Linie 2 - der Alptraum

von
Volker Ludwig und Rüdiger Wandel

 

 

Einer, der auszieht, das Fürchten zu lernen

 


Eine musikalische Revue zum 40. Geburtstag

Grips Theater

Regie: Rüdiger Wandel; Choreographie: Laura Leyh; Bühne: Mathias Fischer-Diskau, Merle Vierck; Kostüme: Marie Landgraf; dramaturgie: Winfried Tobias; Musikalische Leitung: George Kranz; Mus. Einstudierung: Bettina Koch

mit: Sebastian Achilles, Thomas Ahrens, Jennifer Breitrück, Katja Götz, Dietrich Lehmann, Jens Mondalski, Robert Neumann, Nina Reithmeier, Stephandie Schreioter, Jörg Westphal, Roland Wolf, am Klavier: Matthias Witting/Robert Neumann
 und die Band: No Return

 

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Armselig ist die Bude von Thomas (Jens Mondalski) , trostlos sein Leben in ewiger Wiederkehr: 23 Jahre schon spielt er den Lover im Grips-Musical "Linie" 1, und niemals erhört ihn seine Bühnenbraut auch in Wirklichkeit. Nach jeder Vorstellung läuft sie mit einem anderen davon, und seine neue Flamme, die schüchterne Türkin Gül (Jennifer Breitrück), wird von einem Bruder in Wolfsgestalt bewacht (Jörg Westphal). Außerdem ist Thomas zwei Monate im Rückstand mit der Miete; Geld, das er gutmütig verlieh, bekommt er eh nie wieder, unangenehme Telefonrufe lassen ihn alle Erdenlast noch schwerer ertragen, und so versucht er zum wiederholten Male, sich aufzuhängen. Wohl wissend, dass der Nagel nicht hält, der Stuhl umklappt und der alte Gustav (Dietrich Lehmann) von oben kommt, um ihn zu ermahnen. Und sich dann das schöne Gefühl einstellt, noch am Leben zu sein! Aber nun muss Thomas die Wohnung verlassen, er schürt sein Bündel und begibt sich auf Wanderschaft, um das ewige Bühneneinerlei mit der Wirklichkeit - die zunächst aus einer nächtlichen Unterkunft besteht - zu vertauschen.

Doch die sieht bei weitem nicht viel rosiger aus. Jedenfalls nicht in dieser Grips-Version, und jedenfalls nicht in dem Milieu, in das Thomas nun eintaucht - á la Linie 1: in den Untergrund. Dort trifft er zunächst in Jimmys Kneipe "Wladiwostok" auf ziemlich obskure Typen, sogar Kollegen, fetzig-rotzige Typen, die allesamt einen Jargon beherrschen, den man im Einbürgerungs-Sprachtest sicherlich nicht goutieren würde. So geballt, fällt es schwer, dieses Niveau charmant oder witzig zu finden. Derart stellt sich ein Münchner die Berliner vor, erklärt ein Besucher dieser aus vorwiegend hippen Eltern der 68er Generation bestehenden Publikumsrunde. Doch daran darf man wohl zweifeln.

Wie auch immer, Thomas trollt sich weiter, nachdem er seine Gül nur von weitem anschauen darf, ihr Bruder sich aber durchaus mit der hypercoolen Italienerin Gianna (Katja Götz) vergnügen darf. Auch hier wird ein Klischee vergnüglich ausgekostet wie später der heftige Streit zwischen "Ossi" und Wessi", wobei keiner dem anderen an Kraftvokabular und dummen Argumenten etwas schuldig bleibt. Und es müsste natürlich nicht das Grips sein, wenn es nicht heftig Hiebe gegen die Konservativen setzte, Lieblingsfeind ist diesmal der  Vorsitzende der FDP, namentlich und unverblümt. Die Leute jubeln und freuen sich - hier ist man noch ein echter Sozi, hier darf man's sein!

