Von Lügen und Lastern

von
Anthony Neilson

 

 

Konsequenter Quatsch

 


deutsch von Barbara Christ (The Lying Kind)

Komödie am Kurfürstendamm

Regie: Barbara Rehm

Ausstattung: Julia Hattstein

mit: Dieter Landuris, Kai Maertens, Jutta Eckhardt, Uwe Karpa, Eva Mannschott, Klaus Müller-Beck, Nina El Karshen

 

 
Der Titel führt ins Irre; besser wäre der Originaltitel oder die Darmstädter Version von 2004, die mit "Frohes Fest" betitelt war und damit sogleich ins Schottisch-Schwarze traf. Denn die beiden armseligen Gesetzeshüter, die einem fremden Ehepaar ausgerechnet am Heiligen Abend die furchtbare Nachricht vom Unfalltod ihrer Tochter überbringen müssen, können sich im Sinne dieses anglophilien Humors wirklich nur noch unter Tränen ein "frohes Fest" wünschen. Das ist für sie alle nämlich gestorben. Jedenfalls so gut wie.

Es ist immer wieder grandios zu erleben, wie ausgefuchste Schauspieler einander die Bälle zuwerfen und perfekt jeden Wurf parieren. Für den kleinen Polizisten Gobbel, der rührend in seiner kindlich verbliebenen Entwicklungsphase verharrt und mit seinem großen Kollegen Blunt mit allen Mitteln der Logik darum ringt, nicht als Erster die furchtbare Botschaft überbringen zu müssen, ist das alles ein sichtbarer Albtraum. Und während Dieter Landuris und Kai Maertens mit unglaublicher Ernsthaftigkeit ihren haarspalterischen Disput vor der Haustür austragen, und versuchen, ihre Ängste rockzupfend unter dem Schutz ihrer Uniform zu verbergen, biegt sich das Geschehen, und Neilson fügt eine weitere, dritte, unmöglich erscheinende Person zu der Seelenpein der beiden Constables hinzu: eine gewalttätige Punklady, die mit ihrer Clique auf pädophile Verbrecher Jagd macht, malträtiert das hilflose Polizistenpaar auf unflätigste Weise bis diese ihr den Grund ihrer Vor-der-Tür-Steherei verraten und das Mädchen abzieht. Warum die Regie diese Rolle so exzentrisch sieht und Eva Mannschott als Gronya so martialisch zeichnet, weiß man nicht so recht - jedenfalls bleibt sie durchgehend ein Fremdkörper in der vor allem bis zur Pause hin ausgeklügelten blitzwitzigen Dialogführung.

 Verwirrung auf der ganzen Linie, und der hilflose überraschende Versuch, mit jeder neu auftretenden Wendung die sich anbahnende Katastrophe in den Griff zu bekommen. Wozu ist man schließlich Polizist und hätte doch alle Macht auf Erden. Aber diese beiden Gesetzesritter sind eher von trauriger Gestalt, so dass es einen dauern möchte, und doch agieren sie auf ihre Weise irgendwie pfiffig und überzeugend, navigieren sich mit unschlagbarer Naivität durch alle Missverständnisse auf köstliche wenn auch nicht immer ganz korrekte Weise. Und da stehen sie nun vor dem offensichtlichen Scherbenhaufen ihrer Botschaft: Denn da muss sich zunächst der rührend um Ausgleich und Harmonie bemühte Hausherr Balthasar, der nach Art der grandiosen Komödianten  "Stan Laurel und Oliver Hardy" den Part des friedfertigen trickreichen Laurel übernimmt, seine durchgedrehte Frau beruhigen, die sich mit tollsten Einfällen ein begeistertes Publikum sichert. Jutta Eckhardt bietet mit blitzschnellen Wendungen ein ganz prächtig schillerndes Kaleidoskop an eigenartigen Einfällen, die ihr Mann eher gelassen hinnimmt, die Wachtmeister allerdings zunächst noch mit Entsetzen registrieren.

Und dann, als das große Missverständnis deutlich wird,  und sich die Beiden erneut vor die entsetzliche Aufgabe gestellt sehen, die Todesnachricht übermitteln zu müssen - und das alles vor einem prachtvoll dekorierten Tannenbaum mit zahlreichen Geschenkkartons, einem reizenden Willkommensgruß, der von Luftballons flankiert, die Atmosphäre endgültig für Todesnachrichtungen ungeeignet sein läßt - da platzt nun wieder die terroristische Lady der Selbsthilfegruppe herein und bringt eine Wendung, die das bis hierin wohl ausgefeilte Verwirrspektakel um Szenen auffüllt, die nach Art von "Ladys Night"   wohl den sonst nicht abendfüllenden Stoff anreichern sollen. Die Schuld an diesem eher peinlichen Bruch liegt ganz sicher beim Autor. Er hält leider nicht durchgängig, was er - trotz des makabren Themas zunächst so gekonnt verspricht: die Balance zwischen komischem Ernst und ernsthaftem Quatsch. A.C.