Mrs. Ikarus

von Stephanie Rinke

Figurentheater

Eine vertikale Reise

 

Vom Fliegen und anderen Träumen


 Die Schaubude 

 

Figurentheater Paradox (Stuttgart), Koproduktion mit dem FITZ; Zentrum für Figurentheater Stuttgart

Regie:Frank Soehnle
Spiel: Stephanie Rinke
Figuren: Oliver Köhler
Musik: Andreas Schäfer &Sophie Sauer;
Technik: Maren Kaun

 Abendprogramm
 im Februar 2006

Fr-So  3.-5.2.            20 Uhr

Alle Vorstellungen

AWOGado

Fr        10.2.            20 Uhr 
Pet Shop Arche Noah
THEATER KASOKA

Sa/So            11./12.2.     20 Uhr

Dornrose oder 100 Jahre Haltbarkeit

THEATER KASOKA

Fr        17.2.            20 Uhr Premiere

SpiegelSpiel

WIEBKE HOLM (Südafrika)

Sa/So            18./19.2.     20 Uhr

Luftpost an Heute

ABSOLVENTEN DER HOCHSCHULE FÜR SCHAUSPIELKUNST »ERNST BUSCH« BERLIN, ABT. PUPPENSPIELKUNST

Fr        24.2.            20 Uhr            Berlinpremiere

Sa/So            25./26.2.     20 Uhr

King Kong – ein amerikanischer Traum

SEEBÜHNE HIDDENSEE

 

 

Kinderprogramm

Di-Do  31.1.-2.2.     10 Uhr
Sa/So            4./5.2. 15 Uhr

Schneeweißchen und Rosenrot (ab 4)

FIGURENTHEATER UTE KAHMANN

 

Di-Do  7.-9.2.            10 Uhr

Sa/So            11./12.2. 15 Uhr
Fünf vor Zirkus! (ab 5)

THEATER ZWO

 

Di-Do  14.-16.2.   10 Uhr in französischer Sprache

Sa/So            18./19.2.     15 Uhr in deutscher Sprache

Kiebich und das Monster (ab 5)

COMPAGNIE DE L'ECHELLE (FRANKREICH)

Di-Do  21.-23.2.   10 Uhr 

Suppenhuhn und Kuchenmann (ab 4)

THEATER KRANEWITT UND KRISTINA FEIX

Sa/So            25./26.2.     15 Uhr 

Die Grille (ab 3)
SEEBÜHNE HIDDENSE Di-Do  28.2.-2.3.     10 Uhr

Sa/So            4./5.3.           15 Uhr

Rundherum – ein Welttheater (ab 5)

THEATER SIEBENSCHUH

DIE SCHAUBUDE

Puppentheater Berlin

Greifswalder Str. 81-8410405 Berlin

Tel.: (030) 423 43 14

www.schaubude-berlin.de

 

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Drei außergewöhnliche Portraits: Ikarus erhält von seinem Vater Flügel aus Wachs, mit deren Hilfe beide aus der kretischen Gefangenschaft des König Minos fliehen wollen. Ikarus jedoch missachtet des Vaters Warnungen und fliegt in seiner Euphorie zu hoch, die Sonne schmilzt das Wachs, und er stürzt ins Meer. – Viginia Woolf, die große englische Schriftstellerin, kämpfte ihr Leben lang gegen den Wahnsinn, bis sie mit 59 Jahren den Schmerz der Grenzgänge nicht mehr aushalten kann, und, die Manteltasche mit Steinen beschwert, ins Wasser geht. Alfred, ebenfalls eine literarische Figur, kann plötzlich fliegen. Als er auf die Wohnung eines Freundes zusteuert, zögert er plötzlich und stürzt in die Tiefe.

