Der Kaufmann von Venedig von
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Ein Shylock wie ein Börsenmakler Stückemarkt verlorener Werte |
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Regie: Tina Lanik Wer mehr wissen will, der schlage nach bei Shakespeare - der Kaufmann von Venedig ist ein großartiges, geistreiches, wunderbares philosophisch- psychologisch durchdachtes Spiel, sogar mit viel Schalk und Humor, den man im Deutschen Schauspiel allerdings nicht so sehr goutiert.
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Es erscheinen zwei wirklich tragische Figuren in dieser Inszenierung von Tina Lanik: Das ist zum einen, Antonio, der erfolgreiche Kaufmann und einsame Mensch, von Stefan Hunstein so melancholisch, so verzweifelt, und eigentlich am Ende aller Lebenskräfte gespielt, dass er dem Titel des Stücks durchaus gerecht wird. Su Sigmund kostümiert ihre Männer eindeutig: Während die venezianischen Herren in modernen Maßanzügen über die Bühne stelzen und gewichtige, aber letzthin leere Mahnungen an den Depressiven richten, schleppt sich Antonio in legerer Hose, lockerem Hemd, die Mähne zerzaust, in sparsamen Gängen an den Bühnenrand. Er bleibt beinahe stets im Abseits, im Dunkel. Denn es ist nicht der augenscheinliche Verlust seiner drei Handelsschiffe, der ihn quält, auch nicht die tödliche Bürgschaft, die er dem Juden Shylock als Pfand versprach. Es geht um mehr, und es geht viel tiefer, wie jedermann bald ahnt. Die Regisseurin hat das eindeutig herausgestellt, mit sparsamen Gesten und doch heftigen Gefühlsbezeugungen, die über eine allgemeine Gunst- und Freundschaftsbezeugung zwischen zwei Männern wohl hinausgehen. Als die Freunde Antonio fragen, was ihn denn betrübe, ob er verliebt sei, antwortet dieser mit "Pfui" - wie könnte man besser leugnen, was nicht sein darf? Es ist Bassanio, den er liebt. Und er wird ihm einen letzten Liebesdienst erweisen, obwohl der Anlass ihn innerlich zu zerreißen scheint. Denn Bassanio will um Porzia, eine reiche Erbin, werben, besitzt aber keinen roten Heller mehr. Antonio wird für ihn beim Juden Shylock borgen und für ihn bürgen - gegen ein Pfund lebend Fleisch aus seiner Brust. Eine zynische, makabre Abmachung, die nur trifft, wer lebensmüde oder ein Spieler ist. Antonio aber ist kein Spieler. Eher Shylock: Er spielt mit einem abartigen Gedanken an Rache, die seinen Hass tilgen könnte gegen den arroganten, ihn verachtenden Mann, der nun jäh in seiner Schuld steht. Allein der Gedanke an die Einlösung der mörderischen Abmachung bereitet Shylock ein diabolisches Vergnügen. Und die zweite tragische Figur (wohlgemerkt in dieser Inszenierung!) ist Jessica, Shylocks Tochter, die aus der starren religiösen Tradition des Vaterhauses ausbricht, aus der den Frauen verordneten Enge und mit dem christlichen Liebhaber aus dem häuslichen Kerker flieht. Sie weiß, dass sie mit diesem Verrat den Vater mit Konsequenz zur Rache treibt: Seiner Tochter und seines Vermögen beraubt, das diese mitnahm, von den Christen, den Kaufleuten gedemütigt, bespuckt, getreten, wird er aus diesem Feuerreif des mörderischen Vertrages nicht mehr ausbrechen können. Ein Gefangener von Wut und Hass. Jessica zeigt ohne viel Worte, was sie fühlt in ihrer leidvollen Mimik. Sie trägt eine Schuld, die untilgbar ist, und für die es keinen Bürgen gibt. Es ist nur konsequent, das sie am am scheinbar glücklichen Ende mit ihrem Geliebten neben den beiden anderen Paaren steht - ihre Hypothek ist die schwerste. Shylock, der Jude des 16. und der folgenden Jahrhunderte, dessen Selbstachtung aus der Macht seines Vermögens erwächst, der aber gesellschaftlich stets am Rande der ihn verachtenden