Amphitryon

von
Peter Hacks (1928-2003)

 

 

Liebe als Spielball der Götter

   

Theater im Palais

Komödie in drei Akten

Regie: Peter Rauch

Bühnenbild und Kostüme: Wiebke Horn

Mit: Gabriele Streichhahn, Jens-Uwe Bogadtke, Volker Ranisch, Ulrich Schwarz und Carl Martin Spengler

Musik und Klavier: Ute Falkenau

 

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Ist das vorstellbar? Unvorhergesehen kehrt der Feldherr Amphitryon aus der Schlacht früher zurück, als seine liebende Gattin Alkmene erwartet und erhofft hatte; und er zeigt sich als ungewohnt leidenschaftlicher Liebhaber, der Alkmene die Freuden einer innigen phantasievollen Liebe in ungewohntem Temperament beschert. Verständlich, dass diese sich nicht lange wundert, sondern dankbar und freudig die wahrhaft göttlich erscheinenden Dimensionen der Liebe genießt. Die Nacht ist ungewöhnlich lang, und der Ehemann ungewöhnlich einfallsreich. Der nächste Morgen sieht Alkmene voller Glück, wenn auch ziemlich zerzaust. Amphitryon nimmt Abschied, und nur wir wissen, um wen es wirklich handelt: um Zeus/Jupiter, den buhlerischen Göttervater persönlich, der sich mit seinem lockeren Götterboten Merkur dann und wann zu den Irdischen begibt, um mit einer jungen Schönen neue Helden zu zeugen. Diesmal hat er   Amphitryons Gestalt angenommen hat, um dessen Gattin zu gewinnen.

Da aber auch die Götter der Griechen, wie man weiß, von einem höheren Schicksal abhängig sind, kehrt der echte Ehemann tatsächlich am diesem Morgen früher als erwartet zurück, und sein Erstaunen steigert sich in ungebremste Wut als er erfahren muss, dass er doch erst vor einigen Minuten Abschied von der geliebten Frau genommen habe. Wenn aber nicht er, sondern ein anderer bei ihr die Nacht verbrachte, wer ist dann dieser andere, und wieso ist Alkmene so schamlos verwirrt? Doch kaum hat Amphitryon das Haus wutentbrannt  in rasender Eifersucht wieder verlassen, um zu seinem Heer zurückzukehren, da tritt er schon wieder auf: Jupiter mit überzeugenden und besänftigenden Liebesschwüren, die Alkmenes Verwirrung beseitigen. Nur allzu gern läßt sie sich erweichen, verzeiht dem Gatten, für den sie diesen Mann noch immer hält - wenn auch bereits etwas misstrauisch -, und beide lassen den Tag sehr rasch wieder zur Nacht werden.

Ein köstliches Spiel mit allerlei Tücken wie es die Antike so erdachte und spielte und die Römer es im Jahr 200 v. Chr. freudvoll von Plautus übernahmen. Im Laufe der Jahrhunderte entwickelte sich die vielfach  interpretierte und inszenierte Geschichte um den von einem Gott betrogenen Ehemann und seiner gottvoll beglückten Gattin zu einem der schönsten Bühnenstücke im europäischen Raum. Um nur die berühmtesten Dichter und Schriftsteller zu nennen, die sich mit diesem Stoff stets in einer Version annahmen, die dem jeweiligen Zeitgeist entsprach. Damit schufen sie stets von Neuem ein frivol-frisches Spiel um Liebesglück und Liebesleid, Götterwillkür und Menschenohnmacht: Jean Baptiste Moliere, John Dryden, Heinrich von Kleist, Jean Giroudoux, Georg Kaiser und Peter Hacks. Der hat nach seinen unakzeptierten Gesellschaftsdramen, die er für den Sozialismus und gegen das sozialistische DDR-Regime schrieb, eine neue Stilrichtung kreiert, die er kurzerhand "sozialistische Klassik" nannte. Doch vor allem hat er von Bert Brecht, seinem großen Lehrmeister, die Brillanz der Dialogführung, den kühlen, hintergründigen Witz und Spaß am Spiel sowie die Brisanz des dramatischen Aufbaus übernommen und mit genialen Einfällen und Sprachwitz Intentionen unterhaltsam verknüpft.

Das intime Theater im Palais hat mit Peter Rauch einen Regisseur, der gleichwohl das Schauspielerhandwerk versteht und bestens weiß, wie er sein kleines altbewährtes Team passend in diese verzwickte Komödie einbindet, und es mag große Kunstwerke auszeichnen, dass sie immer wieder einen aktuellen Bezug und passende Rollenparts anbieten. So bleibt Amphitryon auch zunächst, was es im Kern immer war: eine Tragikomödie um die Willkür der Götter und das Ausgeliefertsein der Menschen. Der Autor hat hier von seinen berühmten Vorgängern das Beste und Wesentliche übernommen, jedoch ganz eigene Akzente gesetzt, wiewohl die fünffüßigen Jamben glücklicherweise beibehalten.

