Das weite Land

von
Arthur Schnitzler

 

 

Dieses Land ist ein ziemlich enges Feld

   

Maxim Gorki Theater

Regie: Volker Hesse
Bühne: Marina Hellmann
Kostüme: Gerhard Gollnhofer

Es spielen:
Rosa Enskat (eisgekühlte Genia), Anya Fischer (als wilde Erna), Franziska Hayer ( Frau Rhon), Kirsten Hildisch (als Geliebte Adele Natter), Ruth Reinecke (als Schauspielerin und Mutter Ottos: Anna Meinhold Aigner), Ursula Werner (als freimütige Frau von Wahl), Thomas Bischofberger ( bleibt farblos als Stanzides), Klaus Chatten ( Rhon), Alexander Lang (verblödeter Hofreiter), Julian Mehne (als cleverer Kaufmann Natter), Thorsten Merten (Frauenfreund und und Hotelbesitzer von Aigner), Felix Rech (als armer Leutnant Otto), Norman Schenk (als hektischer Tennisspieler Paul Kreindl), Eckart Strehle (als Sonnenanbeter Meyer), Michael Wenninger (als armseliger Doktor Mauer), Henrik Zimmermann (Sonnenanbeter und Dichter Gustav) u.a.

  
Kurz gefasst:

Diese Inszenierungs- Interpretation macht das Stück uneinsichtig und inakzeptabel. Die gesellschaftliche Analyse und scharfe Kritik des Dichters an menschlicher Kälte und Oberflächlichkeit wird veralbert und bleibt ohne wirkliches Engagement und innere Anteilnahme.  Die Darsteller führen die Figuren nicht zu einem homogenen Spiel zusammen, sondern bleiben in individueller Distanz, die vielleicht beabsichtigt, aber blutarm und ohne Spannung ist.

Zurück

 

 

Am Anfang steht eine schmale junge Frau Genia (Rosa Enskat) allein auf der von farbigem Licht umspielten Bühne und atmet tief und schwer bis sich die im Körper fest gepresste Luft mit einem beängstigenden Stöhnen ihr Ventil sucht. Doch viel zu früh wird diese Befreiung der Seele jäh unterbrochen, als ein anderer Mensch auf der weiten Fläche auftaucht: der Doktorfreund des Hauses (Michael Wenninger), ein mausbrauner, ängstlich devoter Mensch, dem Regisseur Volker Hesse den typischen looser-Blick und Habitus aus der gut bekannten russischen Literatur verordnet hat. Für Genia, die Dame des Hauses, deren Bild sich übrigens in einer rückwärtigen Spiegelwand bonbonrosa, ganz klein und verloren, wie aus einer anderen Welt, wieder findet, wird ihr unterdrücktes Leid erst am Schluss mit einem Schrei des Schreckens offenbaren- natürlich ist es dann zu spät. Dann hat das Drama aus den frühen Jahrzehnten dieses Jahrhunderts, in dem Arthur Schnitzler einer bornierten, arroganten, steifen Gesellschaft den Spiegel vorhält, seinen schrecklichen Höhepunkt erreicht.      

Was ganz und gar in dieser Inszenierung, die zwischen bewährter Gerhardt Hauptmann- und Maxim Gorki-Dramatik pendelt, befremdet, ist die ausgesprochen alberne Hampelei der Darsteller. Vielleicht, so sagt man sich milde, sollen hier die äußere und innere Steifheit, die Verschleierung der Wahrheiten, der Begierden und heimlichen Wünsche, der Betrügereien und Lieblosigkeiten, sollen verletzte Eitelkeiten und falscher Stolz überdeutlich sichtbar werden und in einer verbalen Leere konterkariert werden, die in verkrampfter körperlicher Hopserei ihre Befreiung findet? Da die gut situierte Gesellschaft um den reichen Fabrikanten Friedrich Hofstetter und seine junge Frau Genia ( die anfangs um Luft und Atem ringt!) herum eigentlich nichts anderes tut, als Tennis zu spielen, sich bei Parties zu vergnügen und einander miteinander zu betrügen (und dies augenscheinlich mit größtem Eifer), hätten sich hier sich auch einige Zeitlosigkeiten herausfiltern lassen.     

Wenn doch diese Leute nicht gar so unerträglich albern und zappelig wären! Ihre Oberflächlichkeit und ihre Gefühlskälte ließe sich stattdessen in so vielen Varianten erschüttern darstellen - dass daraus ein faszinierendes Schauspiel realisiert werden könnte, wie es Schnitzler ganz ohne Frage auch geschrieben hat. Und das nicht einmal ohne Witz und Charme, denn schließlich ist er ein Kind Wiener Charmes! Aber weiß der Himmel, was sich der alte Alexander Lang dabei gedacht hat, aus diesem ebenso fitten wie fiesen Macho Hofreiter einen so penetrant trotteligen Alten zu machen, dass man ihn doch am liebsten in die Anstalt einweisen möchte. Was die jungen Frauen an ihm finden ( und es sind ja immerhin drei, die ihn lieben), bleibt rätselhaft.

Aufgeschreckt wie ein Schwarm Hühner läuft die übrige Mannschaft - und hier wird wieder einmal beinahe das ganze große Ensemble des Theaters aufgeboten - durch die Landschaft, man besteigt symbolträchtige, tödlich gefährliche Berge, besucht harmlose Festlichkeiten, läuft im Kreis herum und benimmt sich ansonsten wie im Kindergarten. Wohltuend, einigermaßen, ragen aus dieser pubertären Internatstruppe lediglich Ursula Werner und Ruth Reineke heraus, denen es erlaubt ist, sich wie richtige Menschen zu benehmen, zu klatschen und tratschen (Werner) und zu lieben und zu leiden (Reinecke). Alle anderen lassen sich in diesem makabren Spiel um Tod und Ehre, Liebe und Betrug von Hesse in die langweilige Leere führen. A.C.