Christen stehen wird, ist diesmal nicht die eigentliche tragische Hauptfigur. Zwar hat er mit Ulrich Matthes einen neuen Herausforderer gefunden. Aber dieser bricht mit der Tradition aller Shylock-Darsteller: Er ist weder alt noch gramgebeugt, noch gestenreich und listig-verschlagen, er ist nicht der Mann, der gramgebeugt das Erbe einer tiefen, alten Schmach seines Volkes trägt und zu rächen versucht. Denn es gibt keinen Shylock mehr auf Deutschlands Bühnen, der imstande wäre, diese komplizierte Parabel von Schuld und Verstrickung, von Rache und Vergebung, von Gnade und Verurteilung emotional zu zeichnen. So hat Matthes diese Rolle, seiner schauspielerischen Individualität entsprechend, anders ausgefeilt: schlank, schmal, elegant, mehr Börsenmakler als verachteter Geldverleiher im Hinterstübchen, betritt er das kahle, weiße Halbrund innerhalb der großen offenen Bühne. Stolzer und aufrechter als je ein Shylock zuvor, ein Intellektueller unter den Seinen, ein Denker, der um so eher verletzt ist, als er begreift, warum sich vorerst nichts an dieser grausamen, ungerechten Rollenverteilung zwischen Christen und Juden ändern wird. Es geht Shylock, diesem Shylock, nicht ums Geld allein, er selbst muss es sogar leihen, es geht ihm um Genugtuung. Auch noch nicht um Rache, obgleich Antonio ihn anspeit, ihn beleidigt, erniedrigt. Das ist Shylock gewöhnt, es ficht ihn nicht so sehr an, als dass er nicht großartige philosophische Überlegungen anstellen könnte: Bin ich nicht ein Mensch aus Fleisch und Blut, habe ich nicht Augen wie Ihr, Ohren wie Ihr..." Die angesprochenen Freunde Antonios begreifen nichts, so wenig, wie ihre Zeit und spätere Gesellschaften nichts begreifen werden, von dem, was Jesus Christus gepredigt hat. Und es wird lange dauern, viele schreckliche Jahrhunderte noch bis die Menschheit sich vor dem geschundenen und geknechteten Volk verbeugen wird. Shylock bleibt der Außenseiter, aber zunächst als der überlegene, der seinen Stolz aus den Tiefen der Demütigung gerettet und gestärkt hat, und der sich dieser Gesellschaft so gut es eben möglich ist, bedient und sich an ihr bereichert. Ein seltsamer, dunkler Vogel. Und bei seiner "kleinen" Bedingung, die er der Bürgschaft beistellt, nämlich ein Pfund Fleisch aus Antonios Brust schneiden zu dürfen, wenn dieser das Geld nicht zurückzahlen kann, lächelt Matthes' Shylock eher geschäftsmäßig als bösartig, eine kleine bübische Rache, denkt er, ein Schreck und ein Schock, den er dem hochmütigen Antonio einjagt - erfüllt mit Stolz, den mächtigen Kaufmann und Freund vieler Gläubiger und Schuldner in der Tasche zu haben. Matthes setzt mehr seine Stimme ein als den Körper, der seltsam steif und unbeholfen wirkt. Nur sein Kopf arbeitet. Später wird sein Verstand zwanghaft vernebelt sein und ihn ins Unglück treiben, aber die Pein, die er in seiner mörderischen Wut erleidet, ist größer als die des lebensmüden Antonio. Trotzdem geht er nicht mit hängendem Haupt von der Bühne, er schleppt seinen Koffer in der einen Hand, das fürchterliche Papier in der anderen; der Hut auf dem Kopf sitzt gerade, der Rücken ist durchgestreckt. Was hat dieser Mann alles verloren! Die Tochter, fast das ganze Vermögen, die Möglichkeit einer letzten Rache, die ihn als kühlen Mörder gezeichnet hätte, die Ehre und trotzdem hat es den Anschein, als ob nach einer atemberaubenden Szene nun das Spiel gespielt ist. Was noch folgt, sind die üblichen Paarfindungen mit Missverständnissen und Ehrverlust, mit Doppeldeutigkeiten von Treue und Liebe, an deren Stelle wohl eher die Freude am Vermögen und sexueller Befreiung gesetzt werden sollten. A.C.
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