worten deutlich machen, warum er einst die jähe Trennung vollzog; auch seine Geduld war nach 33 Jahren Komikergemeinschaft erschöpft. Die Leere seines Lebens und die Einsamkeit, die danach folgten, sind der Preis, den er zahlte. Wie großartig aber müssen diese Beiden gewesen sein! Der nervige Clown Willie mit seinen unerschöpflichen Einfällen und bizarren Verrenkungen und der ernsthafte, ausgleichende Partner, dessen Seriösität das Duo so vorzüglich ergänzte!

Natürlich kommt die vom Neffen geplante Neueinstudierung nicht zustande; Die Beiden vermögen ihre Animositäten nicht zu überwinden, um noch einmal aufzubauen, was nicht mehr reparabel ist. Wer könnte das schon! Und da der Autor als echter Humorist vor allem Realist ist, lässt er den schnell erregbaren Willie während der Sketch- Probe einen Herzanfall bekommen. Da der TV-Regisseur aber glücklicherweise zu einer früheren Aufzeichnung greifen kann, kommt die Sendung doch noch in den Kasten, auch das Honorar für die beiden alten Herren stimmt. Doch Willie liegt nun im Bett und nervt die (absolut humorlose!) Krankenschwester. Simone von Zglinicki liefert eine kühle Partie im Gegensatz zu Esther Leiggener als Bühnen-Sexbombe, die sich Willy für den guten alten Doktorsketch bereits zur Belebung ausgesucht hatte! Derart angeregt, kann er den armen Neffen und natürlich den alten Freund-Feind Al Clark, der ernsthaft um das alte Ekel besorgt ist, weiterhin kräftig attackieren...

Und dann kommt das überraschende Ende - mit einem köstlichen Augenzwinkern serviert und von Martin Duncan liebevoll inszeniert, der das Herz in der Komödie endlich gefunden hat. A.C.