Andorra von
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Andorra ist immer und überall - aber Kunst kommt nicht von Klischee
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Andorra - das ist, so wie der Schweizer Schriftsteller und Dramatiker Max Frisch, es verstand, überall: nicht nur der kleine eigenständige Staat in den Pyrenäen ist gemeint, sondern vielleicht die unparteiische, tolerante Schweiz, vielleicht auch irgendein anderes Land - immer aber sind Menschen angesprochen, Menschen wie wir alle. Natürlich ist dies Stück ein einziger leidenschaftlicher Appell an unsere Fähigkeit zur Toleranz und zur Achtung der Menschenwürde; ist es die Aufforderung, hinter die Fassaden zu sehen und sich von schnellen Vor-Urteilen zu lösen; ist es die Aufgabe, jederzeit aktuell zu sein und sein Anliegen auch aktuell transparent zu machen. Denn es geht natürlich hier in erster Linie und sehr nachdrücklich um einen charakterlich schwachen Mann, einen Lehrer, der einst, als die sogenannten "Schwarzen" im Nachbarland die Juden verfolgten, von dort einen kleinen Buben mitbrachte, ein jüdisches Kind, das er vor den Grausamkeiten dieses Landes rettete. Jedermann in Andorra weiß das und achtet diese edle Tat des Lehrers - bis eines Tages, als der Junge 20 Jahre alt ist und sich zu einer bewussten und eigenständigen Persönlichkeit entfaltet, die Stimmung der Menschen in Andorra plötzlich umschlägt. Man stigmatisiert den Jungen als "Juden", als Außenseiter", als fremdartig und duldet ihn nicht länger in der Gemeinschaft. Der Tischler, bei dem Andri eine Lehre machen möchte, demütigt ihn und missachtet seine handwerklichen Fähigkeiten, steckt ihn dafür ins Kontor, wo er sich "zum Geldzählen doch besser eigne" , die einstigen Freunde verhöhnen und verachten und mobben ihn, bis Andri zuerst aus Trotz, dann aus Überzeugung, die Rolle annimmt, die man ihm aufgedrängt hat. Er ist und bleibt ein Jude. Andri liebt seine Halbschwester Barblin, von der er nicht weiß, dass sie seine Halbschwester ist, ebenso wenig wie er weiß, das er des Lehrers leibliches Kind und gar nicht jüdischer Abstammung ist. Aus Feigheit verschwieg der Vater einst die Laison mit einer Dame aus dem Nachbarland, aus Angst, man könnte ihn "als einen von denen da drüben" brandmarken. Nun ist es zu spät. Keiner mehr glaubt ihm die Wahrheit, und er ertränkt seine Feigheit im Alkohol, was seine Beteuerungen noch unglaubwürdiger erscheinen lässt. Auch der Priester wählt treffsicher die falschen, letztlich vernichtenden Worte, um Andri zu überzeugen, sein "Anderssein" anzunehmen. Aber Andri liebt und leidet und verzweifelt an seiner Umgebung, die ihn fortlaufend schikaniert. Er verzweifelt an der Untreue des Mädchen, das er liebt und das sich mit einem vulgären Soldaten einlässt; er zerbricht an dem Vater, der ihn belügt, an dem Priester, der ihn nicht trösten kann, an den Dorfbewohnern, die ihm Unrecht und Ungerechtigkeit zufügen und ihn sogar des Mordes bezichtigen, wohl wissend, dass es einer von ihnen war, der die Frau aus dem Nachbarland erschlägt, die eines Tages Andri und den Vater besucht und endlich - doch viel zu spät - die Wahrheit aufdeckt. Es ist ein ergreifendes, ein wichtiges Stück- gestern, heute und morgen. Aber, was Peymann und sein Ensemble daraus machen, ist ein Schmarren. Sie benutzen alle Klischees, die es nur gibt, verwandeln die feinsten Szenen in eine dicke Gemütsbrühe, breiten sich hasserfüllt und detailverliebt über alle widerwärtigen charakterlichen Schwächen und Sünden aus, stehen als Gutmenschen weit über dieser miesen Sorte Kreatur und lassen keinen Zweifel an unserem moralischen Weltuntergang. Eigentlich sollte man sie alle... oder? Einfach umkehren: Die wenigen Guten leben lassen, die anderen müssten doch eigentlich abtreten. Da gibt es keine Zwischentöne, kein Erbarmen mit dem offenkundigen Mangel an Differenzierungsfähigkeit der Massen. Wie man auch heute und immer gar zu gern dem Populismus hinterdrein läuft: Was gebrandmarkt ist, wird dementsprechend behandelt: Gestern waren es die Außenseiter einer "Rasse" oder einer religiösen Gemeinschaft, andere Völker, heute sind es die Erfolgreichen, morgen die Armen, übermorgen ist es eine andere Weltanschauung... Um der schwülstigen Inszenierung die Krone der Volksbühne aufzusetzen, wählt Peymann sich als Schlingensief'sche Randfigur einen Kleinwüchsigen, schminkt ihn grässlich und läßt ihn ganz gewiss nicht als Zierde der Menschheit auftreten, eher als Idioten. Das hat weder dieser Schauspieler verdient, noch hilft es der Aufführung wesentlich auf die Sprünge. Aber es ist ja vielleicht so ein schöner Gag. Und man braucht auch ja nicht zu begreifen, wozu ein Land eine Verteidigung benötigt, wenn doch gerade so schöner Frieden herrscht und man nicht über die Grenzen blickt - dann kann man einen Soldaten so widerlich darstellen, dass einem das Blut in den Adern gefriert. Wieso kann er die arme Barblin so einfach vergewaltigen, und wieso treibt er sein Unwesen so unverblümt und unangefochten, applaudiert von den einfachen Leuten des kleinen Landes? Sie alle sind so dumm und eitel und erfolglos, sind so blind und unsozial, so erbarmungslos und hartherzig, dass man wahnsinnig werden könnte. Barblin wird es ja am Ende auch, und der Vater wird sich erhängen. Das Volk fühlt sich frei von jeder Schuld - keiner hat es gewollt, gesehen und getan. Der Jude, der keiner ist oder besser: der ein Mensch ist wie Du und ich, wird in den Tod getrieben. Gibt es eine andere Möglichkeit der Aktualisierung dieses Stückes, als dieser uralte, längst verstaubte Realismus einer grellen Schwarz-Weiß-Malerei? Bei Peymann nicht, bei Frisch wohl auch nicht. Beide kennen keine Gnade. mit sich nicht und auch mit uns nicht, ihrem Publikum der nachgeborenen Generationen. Vielleicht aber sehen wir besser mit offenen Augen und offenem Herzen als die Alten und haben trotz allem oder gerade deshalb einen ungebrochenen Glauben an das Gute im Menschen. Dazu muss man aber nicht in diese Aufführung gehen. Es sei denn, man wird, wie offensichtlich ganze Schulklassen, notabene dorthin beordert. A.C.
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