|
Welche Droge passt zu mir?
von Kai Hensel |
Wenn uns die Welt nicht mehr gefällt |
|
|
Regie: Leyla Rabih, Bildmaterial: Holger Lindmüller; Ausstattung: Hannah Grundt mit: Katja Hensel z.Zt.nicht im Spielplan Hand aufs Herz: Wer möchte das nicht: jedermann Freund sein, die Menschen allesamt umarmen, ständig mit erhobenem Haupt durch den Alltag zu schreiten, Dunkel in Hell verwandeln, frei von allen Ängsten den Tag jubeln beginnen und mit Freude beenden, die Welt in einen rosaroten Schleier tauchen und sich selbst darin wohlig einhüllen, in Fernen der Seligkeit entrücken.. doch das Paradies kostet zunächst Geld und später das Leben. Dazwischen die Hölle, das Entsetzen, die Panik, Steigerung der Mengen, Verstärkung der Drogen, Verlust des geistigen und körperlichen Präsenz. |
Den Namen dieses Berliner Autors sollte man sich merken. Denn, was Kai Hensel von allen Blitz- und Jungschreibern (vor allem in der Theaterszene) unterscheidet, ist seine Glaubwürdigkeit, mit der er ein bestimmtes Genre vorstellt, ist seine Gewissenhaftigkeit, mit der er recherchiert, bevor er schreibt, und ist sein hintergründiger Witz, mit dem er (bisweilen auch sarkastisch) seinen Sprachschatz würzt, den er seinem Publikum, seinem Leser in Herz und Magen pflanzt. Wie bereits in seinem großen Erfolgsdrama "Klamm's Krieg", zur Zeit auch noch im Grips-Theater auf dem Spielplan - begibt er sich in eine Welt, die er genauestens studiert und/oder wie bei Klamm, selbst erlebt hat: in das Schulleben, die Frustration enttäuschter Lehrern und gelangweilter Schüler, das Leid, das daraus entwachsen und Menschen bis zur Selbstaufgabe treiben kann... In seinem neuesten Klein-Drama, das seine Frau Katja Hensel mit Liebreiz und Charme vorzutragen weiß, begibt sich der Autor - auf dien Spuren des römischen Dichters Senecas - in eine tiefgründige Weltanschauung und zugleich in den psychologischen Untergrund der Drogenabhängigkeit. Denn eine "bessere Welt" zu schaffen, das können wir nur mit Hilfe von Drogen - also durch die Verschleierung und Verschönerung der realen Welt, deren Wahrhaftigkeit wir im Endeffekt nicht entrinnen können. Doch wer weiß das so genau. Wer fühlt sich schon stark genug und frei von allen Ängsten, um das Leben von der richtigen Seite anzupacken, um das Beste aus seinen Möglichkeiten zu machen, um gar den Jubelruf der täglichen Seins- und Selbstbejahung auszustoßen!? Philosophische Erkenntnisse zu leben, das ist, laut Seneca und Hensel, nur mit ständigen Neustarts möglich. Wie einfach ist es dagegen, die Welt mit Hilfe von Bewusstseins verändernden Mitteln in milde Farben zu tauchen! Auch hier hat Hensel sehr scharf Details in Form von Statistiken und Grafiken hervorgeholt, die so schnell an uns per Diapositiv vorbeirappen, dass wir ihre tödliche Botschaft nur mit einem Augenwinkel wahrzunehmen vermögen. Das auch ist die Absicht der jungen Protagonistin, denn ihr Anliegen ist nicht, uns von den Drogen fernzuhalten, obschon sie - während sie die Geschichte ihrer eigenen Abhängigkeit vor uns abspult - einen immer erbärmlicheren Eindruck hinterlässt. Vielmehr will sie uns wahr- und weismachen, wie intensiv und gar wahrhaftig wir erst diese, unsere Welt erleben können, wenn wir sie uns mit Hilfe von Drogen einverleiben (zuerst als Einstiegwunder Ecstasy, dann Kokain und als absoluten Höhepunkt, der "Ihr Leben garantiert verändern wird" LSD). Und dann ist es aus. Aber ganz soweit ist es noch nicht, jedenfalls noch nicht für die junge Frau, die (im Bewusstsein ihrer gottesnahen, unendlichen und mehrdimensionalen kosmischen Erfahrung während ihrer Trips) uns und sich davon überzeugen möchten, wie unendlich trostlos doch bisher unser Leben verlaufen ist: dass wir die falschen Freunde gewählt, ein oberflächliches, verachtenswertes Dasein gefristet haben und dass die Welt um uns herum von Kriegen, Armut und Elend zerrieben und zerfressen ist. Wohl wahr. Und während ihre Bewegungen immer fahriger werden, ihre Konzentration sichtlich nachlässt, ihre Erzählung abschweift und ihre Handlungen unkontrolliert und befremdlich wirken, während sie also das Gegenteil von dem darstellt, was sie propagiert, erleben wir ein abgrundtiefes Erschaudern. Das ist die echte Schizophrenie: die Welt einfach so ertragen wie sie in ihrer Unvollkommenheit ist - schrecklich und schön, ungerecht und bereichernd, fremd und fern und nah und freundlich. Aber das eine wirklich zu verändern und zu gestalten und das andere zu belassen; und vor allem bewusst zu akzeptieren, was dunkel ist und sich an den Farben zu erfreuen, die uns die Erde belassen hat, das will und kann der Süchtige nicht (abgesehen von seinem eigenen tiefen Minderwertigkeits- Angst- und Schulderleben). Das sichtbar werden zu lassen, ist die Kunst von Kai und Katja Hensel. Auch, uns zugleich die tödliche Sackgasse der Sucht detailgetreu vorzuführen und gleichzeitig mit ihrer Verführung zu spielen, ihre Gefährlichkeit dabei in rosarote Wolken einzuhüllen und dann die brennenden Blitze, die aus der Dunkelheit über den Abhängigen herfallen, nur für den noch-nicht-Süchtigen oder nicht-mehr-Süchtigen sichtbar werden zu lassen. Erstmals hat man auch das Gefühl, in der bröckelnden Schäbigkeit der Sophiensäle an Ort und Stelle zu sein: So muss das sich wohl anfühlen, wenn die Seele nach und nach abblättert. Unbedingt anhören und ansehen! A.C. |