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Aus einem Totenhaus
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Musikalische Morgendämmerung in dunkler Gefangenschaft
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nach dem Roman "Aufzeichnungen aus einem
Totenhaus" von Fjodor M.. Dostojewski (1821-1881)
Musikalische
Leitung: Chöre: Dramaturgie: Inszenierung: Bühne/Kostüme
der Pantomime: Kostüme: mit: Von den stimmlich stark geforderten Solisten - mit René Kollo als dramatisch herausragender Filka Morosoff - eine beeindruckende Darbietung. Gegen das dominierende Orchester anzusingen, war nicht immer ganz leicht.
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Mitte des 19. Jahrhunderts: Eine Strafkolonnie in Sibirien. Männer in braunen Russenkitteln, jeweils paarweise an schwere Ketten gebunden, erheben sich zum martialischen Morgenappell. Ein bewegliches Balkengerüst deutet die spärliche Behausung an, Messingeimer für die dürftige Hygiene, Wassersuppe auf dampfenden Kesseln, der Transport schweren Gesteins gehören zum Arbeitspensum - täglich, wöchentlich, Jahrelang. Für die meisten Sträflinge besteht keine Chance, in ihr altes Leben zurückzukehren. Aber in ihren dürftigen, wortkargen Erinnerungen wird deutlich, dass dies vielleicht auch gar nicht so erstrebenswert ist. Denn sie alle haben Schuld auf sich geladen, wenn sie vielleicht auch nicht allein schuldig sind an den Verbrechen, die sie begangen haben. Willkür, Unterdrückung, Ungerechtigkeit waren und werden die Umstände ihrer Verdammnis bleiben. Dann und wann noch erwachen sie aus der Lethargie ihres abgestumpften Daseins, stürzen sich aufeinander, attackieren einander durchaus handgreiflich, bis ein stockbewaffneter Wärter auftaucht. Der monotone Ablauf wird nur durchbrochen, wenn ein neuer Sträfling auftaucht, aber das Interesse ist nur flüchtig, er wird sich einreihen müssen in die Hierarchie der Ausgestoßenen. Hundert Peitschenhiebe für den, der es wagt, sich als "Politischer Gefangener" vorzustellen. Das darf es offiziell nicht geben, nicht im zaristischen, auch später nicht im stalinistischen Russland. Dostojewski weiß, worüber er schreibt: aus eigenem bitteren Erleben. Vier Jahre Zwangsarbeit als Kettensträfling in Omsk und Semipalatinsk. Und die Musik Janaceks spielt dazu. Jeder Peitschenschlag überträgt sich in einem schmerzvollen Aufschrei der Instrumente, jeder Angriff auf Körper und Seele der Menschen mag äußerlich an der Apathie der Männer abprallen, doch in ihrem Innersten gärt und grollt der Aufruhr. Aber es ist nicht nur Zorn, der hin und wieder strohfeuerartig aufflammt und sich im Bewusstsein folgender drakonischer Strafen schnell wieder legt - es sind vor allem die Sehnsüchte, die Hoffnungen nach einem menschlicheren Leben, die trotz aller Aussichtslosigkeit in ihnen aufkeimt. Ihre Gefühle werden in der Musik entfacht, die sie mit dem Wind weiterträgt über die wunderbare Weite der sibirischen Steppe. Die hat
Jennifer Bartlett mit sanfter Hand in süßlich- blassen Farbkompositionen
an die Rückwand der tiefen Bühne projiziert: Zarte Stimmungen
der Natur als Kontrast zur Dramatik der Düsternis menschlicher Qualen und Folter.
Aber hin und wieder auch geschieht ein Wunder: Einer der Gefangenen darf
in die Freiheit zurückkehren. Die anderen bleiben, wie der amputierte Adler
in der Gefangenschaft zurück, stumpfen ab, erzählen die immer gleichen Geschichten,
nur mehr in Satzfetzen, erinnerungsgetrübt, körperlich und geistig fern. Wie die
Ketten die Männer aneinander und schmerzvoll an ihre Gefangenschaft bindet,
so symbolisiert der flügellahme Adler die verlorene Freiheit.
Schlöndorf hat einen Tänzer in ein zerzaustes Federkleid
gesteckt, der die Vorgänge im
Lager - die harten Schläge ebenso wie die
sanfte Ruhe - mit intensiver Körpersprache, dem
Rhythmus der Musik folgend, begleitet. Damit wir in die Seele dieser Menschen hineinschauen können, damit wir ihr Vergehen, aber auch ihren Zorn und ihr Leid verstehen können, hat Volker Schlöndorf vielleicht einen der Musik entsprechenden Inszenierungsstil gesucht - und doch nicht gefunden: Was auf der Bühne träge dahinfließt, die Monotonie der Tage, nur dann und wann unterbrochen durch harmlos-schlüpfrige Theaterspielchen nach dem Festtagsgottesdienst, das hat nicht viel mit dem zu tun, was sich da - oft viel zu heftig und selten zartbesaitet - unter der Leitung von Adam Fischer im Orchestergraben abspielt. Man wünschte sich für die sichtbare obere Hälfte: eine eindringlichere, bewegende Bild- und Beleuchtungssprache (gerade der erfahrene Filmregisseur sollte über solche Möglichkeiten verfügen!) und für die untere, unsichtbare: mehr poetisch-leise Sanftmut angesichts der brachialen weltlichen Gewalt. A.C. |