Und abends Gäste
 
von
Agnes Jaoui und Jean-Pierre Bacri

 


 Ein Abend, der zum Albtraum wird

 


 
Komödie am Kurfürstendamm

Regie:  Andreas Schmidt

Bühne:Anja Wegener und Kostüme:Bettina Marx 
 

Ensemble: 
Martine: Julia Jäger, Jacques: Götz Otto, Charlotte: Bettina Lamprecht, Georges: Steffen Münster, Fred: Tim Wilde

 

 

 

 

 
Wer möchte das so geballt schon erleben? Man erwartet Gäste, wichtige Gäste, Freunde, die man lange nicht gesehen hat, und: erste Panne: sie verspäten sich und zwar empfindlich; zweite Panne: das Essen misslingt; dritte Panne: einer der Gäste verdirbt mit seiner miesen Laune allen die Stimmung!
Man hat mit französischen Gesellschaftsspielchen so seine Erfahrung seit Jasmina Reza ein Erfolgsstück nach dem anderen schreibt, und sich die deutschen Bühnen um ihre Geschichten reißen. Zugegeben, nicht alle sind Bestseller, viele sind, wie Pretiosen in den Auktionen bei Sothebys, künstlich im Wert hochgepeitscht, aber sie haben doch alle ein gemeinsames Markenzeichen: Sie sind geistreich und psychologisch fundiert. Menschliche Verhaltensweisen und Schwächen können entweder mit bemitleidenswerter Wärme und treffendem Witz oder zynisch und mitleidlos inszeniert werden. Den Schauspielern wird in jeder Version ein volles Persönlichkeitsprofil abverlangt.

Die beiden französischen Autoren, die sich jetzt mit "Und abends Gäste" ins Gespräch bringen, sind nicht ganz so geistreich und witzig, auch nicht so scharf pointiert wie Madame Reza, aber sie haben eine Menge Herz und realistische Beobachtung in eine Handvoll Menschen hineingeschrieben, von denen jeder Einzelne ein abendfüllendes Drama bieten könnte. Dass das Stück nur zeitweilig zündet, könnte daran liegen, das die Charaktere nicht voll zur Entfaltung kommen, ihnen - auch textlich -keine Möglichkeit gegeben wird, ihre Problematik auszuspielen.  Da ist zum einen der miesepetrige George, von Steffen Münster müde und verbittert, eher kritisch als menschenfeindlich aufgefasst; ein Mann, der unglücklich ist und unsicher, der mit der eigenen Erfolglosigkeit als Schriftsteller ebenso hadert wie mit seinen verpassten Liebeschancen. Doch da er so in sein Selbstmitleid vertieft ist, bemerkt er nicht, wie sehr er andere Menschen verletzt, vor allem wie arg er die Gastfreundschaft von Jacques und Martine strapaziert, bei denen er nun schon seit zwei Wochen wohnt und lebt. Noch werden ihre Aggressionen vom Mantel der Höflichkeit bedeckt. Doch der Ausbruch des Vulkans ist angesagt (leider in der Inszenierung dramaturgisch verschenkt). Und da ist die überemsige, übernervöse Hausfrau Martine, von Julia Jäger glänzend dargestellt, die versucht, es allen recht zu machen, sich mit ihrem Sauberkeitszwang noch eine zusätzliche Strapaze auferlegt und sich überdies noch mit dem Bruder Fred herumärgern muss, dessen Spielschulden nur noch von seiner Dickfelligkeit übertroffen werden. Tim Wilde wirkt, wie man sich einen "echten" Franzosen vorstellt: lässig, ungeniert, ein kleiner Lebemann und Frauenfreund. Seine  neue Flamme beherrscht, wie man beim Küchenplausch erfährt, die Sinne aller Männer, und die Hausfrau fühlt sich nicht nur entnervt, sondern auch ziemlich düpiert.
Alles Geschehen spielt sich in der chicen großen Küche ab, in die sich die Gäste hin und wieder flüchten, um sich von dem Gesellschaftsspiel da drinnen zu erholen: denn dort herrscht unzweifelhaft der Held des Abend, ein alter Jugendfreund von George und Jacques, der jetzt als TV-Moderator und Zeitungsbesitzer mit Geld und Charme, Geist und Witz jede Party beherrscht. Allerdings wird er nicht vorgezeigt, sondern seine Anwesenheit spiegelt sich nur in den Küchengesprächen wieder, die allerdings recht ermüdend sind und auch mit ständiger Wiederholung kein rechtes Bild des Medienstars vermitteln können. Wieder ein Spannungsmoment verspielt oder ist da textlich nicht mehr Präsenz möglich?

Dessen zarte hübsche Frau, vor zehn Jahren noch George's Freundin,  der sie aber noch immer liebt, tändelt mit aufgesetztem rotlippigen Lächeln zwischen Küchentresen und rosa Telefon umher, und läßt   überwiegend ihr schönes blaues Kleid schillern. Nur dann und wann läßt sich hinter ihrer perfekten Maske der Anflug von Traurigkeit erahnen. Bettina Lamprecht ist als Journalistin Charlotte vielsagend in ein schön schillerndes, sehr enges Kleid gesteckt; alles scheint an ihr und in ihr eingeengt! Man wünschte ihr ein bisschen mehr Mut, um gegen den übermächtigen Ehemann aufzubegehren. Auch Tim Wilde als Fred - ein echtes Filou und ein leidenschaftlicher Pokerspieler - und George, der überbesorgte, spießige Gastgeber, lassen den Biss vermissen, mit dem sie ihren Rollen mehr Profil geben könnten. Der Schluss ist gut gedacht, ehrlich wie im richtigen Leben, aber er läßt die Zuschauer eben so ermüdet zurück, wie die Partygäste um drei Uhr morgens. A.C.