Mit arger List von
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Wer übernimmt für uns die Bürgschaft? Wie weit ist man da doch von Schiller entfernt Treue, Großmut, Tapferkeit - Fremdwörter in unserer Zeit? |
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Regie: Günter Jakowiak; Kostüm,Bühne: Gabriele Keuneke; Musik: Jens-Uwe Bartholomäus; mit: Dirk Böhme, Anne-Rebekka Düsterhöft, Alfred Hartung, Michael Meyer, Anna Trageser Das kleine Ensemble bemüht sich im Wechsel zwischen mehreren Rollen, die Balance zwischen Schülern, Lehrern, Eltern zu halten; das gelingt nicht immer ganz, zumal die Rollen oft mehr erfordern als nur einen Kostümwechsel. Ob Alfred Hartung als Brutalo Alex nicht doch übertreibt und die angeblich so erotische Frau Paul vielleicht eher der Rubrik Handarbeit zuzuordnen wäre, sollte überdacht werden. Gut im Wechsel zwischen blass-ängstlichem Schüler und fiesem Vertrauenslehrer ist Dirk Böhme; und auch Michael Meyer überzeugt sowohl als Schüler Moritz, der den Gefühlskonflikt in der Gruppe nicht aushält, als auch in der zweiten Rolle als feiger Rektor. Anna Trageser spielt die Oberzicke Leni besser aus als die sanftmütige Lehrerin Paul, und Anne-Rebekka Düsterhöft als gemobbte Sina möchte man in ihrem Kummer glatt in den Arm nehmen.
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Das ist ein Stück mit vielen Haken und Ösen - weder einfach zu verkonsumieren noch so schnell zu verkraften. Und die erste Frage nach dem bedenklichen Schlussbild stellt sich so: Sind Schüler wirklich solche Bestien, Eltern derart ehrgeizige, unsensible Monster, und sind Lehrer entweder Zyniker oder Schürzenjäger? Woher kommen derartige Bilder wie sie Jankowiak bitterböse und ohne jedwedes Pardon hier auf die Bühne stellt: Schüler(innen), die grausam und gewalttätig die Außenseiterin fertig machen, Lehrer, die ein ebensolches tun mit unliebsamen Kollegen(innen), Mütter, denen es einzig und allein um die familiäre Reputation geht, sobald ihr Kind versagt... Eine Welt, in der das Gemeine siegt, mobbing schon ein Begriff für Kitakinder ist, und in der das Ende vom Lied die Konsequenz der Selbstaufgabe sein muss? Aber trotz aller Schreckensvisionen sind die Besucher in der Weißen Rose, dem Hauptquartier des Jugendtheaters Strahl, weitestgehend faszinier: Schüler aus Haupt, Realschulen und Gymnasien. Irgendwie kennen sie diese Themen, diese Verhaltensweisen wohl doch, wenn auch nicht so arg überspitzt, wie sie in dieser auch sprachlich krassen Inszenierung ausgespielt werden. Diese hat allerdings einen trickreichen Spannungseffekt - indem sie nach dem zunächst etwas verwirrenden Auftakt mit Rückblendungen agiert. Fünf Schüler proben die theatralische Umsetzung von Friedrich Schillers Ballade "Die Bürgschaft", doch plötzlich fällt der Darsteller des Tyrannen, Robert, in ein Koma. Im Krankenhaus wird eine Überdosis Antidepressiva analysiert; und nun läuft nicht nur Roberts Mutter Amok, sondern auch der Rektor und der sogenannte Vertrauenslehrer suchen nach Ursachen und Schuldigen - gibt es etwa einen lebhaften Drogenhandel an der feinen Schule oder hat jemand Robert die Tabletten untergejubelt? Jeder hat da so eine Vision, die ihn vielleicht entlasten könnte, ganz sicher aber zunächst erst einmal in Bedrängnis brächte. Der geile Rektor fürchtet um eine peinliche Untersuchung, der zynische Vertrauenslehrer um das Vertrauen ( das er ohnehin nicht besitzt); die abgefeimten Schüler fürchten um die Aufdeckung ihrer hundsgemeinen Attacken, mit denen sie eine Mitschülerin aus ihrer Theatergruppe ekelten. Und da ist da noch die neue Lehrkraft, die angeblich sehr sexy sein soll, dem Rektor die Sinne verwirrt, bei den Schülern beliebt ist , aber leider überhaupt ekien Ahnung von den Vorkommnissen in ihren drei Theatergruppen hat. Sie wird erst einmal vorsorglich vom Dienst suspendiert. Es gibt zu viele Nebenstränge, charakterliche Widerwärtigkeiten, Fallstricke, Andeutungen, in denen sich die Handlung zu verlieren droh, bis sie an ihr eigentliches großes Thema heranführt: die Ausnutzung von Macht bei den Schülern wie den Erwachsenen, im Kleinen wie im Großen - Macht, die sich in physischer und psychischer Gewalttätigkeit gefällt, die Überlegenheit vortäuscht und damit der Gefolgschaft all jener sicher sein kann, die sich zutiefst minderwertig fühlen. Opfer sind der labile Robert, der sich Tabletten aufschwatzen läßt, der sensible Musiker Moritz, der die seelische Last schließlich nicht mehr erträgt und ausflippt und die defensive, phantasiebegabte Sina, die als Feindbild herhalten muss, Ausgrenzung und Erniedrigung erträgt, bis ihre Kraftreserven erschöpft sind. Das ist vielleicht die Botschaft: Mit sich selbst beschäftigte Eltern, die überfordert sind, die Not ihrer Kinder zu erkennen, und mit eigenen Problemen behaftete Lehrer (und Vorgesetzte), die den Zwängen von Zwistigkeiten und Feindseligkeiten, verletztem Stolz und Ehrgeiz ausgesetzt sind, zu wenig Erzieher, die schulische und lebenspraktische Hilfe geben könnten. Denn mobbing, also körperliche und seelische Peinigung von Mitschülern und Kollegen kann nur verhindert und beseitigt werden, wenn den Menschen von Kleinauf das Gefühl ihrer familiären und gesellschaftlichen Zugehörigkeit, Gleichwertigkeit und Akzeptanz mit auf den Lebensweg gegeben wird. Sonst wird das Umlernen ein mühsamer Prozess. A.C.
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