Cherry Docs

von
David Gow
deutsch von Anna Cron 

 

  

 Mehr als eine Handvoll Hass

 

   

Vaganten Bühne 

 

Regie:
Andreas Schmidt
Bühne:
Anja Wegener
Kostüme
Antje Meerwein
Musikdramaturgie:
Frank Klaffs
Regieassistenz:
Fanny Frohmeyer
Bühnenbildassistenz:
Marion Wegner
Tehcnische Leitung:
Michael Gärtner

mit:
Nikolaus Szentmiklosi  = Mike Downey
und
Rainer Winkelvoss = Danny Dunkelmann

 

Zurück

 

  Mike Downey ist ein kanadischer Skinhead und hat einen Jungen, einen Inder, zu Tode geprügelt, mit 30 Fußtritten. Er sitzt in Untersuchungshaft und hat sich als Pflichtverteidiger Daniel Dunkelmann ausgesucht, weil er von ihm weiß, dass er "ein Liberaler" ist. Was er nicht weiß: dass dieser Rechtsanwalt zwar viele Nationalitäten in seinem Stammbaum hat, aber nur eine Religionszugehörigkeit: die jüdische.

Rainer Winkelvoss spielt diesen Anwalt und lässt seinen Klienten von vorn herein spüren, dass er ihn und alle skinheads, die sich mit verbaler und körperlicher Gewalt gegen Ausländer, Farbige und Juden äußern, aus ganzem Herzen hasst. Er schleudert ihm seine Abneigung so unverhohlen entgegen, dass man erschrickt. Ganz anders der "Mandant" Mike Downey, ein großer, sportlich durchtrainierter, kahlköpfiger, an Armen, Schulter und Hals tätowierter und gepiercter Mann, dem man nicht gern im Dunkeln begegnen möchte. Er verfügt über eine Selbstsicherheit, die geradezu verblüfft. Er beschreibt seine Stiefel mit zärtlicher Genauigkeit - dass sie Mordinstrumente sind, stärkt nebenbei seine Identität. Die Stahlspitze, absolut sicher, bedarf keines Waffenscheins und bleibt unsichtbar, ist dafür schmerzhaft spürbar, zumeist tödlich für den, den sie trifft. Mike ignoriert die "brillanten" Hasstiraden des Anwalts mit scheinbar schnöder Lässigkeit, doch in seinem Gesicht zuckt es merklich; es bedarf schon einiger Anstrengung, so cool zu bleiben, wenn man als Abschaum und Dreck bezeichnet wird. Das sind für Mike und seine "Organisation" doch eigentlich die anderen. Er rächt sich auf seine Art, indem er den Juden, der sich outet, mit niederträchtigem Vokabular beschimpft. Beide schreien sich an, zur Tätlichkeit fehlt nur eine Sekunde. Beide verfügen über eine breite Palette von Vorurteilen und Demütigungen für- und gegeneinander.
Was den Anwalt verwundert und in so rasende Wut versetzt, ist die Selbstsicherheit des Burschen, dessen Gewissheit, über ein absolut richtiges Weltbild zu verfügen. Dunkelmann verliert mehr als einmal das seelische Gleichgewicht, packt wiederholt seine Sachen zusammenpacken, eigentlich ist er längst am Ende seine Toleranz. Doch irgendetwas reizt ihn, fordert ihn heraus, diesen Totschläger zu der Einsicht zu bringen, das er selbst sein größter Feind ist.
Das Motiv des Täters wird in dieser Inszenierung, der es im Übrigen etwas an Spannung mangelt, nicht ganz klar. Dunkelmann überlässt dem Täter seine Akte, dick und prall gefüllt mit Lebenslauf, Entwicklungsstadien und Gutachten, damit er selbst die Argumente für seine Verteidigung erarbeitet. Bis Danny kapiert hat, dass er sein Leben rückwärts lesen und verinnerlichen  muss, um nicht "lebenslänglich" zu 
erhalten, ist fast die ganze Zeit bis zur Verhandlung verstrichen. Der Anwalt behält die Nerven, Mike weigert  sich, mitzumachen - das Spiel ist eigentlich vorbei, verloren für beide.
Da wendet sich abrupt das Blatt: Danny zieht plötzlich die Register des Feldwebels, des Einpeitschers und lässt Mike stramm stehen und Parolen brüllen, bis dieser fügsam wird. Solche Behandlung ist er
gewohnt, so wurden ihm Rassismus, Gewalt und das Auserwähltsein des Herrenmenschen eingeprügelt. Er liest jetzt den Abschiedsbrief des von ihm zu Tode  getretenen Jungen, und - endlich bricht er zusammen.

Ein hartes Spiel. Danny Dunkelmann hat den Skin, wo er ihn haben will. Dieser wird das Gericht nicht um Gnade bitten, er wird auch nicht leicht dahin gesagte Reue heucheln, sondern er wird eine Strafe beantragen, um einen Psychologen und um die Chance einer neuen Weltsicht bitten. Das ist viel. Der Anwalt hat dabei viel verloren, seine Frau, seine Gesundheit, vorerst. Auf lange Sicht hat er gewonnen: Einen gefährlichen Radikalen, den er zum Nachdenken gebracht hat. Nicht mehr, aber auch nicht weniger.

Ein Stück, das vom Autor noch genauer ausgefeilt werden müsste; dann könnte auch die Regie mehr damit anfangen. So bleibt es ein eindrucksvolles Fragment, ein Mosaiksteinchen allerdings in der Reihe der Anti-Gewaltinszenierungen an den Berliner Theatern. A.C.