Dazu haben die Spieler einen Text von Diane Arbus parat: „Dies sind einzigartige Menschen. Sie haben sich weit und hoch hinausgewagt, weiter und höher als wir, einer Eingebung folgend, Erfindungen eines gläubigen Vertrauens, Träumer und Helden eines Wirklichkeit gewordenen Traums, der unseren Mut und Erfindergeist auf die Probe stellt, damit wir uns fragen, was wahrhaftig und unausweichlich und möglich ist, und was es bedeuten mag, einmal das zu sein, was vielleicht aus uns wird.“

Das alles kann man erst verstehen, wenn man dies phantasievolle, berührende, Spiel von Stephanie Rinke erlebt hat und vielleicht darüber hinaus auch noch einiges über Virginia Woolf weiß, etwas von ihr und über sie gelesen oder den wunderbaren Film „ The Hours“ gesehen hat. Dann   liegt einem das Spiel wie ein offenes Buch zu Füßen. Gesten, Worte, Bilder, Klänge - alle Spielmittel fügen sich zu einem überraschenden Erleben.

Zunächst sehen wir das bewegliche Videobild einer Fliegerin, d.h. eigentlich nur ihren Kopf mit von hinten, der sich unmerklich bewegt. Dann erscheint die Spielerin auf der Bühne, ebenfalls mit Fliegermütze über den blonden Haaren, einem schwarzem Mantel und hohen Stiefeln bekleidet, setzt sich auf einen Stuhl und kokettiert ein wenig mit ihrem Videobild, das nun auch ihr Gesicht zeigt. Dazu werden sinnschwere Texte gesprochen. Dann verschwindet das Bild. Im Rahmen und auf der Rückwand der kleinen Bühne flimmert nun das Meer; die Flut rollt heran, übergießt die ganze Fläche, ruhig, stetig, unendlich und voller Ruhe.

Daran schließt sich die Geschichte des Menschen Alfred, ein Traum wahrscheinlich; denn Alfred ist beides, er selbst und der Fliegende, der sich über alle anderen hinaus erhebt, und dann jäh hinabstürzt -und der Freund, der ihn, der niemals ankommen wird, erwartet. Sehnsüchte und Träume verfließen in diesem Spiel miteinander, so auch ein Mann, der voll glühender Lieb davon schwebt, wie ein Kinderdrachen in der Luft tanzt und schwingt und taumelt. Er umschlingt die Frfau mit der Fliegermütze, hält sie fest, löst sich wieder und gibt sie frei; denn sie braucht die Freiheit und den Freiraum wie die Luft zum Atmen. Dann folgen die Phantasien und die in Poesie umgesetzte albtraumhafte Wirklichkeit der Virginia Woolf, deren Lebensgeschichte mit dem Schicksal des Ikarus wundersam verwoben wird – teils von der Spielerin selbst gesprochen, teils aus dem Off oder mit kleinen und überlebensgroßen Puppen gespielt wird, die sie mit leichtem Tuch umhüllt und zu ihren (gleichsam wortlosen wie beredten) Partnern emporhebt.

Dazu bedient sich Stephanie Rinke nur weniger Requisiten: lange Seile, die mit Karabinerhaken immer wieder in neuen Konstellationen verbunden, an Tücher und Gliedmaßen befestigt werden, um den Puppen zu eigenem Leben und Ikarus zum Fliegen verhelfen. Er schwebt und tanzt in der Luft, zuckt und stürzt, sinkt in sich zusammen, und wird jäh - mit einem Mantel umhüllt, den Kopf auf den Stuhl lehnend - zur Dichterin, die ihren Traum vom Ikarus weiterträumt, der jetzt eine neue, ganz kleine kindliche Gestalt annimmt: eine Marionette mit einem echten Federflügelkleid, die leicht wie eine Ballerina in Virginias Träume eindringt, und ihr die Hoffnung und die Gelassenheit gibt, dass das Leben trotz all der schmerzhaften Visionen weitergehen wird, wenn sie die Anstalt verlässt.

Fast sind es zuviel der Andeutungen, der Variationen und der fein ausgetüftelten technischen Finessen; aber Stephanie Rinke handhabt sie so umsichtig und souverän, als führe sie selbst die Regie über das Reich der Transzendenz und das der Gegenwärtigkeit. A.C.