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Der Kaufmann von Venedig

nach
William Shakespeare

 

von

Shakespeare zum Ausverkauf


Maxim Gorki Theater

Regie: Armin Petras; Bühne: Natascha von Steiger, Kostüme: Aino Laberenz, Dramaturgie: Carmen Wolfram

mit: Ronald Kukulies, Christin König, Regine Zimmermann, Michael Klammer, Julischka Eichel, Andreas Leupold, Peter Jordan Sabine Waibel, Sarah Franke

Maxim Gorki Theater

 

 

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Nur selten fand bislang die Kritik Gefallen an den Regiespielen des Maxim-Gorki-Intendanten Armin Petras bei seinen Interpretationen klassischer Vorlagen. Auch seine Regieschüler servierten zumeist ein fabulöses Durcheinander von Einfällen aus gestrigem Sujet vermischt mit heutigem Comedy-Touch, wie er gern in vorgefertigten Serien im Fernsehen serviert wird. Möglichst heiter, und wenn schon mal Blut fließen muss, dann ziemlich dick und drastisch, wie man es ja aus Horrorfilmen kennt und kaum noch vermerkt. Tragik findet am Rande statt, hin und wieder auch mit etwas Feingefühl für menschliche Unzulänglichkeiten versehen. Aber eigentlich belacht man sie eher als sie zu analysieren, verfemt sie statt zu verfremden, spießt sie mit schweren Lanzen auf, weil man die Eleganz des Florettfechtens nicht beherrscht. In dieser Inszenierung stehen natürlich Geld und Besitz sowie der Wucher und die Härte der Geldverleihens im Visier des Regisseurs. Schließlich will man aktuell sein und den Alten einmal zeigen, wie man aktuelles chices Theater macht! Auch der Hass zwischen Christen und Juden, die Unnachgiebigkeit und Intoleranz auf beiden Seiten sind schon noch Thema - aber dass man dessen furchtbare Konsequenzen mit einer albernen Hitler-Pantomime karikiert, ist für mich unerträglich. Viele Zuschauer aber können darüber lachen.

Eines steht für alle; und wer diese Art des modernen Bühnengetümmels mag, der kann getrost auch den verplantschten "Kaufmann von Venedig" anschauen, der - ungemein originell - in den tragenden Rollen - so wie man das früher sah - von zwei Damen gespielt wird: Christin König spielt den liebeskranken homoerotischen Kaufmann Antonio mit einer Leidenschaft, die aus der Tiefkühltruhe kommt, stakt im grauen Schneiderkostüm durch die Fluten des schweren Schicksals, das von ihm/ihr nicht nur den Geliebten Bassanio abfordert, sondern auch seine kostbar beladenen Schiffe dem Untergang geweiht hat. Die spitze Frauenstimme mag diesen Antonio wohl als zwiespältig veranlagten bedauernswerten Edelmann skizzieren, seinem Charakter bleibt Christin König so fern wie dessen Schiffe auf hoher See. Ob man mit Regine Zimmermann eine glücklichere Wahl als habsüchtigen und verbitterten Juden Shylock   getroffen hat? Jedenfalls knarzt sie glaubwürdig um Leid und Leben, greint schrill um die verlorene Tochter und die mit ihr verflüchtigten Juwelen und Dukaten und bleibt, den unerforschbaren Blick in eine Ferne gerichtet, die dem ewige Leid der Juden vielleicht am Horizont  Hoffnung verspricht, beinhart. Der Schein, der Schuldschein, der die geliehenen 200 Dukaten bis zum Fälligkeitsdatum mit einer unvorstellbaren Last (und List) belädt, ist der Pfand des Geldverleihers für seine Rache, auf die er lange gewartet hat: Ein Pfund Fleisch aus Antonios Herzen. Punktum. Kein Pardon, kein Wenn und Aber, keine Verdreifachung der verliehenen Summe. Shylock, verhöhnt und verhärmt, verspottet und mit Spucke beschimpft, von ganz Venedig verachtet und doch in Geldnöten von den hochmütigen Christen bitter benötigt, geht es nicht mehr um das Leben Antonios. Diese Menschen sind ihm alle gleich widerwärtig. Ihm geht es um sein Recht, um die Erfüllung seines Anspruchs: ein einziges Mal möchte er den Sieg auf seiner Seite sehen, als mörderische Warnung eines kleines hilflosen Mannes und seines Volkes. Als Opfer für seinen Einzigen Gott. Das alles weiß bereits jeder Schüler. Regine Zimmermann kann diese Gefühle am besten zeigen, wenn sie schweigend dasteht, klein, den Kopf auf die Schultern gezogen, die kindlich knarrende Stimme überschlägt sich als sie auf Shylocks Recht beharrt, während die ganze Truppe von Reichen, Kaufleuten, Huren, Nichtstuern, Adelsgesindel sie/ihn auf Knien anfleht, Erbarmen zu zeigen. Gnade zu gewähren. Selbst der große Appell der als Anwalt verkleideten Porzia, der Braut Bassanios,  kann ihn - und ehrlich gesagt auch uns - nicht rühren. Zu blass ist Sabine Waibel in ihrem schwarz-weißen Klosterkleid, und zu artig erledigt sie ihr Plädoyer, das man durchaus feuriger kennt. (...die Art der Gnade ist von keinem Zwang...)  Auch scheint ihr die Lösung des Problems buchstäblich erst in letzter Sekunde einzufallen, so dass man die gruselige Gewissheit um den letztendlich auf Menschlichkeit hoffenden Triumph durch das Fehlen jeglichen geschickten Taktierens vermisst. Wie und in welch intoleranter Weise dann die sogenannten Christen mit Shylock verfahren, ist allerdings, originalgetreu, nicht minder grausam.

Dass Ronald Kukulies in den Nebenrollen des Dogen und des Freundes Graziano bis auf wenige Sätze farblos bleibt, liegt wohl auch daran, dass er seine Intonation stets beibehält. Eine gute Idee ist es, den üblen Verführer Jessicas als echt unsympathisch vorzuführen. Da fragt man sich dann doch, was so ein hübsches Kind an so einem verlebten Menschen wohl findet. Eben noch tollte sie, gut im Hause behütet, leicht verliebt mit dem locker parlierenden und köstlich albernen Diener ihres Vaters, Lanzelot, übermütig zu MGV-Pop und Paraden, HipHop und Feierabendsoaps herum, nun findet sie sich als Hure wieder. Für den Darsteller des Dieners - Peter Jordan - sollte man einen extra Abend ansetzen - er zeigt eine enorme Spannbreite schauspielerischer Verstellungskünste! Hier allerdings fällt er wohl bewusst aus dem Rahmen.

Die berühmte Kästchenszene, in der die Freier um Porzia (und ihren Reichtum) durch die Wahl der verschlossenen Preziosen ihren wahren Charakter offenbaren und die Schöne dann samt Porträt erobern, ist veralbert, und Michael Klammer, hinter dessen Kaspereien man noch in keiner Inszenierung eine ernsthafte Begabung erkennen konnte, gibt sich alle Mühe, auch hier das vielleicht sogar wirklich langweilige Zusatzspiel ohne künstlerischen Gewinn darzustellen.
Doch: Reicher Applaus bei der Premiere. Wer auf Shakespeare als altertümliche Ausverkaufsware gesetzt hat, wird hier mit allerlei Schnäppchen und Schnickschnack (auch aus dem Fundus anderer Shakespeare-Theaterstücke und Opern) reichlich bedient. A.C.

 

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