Aus einem Totenhaus

von
Leos Janácek(1854-1928) 

 

  

 Musikalische Morgendämmerung in dunkler Gefangenschaft

 

  nach dem Roman "Aufzeichnungen aus einem Totenhaus"  von Fjodor M.. Dostojewski (1821-1881) 

Deutsche Oper

 Musikalische Leitung:
Adam Fischer

Chöre:
Ulrich Paetzholdt

Dramaturgie:
Curt A. Roesler, Carsten Jenss

Inszenierung:
Volker Schlöndorf

Bühne/Kostüme der Pantomime:
Jennifer Bartlett

Kostüme:
Dagmar Niefind

 mit:
Lenus Carlson, Robin Johannsen, René Kollo, Walter Pauritsch, Bernd Valentin, Pie'r Dalas, Peter Maus, Michael Roider, Guillaume Antoine, Jörg Schörner, Hyung-Wook Lee, Miomir, Nicolic´, Ryosuke Saito, Illi-Juhani Rantaseppa, David Knutson, Markus Brück, Burkhard Ulrich, Peter weber, Clemens Bieber, Volker Horn, Yosep Kang, Marc Bockemühl, Chandana M. Hörmann, Marat Aliev, Ionnis Arampatzigs, Henryk Antono Opiela u.w.

 Von den stimmlich stark geforderten Solisten - mit René Kollo als dramatisch herausragender Filka Morosoff - eine beeindruckende Darbietung.  Gegen das dominierende Orchester anzusingen, war nicht immer ganz leicht.

 

 

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 Mitte des 19. Jahrhunderts: Eine Strafkolonnie in Sibirien. Männer in braunen Russenkitteln, jeweils paarweise an schwere Ketten gebunden, erheben sich zum martialischen Morgenappell. Ein bewegliches Balkengerüst deutet die spärliche Behausung an, Messingeimer für die dürftige Hygiene, Wassersuppe auf dampfenden Kesseln, der Transport schweren Gesteins gehören zum Arbeitspensum - täglich, wöchentlich, Jahrelang. Für die meisten Sträflinge besteht keine Chance, in ihr altes Leben zurückzukehren. Aber in ihren dürftigen, wortkargen Erinnerungen wird deutlich, dass dies vielleicht auch gar nicht so erstrebenswert ist. Denn sie alle haben Schuld auf sich geladen, wenn sie vielleicht auch nicht allein schuldig sind an den Verbrechen, die sie begangen haben. Willkür, Unterdrückung, Ungerechtigkeit waren und werden die Umstände ihrer Verdammnis bleiben.

Dann und wann noch erwachen sie aus der Lethargie ihres abgestumpften Daseins, stürzen sich aufeinander, attackieren einander durchaus handgreiflich, bis ein stockbewaffneter Wärter auftaucht. Der monotone Ablauf wird nur durchbrochen, wenn ein neuer Sträfling auftaucht, aber das Interesse ist nur flüchtig, er wird sich einreihen müssen in die Hierarchie der Ausgestoßenen. Hundert Peitschenhiebe für den, der es wagt, sich als "Politischer Gefangener" vorzustellen. Das darf es offiziell nicht geben, nicht im zaristischen, auch später nicht im stalinistischen Russland. Dostojewski weiß, worüber er schreibt: aus eigenem bitteren Erleben. Vier Jahre Zwangsarbeit als Kettensträfling in Omsk und Semipalatinsk.

Und die Musik Janaceks spielt dazu. Jeder Peitschenschlag überträgt sich in einem schmerzvollen Aufschrei der Instrumente, jeder Angriff auf Körper und Seele der Menschen mag äußerlich an der Apathie der Männer abprallen, doch in ihrem Innersten gärt und grollt der Aufruhr. Aber es ist nicht nur Zorn, der hin und wieder strohfeuerartig aufflammt und sich im Bewusstsein folgender drakonischer Strafen schnell wieder legt  - es sind vor allem die Sehnsüchte, die Hoffnungen nach einem menschlicheren Leben, die trotz aller Aussichtslosigkeit in ihnen aufkeimt. Ihre Gefühle werden in der Musik entfacht, die sie mit dem Wind weiterträgt über die wunderbare Weite der sibirischen Steppe.