Neben der Komik, den Überraschungsmomenten und der ursprünglichen Allmacht der Götter tritt hier nun die burleske Gestalt des Sosias, des Amphitryons Diener, erstmals als Stoiker, als Philosoph auf, der teils mit Nonsens, teils jedoch mit tiefgehender Logik alles Geschehen auf den Null- und Nichtigkeitspunkt menschlichen Handelns zurückführt; Mit einer derart unüblichen Gelassenheit weckt er den Kampfgeist und den Widerspruch von Gott und Mensch, deren permanentes sinnloses Eifern er lästert. Hacks greift die schwerere Version von Georg Kaiser auf, und führt das gesamte Kriegstreiben, das von Göttern und Menschen mit Lust betrieben wurde, in den Überlegungen von Sosias ad absurdum. Und hierfür steht auf der Bühne im kleinen Palais Carl Martin Spengler, urkomisch und urernst, unerschütterlich und gelassen alle Schläge und Pein hinnehmend. Das Ich, das ihm ein anderer (nämlich Merkur) genommen hat, hält ihn nicht weiter gefangen; er fügt sich in des Schicksals Ungereimtheiten mit philosophischer Gelassenheit und findet, selbst nachdem er vom zornigen Zeus in einen Hund verwandelt wird, hierin einen glücklichen Moment: nun kann er endlich in Ruhe schlafen - geprügelt wurde er als Mensch genug.

Für den Götterboten Merkur, der sich als Sosias ausgeben muss, damit Jupiters Liebesnächte ungestört bleiben, steht als listiger und gänzlich gewissenloser Gott Volker Ranisch die Rolle des Komödianten der alten Comedia gut an; er ist ein Clown, ein Scharlatan, zeitweilig ein Nichtsnutz, dann ein wertvoller Helfershelfer bei des Jupiters Liebesambitionen. Und Jupiter selbst, der sich hier mit Jens-Uwe Bogadtke schlank und rank und immerjung, gurrend und turtelnd wie ein Täuberich seiner Unwiderstehlichkeit sicher sein kann, grenzt mit seiner ambitiös geistreichen Argumentation an beinahe Shaw'schen Sarkasmus. So, wenn etwa Liebe und Ehe als unvereinbar und als gegensätzliche Pole aufgespießt werden oder der Mensch in seiner Begrenztheit geschmäht wird. Doch hier irrt der große Göttervater im beengten Blick der antiken Daseinsdeutung; denn allzu offensichtlich scheint er hier, wie bei anderen Liebschaften auch, flüchtiges Begehren und zeitweilige Lust mit Liebe und Kontinuität zu verwechseln, wie sie die Menschen für erstrebenswert erachten. Standhaftigkeit war ohnehin nie seine Stärke. Dass Alkmene ihn lediglich als vermeintlichen Gatten liebt und ihm um seiner selbst willen lediglich Achtung entgegenbringt, ist der beste Beweis.

Und wie sieht die Liebe der Menschen dagegen aus? Zwar zürnt und wütet der echte Amphitryon wie ein Berserker, aber sind das nicht die Reaktionen aller betrogenen Ehemänner dieser Welt? Das zeigt Ulrich Schwarz in geradezu ergreifenden Variationen; wenn er an der Treue der Ehefrau zweifeln muss, so ist er zutiefst verletzt und als rauher Krieger wohl kaum in der Lage, mit jenen liebreizenden Worte zu reagieren wie ein herumschwadronierender Gott... Und später, als er erneut zurückkehrt und wiederum mit Alkmenes scheinbarer und tatsächlicher Treulosigkeit konfrontiert wird, noch dazu von Jupiter gefoppt, von seinen Heerführern verleugnet und schließlich dann doch vor die wahre machtvolle Erscheinung des Nebenbuhlers gestellt wird- da kämpft er tapfer um seine Ehre und sein Menschsein. Das ist beeindruckend und weist in eine Zukunft, in der der Mensch sich nicht länger rechtlos der "Obrigkeit" wird fügen müssen, sondern all jene Seiten leben darf, die ihn zu einer neuen Freiheit führen...

Die Schönste zum Schluss: Gabriele Streichhahn zieht alle Register, die in diesem infamen Spiel nur möglich sind, und sie spielt zugleich alle Frauen dieser Welt, die ewig und endlich auf die große Liebe warten und hoffen, die sie vielleicht einmal für kurze Zeit erleben dürfen, danach aber wieder den Alltag verkraften müssen; die ihre Zweifel und ihren Kleinmut besiegen, aber sich auch zur Wehr setzen gegen die Allmacht der Götter und die Überlegenheit und Vorherrschaft der Männer! Zärtlich und hingebungsvoll, verloren in verliebter Erinnerung, aufbegehrend und kampfbereit gegen Verleumdung und Unkenntnis, verletzt, verzweifelt und wieder verzeihend - diese Alkmene ist die großmütige, großherzige Inkarnation der Weiblichkeit. Und wie sie am Ende ihre Rolle der betrogenen Geliebten und der gedemütigten Ehefrau umzudrehen versteht! Denn letztendlich ist sie es, die zu entscheiden hat, wem sie ihre Liebe gibt, Jupiter oder Amphitryon. Und - sie gibt sie nicht dem Helden des Krieges, der Vernichtung, sondern dem sanften Geliebten, wohl wissend, dass dieser nicht von Dauer ist und sie wieder verlassen wird. Und mit diesem Wissen bindet sie ihren Ehemann, der vielleicht gelernt hat, zuweilen auch an sich selbst zu zweifeln. A.C.