Wind in den Pappeln

 von
Gérald Sibleyras
 


Was bleibt, ist die Sehnsucht

 


eine Produktion des Renaissance-Theaters


Deutsch von Marielle Silhouette und
Frank Lorenz Engel


Renaissance Theater 

Regie: Torsten Fischer; Bühne: Vasislis Triantafillopoulos;
Kostüme: Katharine Bartel; Dramaturgie: Gundula Reinig

mit: Harald Dielt als René, Jürgen Thormann als Gustave und Jörg Pleva als Fernand

 
Dramen, Komödchen, Ernsthaftes wie Heiteres schlingen sich in Abständen immer wieder einmal um die Schicksale und Skurrilitäten  älterer Menschen; nicht immer sind diese Stücke mit Pfeffer und Salz ausgewogen gewürzt, das heißt, dramaturgisch spannend und fesselnd konzipiert; aber sie sind eigentlich immer geistreich, rührend und - sie stimmen nachdenklich.

In dieser Fassung des Franzosen Gérald Sibleyras hangeln sich drei Veteranen des ersten und zweiten Weltkriegs durch die Monotonie ihres Lebens in einem von einer unsichtbar bleibenden, aber sehr wohl präsenten Ordensschwester geführten Altenheim. Man soll nichts beschönigen; denn so, wie der Autor sicherlich gut recherchiert hat, muß solch ein Leben, trotz aller Anmut der umgebenden Landschaft, schrecklich langweilig und öde sein. Drei Männer, unterschiedlich in Herkunft, Geist und Charakter, eint ihr soldatisches Heldentum, das sie seit Jahren allerdings mit Einsamkeit und Langeweile teuer bezahlen müssen. Unzufrieden und unausgefüllt nörgeln sie sich durch den Tag, attackieren einander mit ihrem Sarkasmus, ihrer verqueren Weltanschauung und einer in Bitternis verpackten Lebenserfahrung  (Gustave), mit dem Stigma der Hirnverletzung (Fernand) und dem -allerdings - zu nichts führendem Gleichmut des gehbehinderten René.

Fernand, von Jörg Pleva zwischen Hirnattacken und aufblitzendem Wachzustand mit leichten Wahnanfällen munter dargestellt, hat seiner unerträglichen Familie seit langem abgeschworen und läßt deren Briefe von Gustave beantworten. Jürgen Thormann umgibt diesen mit einem scheinbar harten militärischen Mantel, der seine Enttäuschungen mit Hass und Angeberei verdecken soll. Ein sich aufblasender Held, der aber im Grunde seines Herzens eine Heidenangst vor den Menschen hat, die ihn verließen und zurückließen. Dass die anderen beiden zu ihm stehen, mag mehr an ihren unausweichlichen gemeinsamen Schicksal als an echter Sympathie liegen. Und doch sind sie bald eine verschworene Clique, als sie versuchen, aus der Enge ihres Daseins aus- und aufzubrechen: 60 Kilometer weiter, hoch auf den Hügel, den sie von ihrer Terrasse aus erblicken können, zu den Pappeln, durch deren leichte Zweige der Wind streicht. Eine Ahnung von Zärtlichkeit und Freiheit, eine Hoffnung auf die Erfüllung einer nicht genau zu fixierenden Sehnsucht...
Aber auch René, der sicher am wenigsten Verwirrte des Trios, kann sich nicht aus der für ihn seit 25 Jahren fest gemauerten Realität befreien; so nimmt er einen - vielleicht nur vorgetäuschten - Spleen der beiden anderen zum Vorwand, um sich aus dem Vorhaben auszuklinken. Gustave und Fernand haben damit geschickt die eigene Angst vor der Courage verdeckt. Was bleibt, ist der Verlust eines   Freundes, die Sehnsucht nach einem anderen Leben, das Wissen um eine fest zementierte Wirklichkeit. 
Hier macht sich trotz aller schauspielerischen Intensität die fehlende dramatische Konzeption des Stückes bemerkbar. Der Faden der Ahnung nach einer fernen Welt, der sich durch das Gespräch zieht, sowie die kleinen und großen geistigen Verwirrungen dieser Menschen reichen nicht aus, um diesem Stück wirklich Leben, einzuhauchen, es zu einer Aussage reifen zu lassen. Es bleibt trotz seiner Geschichten geschichtslos.
Aber es ist gut übersetzt, der Humor ist sicher placiert, und es ist von einem Franzosen geschrieben, der sich immer und zu jeder Zeit mit seinen Protagonisten vor dem schönen Geschlecht verbeugt. So dass durch die Schönheit der Jugend eines nahe gelegenen Mädchenpensionats doch noch einige Sonnenstrahlen durch die kühlen Jalousien der Fenster dringen und die Herzen der drei alten Herren höher schlagen lassen. Und die unsichtbar bleibende Schwester Madeleine feiert jeden Geburtstag ihrer Zöglinge mit so viel Hingebung, dass es diesen alten Nörglern schon wieder zuviel wird. Denn das Korsett, in das man sie einst schnürte, sitzt bombenfest.  A.C.