Die hat Jennifer Bartlett mit sanfter Hand in süßlich- blassen Farbkompositionen an die Rückwand der tiefen Bühne projiziert: Zarte Stimmungen der Natur als Kontrast zur Dramatik der Düsternis menschlicher Qualen und Folter. Aber hin und wieder auch geschieht ein Wunder: Einer der Gefangenen darf in die Freiheit zurückkehren. Die anderen bleiben, wie der amputierte Adler in der Gefangenschaft zurück, stumpfen ab, erzählen die immer gleichen Geschichten, nur mehr  in Satzfetzen, erinnerungsgetrübt, körperlich und geistig fern. Wie die Ketten die Männer aneinander und schmerzvoll an ihre Gefangenschaft bindet, so symbolisiert der flügellahme Adler die verlorene Freiheit. Schlöndorf hat einen Tänzer in ein zerzaustes Federkleid gesteckt, der die Vorgänge im Lager - die harten Schläge ebenso wie die sanfte Ruhe - mit intensiver Körpersprache, dem Rhythmus der Musik folgend, begleitet.
 Der tschechische Komponist Janácek hat aus dem persönlichen Schicksal des russischen Dichters Dostojewski die schreckliche Lagerhaft zu seinem Thema gemacht, das "ihm  reichlich zu schaffen" machte. Er habe ein Gefühl als stiege er" ...bis in die Tiefe der Menschheit, zu den Allerelendsten hinab, und das sei ein schrecklicher Weg" schrieb er im  November 1927, neun Monate vor seinem Tod. Er erlebte die Uraufführung (1930) seiner Oper nicht mehr. Aber hat den  düsteren Stätten in diesem Werk neues Leben eingehaucht. Das ist das Besondere, das Einzigartige an Janaceks tief emotional und national geprägter Kompositionsweise. Sie kommentiert, begleitet, hinterfragt die Erzählung, durchleuchtet die nur flüchtig angedeuteten Schicksale der "Sündigen" und "Schuldigen", deren Sühne sich in den Strapazen und Entbehrungen harter Sträflingsarbeit vollzieht. Und zugleich verströmt sich die Musik in Wellen der Harmonie, verspricht die Syntax der Sprachmelodien befreiende Tröstungen. Das mag zunächst verwirren, stehen doch jäh die melodischen Anfolgen im scheinbar krassen Widerspruch zu den dramatischen Vorgängen, die sich auf der Bühne abspielen. Aber Musik - besonders bei Janácek -ist nicht Ausdruck des Alltags, der Realität, sondern der Seele, des Gemütes. Sie beschreibt die mit Worten unbeschreibbare Welt verschlungener Gedanken und Gefühle, letztlich die Unerklärbarkeit des Schicksals. Und sie leuchtet am Horizont wie die glühende Steppe in der Morgendämmerung einer neuen Welt.

Damit wir in die Seele dieser Menschen hineinschauen können, damit wir ihr Vergehen, aber auch ihren Zorn und ihr Leid verstehen können, hat Volker Schlöndorf vielleicht einen der Musik entsprechenden Inszenierungsstil gesucht - und doch nicht gefunden: Was auf der Bühne träge dahinfließt, die Monotonie der Tage, nur dann und wann unterbrochen durch harmlos-schlüpfrige Theaterspielchen nach dem Festtagsgottesdienst, das hat nicht viel mit dem zu tun, was sich da - oft viel zu heftig und selten zartbesaitet - unter der Leitung von Adam Fischer im Orchestergraben abspielt. Man wünschte sich für die sichtbare obere Hälfte: eine eindringlichere, bewegende Bild- und Beleuchtungssprache (gerade der erfahrene Filmregisseur sollte über solche Möglichkeiten verfügen!) und für die untere, unsichtbare: mehr poetisch-leise Sanftmut angesichts der brachialen weltlichen Gewalt. A.C.