Souvenir

von
Stephen Temperley

 deutschsprachige Erstaufführung
 

 

 

Eine Erinnerung an Florence Foster Jenkins

 

 


 
Renaissance Theater

 mit Désirée Nick und Lars Reichow

Regie: Torsten Fischer

Bühnenbild: Vasilis Triantafillopoulos

Kostüme: Andreas Janczyk

Deutsch von Lida Winiewicz

 

 

 
 
Vielleicht muss man sich das Ganze so vorstellen: Anno 1930 in New York; Damen der Gesellschaft tauschen unerhörte Neuigkeiten aus: die steinreiche, spleenige Florence Foster Jenkins wird im Ritz ein privates Konzert geben! Was die Gemüter daran erheitert: diese Dame kann nicht ein einzige richtige Note singen, geschweige denn eine komplette Arie. Und dennoch soll dieser Abend große Opernpartien berühmter Komponisten bieten. Da muss man einfach dabei gewesen sein; die Neugierde der Reichen und Neureichen ist groß, das Amüsement noch größer; man lacht, hält sich die Seiten und die Taschentücher vor Augen und Mund, um die Sängerin zu schonen. Seltsam, aber wahr: das Publikum bleibt dieser unglaublich unbegabten Sangeskünstlerin treu; Denn sie ist eine der Ihren, man ist unter sich, ist ohnehin gesättigt von allen Amüsements, man ist partymüde und neugierig-versessen auf Abstruses, Ungewöhnliches. Und wie gerne amüsieren sich die Leute auf Kosten anderer... Florence bietet es ihnen, mit nimmermüder Hingabe, unerschütterlichem Selbstbewusstsein, ebenso strahlend und wie beseelt, schmettert sie sich mit schmerzender Atonalität von Konzert zu Konzert bis hin zur Schallplattenaufnahme und am Ende, 76jährig - zu einem großen, jedoch katastrophal endenden Abend in der Carnegie Hall! Ihr zur Seite steht der Jazzmusiker Cosme McMoon, ein armer Wicht, der sowohl dem Charme und der Überredungskunst, vor allem jedoch der unbegreiflichen Naivität der Lady erliegt - und natürlich der finanziellen Verlockung. Das hart verdiente Salär ermöglicht ihm nun eine sorgenfreie Arbeit an eigenen Kompositionen, die allerdings niemals zu Gehör gebracht werden sollten...

Das ist ein merkwürdiger Stoff für die Bühne; denn er kokettiert mit der Naivität, der Realitätsferne einer eigenwilligen Frau, die berauscht ist von der wundervollen Musik, die "sie im Kopf" hört, jedoch niemals umzusetzen vermag. Ob jemals ein Psychiater ihr zur Seite stand? Das ist nicht sicher; fest steht nur, wie Temperley ebenso witzig wie liebevoll in seinem biographischen Broadway-Hit beschreibt, dass man Madame Flo von frühester Kindheit an geraten hatte, niemals öffentlich zu singen. Aller Warnungen zum Trotz hielt sie sich selbst für eine große Künstlerin, ignorierte mit entwaffnender Argumentation Kritik und Zweifel, erzwang unerschütterlich die schwierigsten Tonkaskaden, im festen Glauben an ihr "absolutes Gehör".
Und so suchte und fand sie ein Publikum, dass seine Dollars für einen guten Zweck in die Wohltätigkeitskasse fallen ließen und sich bei ihren abstrusen Auftritten königlich amüsierte. Und Florence? Sie hielt die roten aufgeplusterten Gesichter, die feuchten Augen, die vor den Mund gepressten Tücher für Rührung und Ergriffenheit, war sie selbst doch zutiefst hingerissen von Leid und Lust, Trauer und Freuden ihrer Opernheldinnen.  
Ihr Pianist Cosme McMoon, der sie zwölf Jahre lang begleitete, stand ihr als treuer Freund und - unbewußt - auch als Therapeut zur Seite; doch litt er permanent entsetzliche Qualen, sowie wie wir heute, wenn die Töne haarscharf daneben liegen und die großartige Désirée Nick ein grauenvolles Kreischen serviert, das das Blut in den Adern gefrieren läßt! Mit hinreißenden Posen mimt sie diese tollkühne, reizende, verspielt-kindliche und dann wieder ganz herrisch-verwöhnte, unangreifbare Grande Dame der High Society. In wunderbaren Roben, von Andreas Janczyk gezaubert, ist jeder ihrer Auftritte in dem gläsernen, glitzernden kleinen Hotelsaal ein Abenteuer für den armen Cosme. Was wird sie jetzt wieder an bösen Überraschungen parat haben? Und indem sie ihre Aura schillern läßt, können wir erahnen, warum niemand dieser Florence Foster Jenkins widerstehen konnte, sie zwar belachte, aber dennoch beehrte und vielleicht doch, so wie ihr Pianist, von ihrer unbeirrbaren, irrsinnigen Hingabe an die Musik fasziniert war.
Bewundernswert ist dieser Cosme, der es versteht, zu schlucken und zu schweigen, wenn die Argumente der Diva gar zu abstrus ertönen, sie ein verstimmtes Klavier und ihres Partners Unfähigkeit für ihre schrägen und schrillen Ansätze mit einem Charme, der jeden Widerspruch sinnlos erscheinen läßt, verantwortlich macht!  Für Lars Reichow ist dies eine sympathische Partie, in der er als Erzähler dem Publikum eine Frau und eine Zeit näher bringt, die vielen bis heute unbekannt geblieben ist.
Und das Publikum, heute, im ebenfalls stets ausverkauften Theater? Es amüsiert sich wie einst die New Yorker Welt köstlich, begleitet beinahe jeden Satz, jeden Ton mit herzlichem Beifall, ein wahres Gaudi, was ihm da in seiner Absurdität beschert wird. (Denn man weiß ja nur zu gut, dass Frau Nick als eine vielseitig talentierte Schauspielerin, Sängerin und Entertainerin auf vielen Bühnen zuhause ist!) Nur am Schluss schweigen die Lacher, als sich der wahnhafte erbärmliche Zustand der kranken Florence für wenige Augenblicke leidvoll offenbart. Und für mich ist es der erste wirklich große schauspielerische Moment des Abends, in dem Désirée Nick und Lars Reichow zwei aneinander gebundene Schicksale in verehrungswürdiger Menschlichkeit transparent werden lassen. A.C.