Das Wundermädchen von Berlin

von

Hanns Heinz Ewers 

 

 

  

 Die Moral von der Geschicht`: Revolution und Liebe vertragen sich nicht

 

   

Maxim Gorki Theater

Regie:
Alexander Lang
Bühne und Kostüme:
Stephan Fernau
Dramaturgie:
Gesine Schmidt
mit:
Adriana Altaras, Sabine Kasten, Monika Lennartz, Ruth Reinecke, Heike Warmuth, Ursula Werner, Tina Zaman; Ulrich Anschütz, Hilmar Baumann, Klaus Chatten, Nico Delpy, Silvio Hildebrandt, Tim Hoffmann, Rainer Kühn, Christian Mark, Julian Mehne, Thorsten Merten, Diemar Obst, Felix rech, Norman Schenk, Dirk Schoedon, Eckhard Strehle u.a.

 

Kurzfassung
Liebe und Revolution vertragen sich wohl schlecht miteinander. Und die List, die das Wundermädchen Luise gebraucht, um ihren Hanns von den Barrikaden fernzuhalten, erweist sich letztlich als vernichtendes Eigentor. Alexander Lang ist ein großer szenischer Erzähler, und Stephan Fernau hat mit seinen phantastischen Bühnenbildern und Kostümen den skurrilen Rahmen hierzu geschaffen.

    

 

Zurück

 

 Das Wundermädchen von Berlin hat es wirklich gegeben, allerdings nicht so entzückend und weiblich listig wie es Ewers (1871-1943) - erfolgreich   als Skandalautor und Filmregisseur, als Nazifreund verfemt und in Vergessenheit geschwiegen - in seinem Revolutionsdrama von 1848 beschreibt. Die "echte" Louise war eine Betrügerin, von den Eltern angestiftet, die tagsüber die Heilige, nachts die Barfrau spielte. Das ist für einen Schriftsteller nicht ohne Reiz - zumal in  der Verbindung mit der 48er Revolte liefert sie ihm ein doppelseitiges Thema: hier der Glaube an Veränderung durch Wunder - dort der Glaube an Verbesserung durch Gewalt.

