Ich knall euch ab!

von Morton Rhue

Aus dem Amerikanischen von Werner Schmitz

 

  Tod und Tränen, viele Fragen und keine Antworten

 

Carrousel Theater

Bearbeitung für die Bühne

und Regie: Sewan Latchinian

Koproduktion mit der Neuen Bühne Senftenberg

Bühne/Kostüme: Tobias Wartenberg

Dramaturgie Odette Bereska

Schüler: Inga Wolff, Atischeh Hannah Braun; Kerstin Rullik; Till Demuth; Benjamin Platz; Ulrich Blöcher; Urs-Alexander Schleiff;

 Lehrer/Direktor: Elvira Schuster, Marko Bräutigam, Manfred Struck

Video, Mutter von Bredan: Katrin Heinrich; Mutter von Gary: Catharina Struwe

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Im April 1999 ereignete sich an der Columbine High School on Littleton, Colorado, eine unfassbare Bluttat: Zwei Schüler erschossen während des Abschlussballs der Schule 13 Mitschüler, über 20 wurden schwer verletzt. Die Täter begingen Selbstmord. Das Schulmassaker stand am Anfang einer Kette von eskalierenden Gewalttaten an Schulen, das nicht allein auf Amerika beschränkt bleib; in Erfurt lief vor zwei Jahren ein Schüler Amok und hinterließ Tod und Trauer.

Obwohl es aus Gründen der Pietät und des mangelnden zeitlichen Abstands zunächst unvorstellbar erscheint, ist dennoch möglich, hiervon ein ergreifendes Drama zu schreiben und zu inszenieren, das weder Hassgefühle noch Rachegedanken aufkommen lässt. Was am Ende bleibt, ist eine unendliche Traurigkeit, die sich auf die Unmöglichkeit bezieht, menschliches Miteinander konflikt- und schmerzfrei zu gestalten.

 

 Der Atem stockt bereits beim Betreten des Bühnen- und Zuschauerrraumes. Zwischen den sich gegenüber liegenden, auftürmenden Sitzreihen, die mit rot-weißen Stoffen bezogen sind, bleibt zunächst nur ein schmaler Gang für das Spielgeschehen - und dieser Pfad ist vollkommen ausgefüllt mit Munition, mit Patronen, die unter den Füßen der Spieler seltsam klirren. Nacheinander treten nun die befreundeten, verfeindeten oder betroffenen Mitschüler und Lehrer der Schule auf und tragen aus ihren Textbüchern Abschnitte aus Protokollen zu dem Ereignis vor, mehr aber zu den Wesensmerkmalen der beiden Schüler, die zu Mördern werden sollten. Zunächst sind sie Neulinge, Fremdlinge, Außenseiter an der Schule, von niemandem angenommen, grausam gehänselt, geschlagen und, am schmerzhaftesten und kaum zu fassen, psychisch getreten, immer wieder. Weit entfernt von ihnen bleibt eine andere Welt: die Welt der heißen Footballboys, unantastbare Helden einer jeden Schule, die ihre Mannschaft als Aushängeschild braucht und benutzt. Wer nicht dazugehört, ist ohnehin ein looser; wer darüber hinaus nicht einmal als geistige Koryphäe die ungefähre Waagschale halten kann, erst recht. Garry und Brandon haben keine Chance: Ihre Flucht sind zunächst TV-und Videospiele, da lassen sie Hass und Frust raus; rächen sich in gnadenlosen, abartigen Visionen.

Die Lehrer resümieren: Wer ist verantwortlich für die Erziehung? Wenn das Elternhaus diese nicht mehr leistet, müssen die Schulen verstärkt pädagogische und erzieherische Aufgaben wahrnehmen. Wie und wann? Das Dilemma wird offenkundig: kein Geld für die Bibliothek, aber für den Flug der Footballteams; nur eine Vertrauenslehrerin für die ganze Schule; kein Zugang zu den Eltern, keiner hat Zeit, um die Antenne rechtzeitig auszufahren, um die Schmerzen der Kinder zu spüren. Man hätte so vieles erkennen können...vorher...vielleicht rechtzeitig...

Gerry und Brandon hatten auch Freunde, zwei Mädchen, ebenfalls Außenseiter, ebenso nicht auf der Seite der kessen und schönen Footballbräute. Als die Darsteller sich unter die Zuschauer verteilen, wird ihre Körpersprache für die Zuschauer hautnah zum beklemmenden Erlebnis: Am ganzen Körper zittert die Freundin Brandons, vielleicht weil sie drogenabhängig ist, vielleicht aber auch, weil sie unter der Gefühlskälte der anderen am meisten leidet. Ihre Anklagen haben keinerlei Aussicht auf Verständnis, und auch die Wut Emilys, der Vertrauten Garrys, wird kaum ernstgenommen, von den coolen Typen niedergemacht, von den chicen Mädchen ausgefeixt. Da bleibt einem das Herz schon stehen - so viel Hass, soviel Wut, so viel Unverständnis in einer kleinen, eigentlich doch noch überschaubaren Schul- und Schülerwelt...

Dann kommt der Tag der Rache. Brandon und Gerry raten den Freundinnen, dem Schulball fernzubleiben. Die beiden ahnen Schreckliches und gehen trotzdem. Dann passiert es: Die beiden Jungen bedrohen die Feiernden mit Gewehr und Pistole, das Chaos nimmt seinen Lauf: Und die Polizei verhütet nichts, verschlimmert stattdessen die Lage; die Panik lässt die beiden Burschen wild um sich schießen; dann richten sie die Waffen auf sich selbst. Das gehörte zum Plan. Ihre Abschiedsbriefe, von den beiden Müttern als Videoeinspielung stockend, verzweifelt vorgelesen, sind ergreifend.

Das alles ist schrecklich und darf nie wieder geschehen!!! Wir müssen auf die Seelen unserer Kinder besser aufpassen! Nur was wir mit dem Herzen sehen, ist wirklich wahr, sagt der Kleine Prinz in einer weiteren Aufführung an diesem Haus, dem wieder einmal eine außergewöhnliche Inszenierung gelungen ist. A.C.