Im Potpourri der Einfälle, die die Autoren hier wohl als Zusammenfassung einiger anderer erfolgreicher Inszenierungen aus vier Jahrzehnten eingestreut haben, streunen schreckliche Kinder im Park herum, vermiesen dem armen Thomas sein Frühstück, wird er von einer Mutter beschimpft, deren blinder Eifer wohl aus dem erfolgreichen "Elternabend" der Neuköllner Oper entlehnt sein könnte, aber auch Jasmina Reza hat ja mit messerscharfe Klinge den "Gott des Gemetzels" auf die Bühne gebracht. Er trifft auf die Nackedeis aus dem noch immer aktuellen "Baden gehn" - das einst wie heute mit seiner Kritik an geschlossenen Schwimmbädern und leeren Kassen ins Schwarze traf. Und auf eine seltsam ausgeflipptes schrill kostümiertes Kleeblatt, das wahrscheinlich jenseits aller Welten lebt.

Für Thomas ist diese Wirklichkeit ein einziger Schrecken, aber es kommt noch schlimmer. Und jetzt erst gewinnt dieses Stück an Phantasie und Qualität; denn die Visionen, die der junge Mann nun wirklich in der U-2 erlebt, könnten geradewegs aus einem Horrorfilm entnommen sein, obwohl dies doch eigentlich nur die Überzeichnung einer gar nicht so abstrusen Wirklichkeit ist. Aber gerade das macht sie so grauenvoll, denn was da an Menschen, Monstern und Marotten geboten wird, lehrt Thomas (und uns) schon das Gruseln. Und da er schließlich nicht mehr weiß, was Traum und was Wirklichkeit ist, greift er tapfer in einen böse Attacke zweier Schlägertypen gegen einen harmlosen Transsexuellen. Und manchmal lehrt das Grips noch etwas anderes, außer, dass "Rot" die schönste politische Farbe ist: nämlich, dass Mut und Zivilcourage gemeinschaftlich zum Erfolg führen.

Thomas ist nun plötzlich zum Medienhelden avanciert, und dagegen kommt auch Güls Bruder nicht an. Mittlerweile findet noch ein kapitalistischer Raub an Tessas Frisiersalon statt - Kettenmanager halten die Branche nun im Griff, der Affront gegen Banken, Ausbeuter und arme Kleinunternehmerinnen erhält hier seinen gebührenden Platz. Lieder aus "Melody's Ring" , aus "Rosa" passen immer irgendwie dazu, und zwischen den Szenen serviert die Oldie-Band kräftigen Beat. Das gefällt sicher den Kids, die hier hereinströmen werden, wenngleich sie sicherlich auch nicht den nostalgischen Schimmer sehen, den ihre Eltern hier erblicken.

Übrigens, dass Thomas seine Gül natürlich doch noch erobert, und auch die anderen seltsamen Paare irgendwie zusammenfinden, ist entweder blanker Hohn oder dem Sentiment der nun ja auch in Oldiejahre aufgestiegenen Autoren zuzuschreiben, die zwar den alten Gustav noch an die "Revolution" appellieren lassen, aber diese Mahnung geht bereits im Tosen des Beifalls unter, der natürlich das gesamte Team umrauscht; Jedoch sollten die witzigen und phantasievollen Kostüme hervorgehoben werden und die   wunderbare Wandlungsfähigkeit der Darsteller, wenn sie in ihre vielen verschiedenen Rollen schlüpfen. Dass Thomas Ahrens der beste Spielleiter aller Zeiten ist, weiß man mittlerweile. Er ist der Motor, der mit Elan und Leidenschaft die unsichtbaren Zügel hält und seine Mitspieler dermaßen inspiriert, dass sie alle mit voller Kraft voraus laufen. A.C.

P.S: Schade nur, dass man anscheinend im Grips, dem hoch subventionierten Lieblingskind des Berliner Senats, wohl so wenig Gage erhält wie Thomas, der hier so armselig leben muss...?

 

 

 

 

 

 

T; UM