Ewers ist ein Exot wie viele Schriftsteller seiner Zeit, gilt als auflagenstärkster deutschsprachiger Autor zu Beginn des 20. Jahrhunderts, ist aber auch verrufen als Verfasser von Trivialliteratur. Er tauchte hinab in alle Szenarien des Lebens: in das Anarcho- und Prostituiertenmilieu wie in die Rauschgiftszene, trat als Kabarettist auf und als Märchenerzähler und schrieb phantastische Romane. Aber was ihm den gebührenden Nachruf ruinierte, war sein Propagandaroman "Horst Wessel" (1932). Er brachte ihm allerdings auch nicht die Sympathie der Nazis ein - allseitig geschmäht, starb der Schriftsteller, der sich selbst gern als "Psychotiker" bezeichnete, arm, allein und krank. Wie es sich in einem Melodrama gehört.
Nun hat ihn das Maxim Gorki Theater wieder aus dem Archiv der Geschichte hervorgeholt, und Alexander Lang hat aus seinem Stück eine amüsante, burlesk-groteske Inszenierung  gemacht. Allerdings auch mit einigen sehr eindringlichen, bewegenden Momenten. 
Denn dies Wundermädchen ist mehr als trivial. Wie bei dem echten Wunderkind, Marie Louise Braun, erlebt die 16jährige Luise auch bei Ewers die wundersame Erweckung durch einen Engel und heilt fortan viele Leiden und Gebrechen, die, worüber ein wissenschaftliches Kollegium leidenschaftlich   diskutiert, sich auch sonst in irgendeiner Weise regeneriert hätten. Jedenfalls ist es Tatsache, das dieses zarte Mädchen alle Menschen durch sein Wesen wie durch seine Wundertaten betört, Bittschriften über Bittschriften erhält und den Gelehrten, die es prüfen und befragen, mit einer erstaunlichen Festigkeit und Selbstsicherheit gegenübertritt.
Zur selben Zeit haben Armut und Unmut in der Bevölkerung überhand genommen - überall in den Städten gärt es, und die Studenten teilen die Sehnsucht nach Gerechtigkeit und Freiheit mit den elenden Massen, wenn auch in stark idealisierter Weise. Als skeptische Intellektuelle und politische Fanatiker teilen sie natürlich nicht den irrealen Glauben an Wunder, mit dem das Volk sich in seiner ausweglosen Lage zu betäuben versucht, sondern beobachten eher verächtlich das Geschehen im Haus der Louise, wo gerade ein Doktorenteam sich ein Bild von der Glaubwürdigkeit des Unerklärlichen machen will. 
Daraus wird nun zum Teil eine gelungene Karikatur, wie bei den drei Doktores: Ulrich Anschütz - als ob Wilhelm Busch augenzwinkernd bei dieser Rolle Pate gestanden hat; Hilmar Baumann, immer wieder überraschend, mit welchen Eigenschaften dieser gewiefte Schauspielhase überrascht! und Dirk Schoedon, dem das umständliche Dozieren auf die Nase geschrieben ist...
Auch in einer anderen Szene, der feierlichen Verschwörung auf dem Armenfriedhof, posieren sechs Studenten nach dem Komment und hanteln mit ihren Säbeln herum, grotesk ritualisiert, wie in Zinn gegossen oder von alten Bildern abkonterfeit. Mit solch einem Habitus lässt sich wahrlich nicht die Welt verändern. Aber die romantisch-verklärte Seele der akademischen Jugend glüht für die Revolution. Norman Schenk als Hanns übertrifft die Korpsbrüder noch an Ernsthaftigkeit, Fanatismus und blindwütigem Ehrgefühl, für das er sich auch in den Tod stürzen würde - wenn da nicht das Wunderkind jäh wie aus heiterem Himmel dazwischenfahren würde!
Da zeigt sich plötzlich im Konspirations-Gewölbe ein anderes Mädchen, gar nicht mehr so verklärt und versonnen fromm, sondern durchaus pragmatisch, klug und überlegen, ein Lämmchen eben, das Fleisch frisst... Und wieso ist sie überhaupt am diesem düsteren Ort? Nur um das blöde Duell um die unvermeidlich schöne Gräfin zwischen deren pinselweichem feudalen Verehrer (Thorsten Merten), und dem verbiesterten Hanns zu verhindern? Was nun folgt, verliert leider an Spannung, weil die nächsten Szenen im plüschig dekorierten Ballhaus  doch zu umständlich ausgespielt und mit mehr Einfällen als nötig garniert werden. Endlich kommt mit dem revolutionären Höhepunkt das Geschehen  voran; und man wartet bänglich auf die weitere Entwicklung wartet. Ein bisschen auch schwankt und wankt jetzt die Inszenierung zwischen Kasperaden und todernsten Gefühlen
- da könnte mehr Dramatik die Dynamik steigern. Denn das Liebesdrama zwischen Hanns und Louise hat die  sanfte, süß-bittere Qualität des ewigen Liebespaares Romeo und Julia. Es könnte die schönste Szene des ganzen Abends sein, wenn Norman Schenk jetzt endlich seine Verbissenheit ablegen und Heike Warmuth, die wie eine Löwin um ihren Geliebten kämpft, diesen Kampf nicht mit dem Angriff einer Hyäne verwechseln würde...

 

Was die wohl gesonnene, schöne Gräfin mit ihrer sanften Stimme betrifft, so sah man Adriana Altaras selten so hintergründig und witzig. Dass sie durchaus auch erschreckend furios sein kann, stellt sie ebenfalls mal kurz unter Beweis, aber da hat sich das Schicksal bereits für die Revolution und gegen die Liebenden entschieden. Aber schon bald kehrt sie schnell zu Demut und Hofknicks zurück angesichts des eintreffenden blinden Königs Zu spät: Die Wunderheilerin hat den Geliebten und ihre Begabung verloren, dafür aber den Glauben an eine neue, mögliche Freiheit gewonnen. A.C.