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Der Menschenfeind
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Molière in Matsch und Müll
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Regie: Ivo van Hove Bühne und Licht: Jan Versweyveld, Kostüme: An d'Huys; Video: Tal Yarden; Dramaturgie: Maja Zade; Mitarbeit Musik und Komposition: Daniel Freitag mit: Lea Draeger, Lars Eidinger, Franz Hartwig, Corinna Kirchhoff, Judith Rosmair, David Ruland, Sebastian Schwarz, Nico Selbach
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Das sei eine Warnung für alle Miesepeter und Misanthropen! Wenn sie mit den Unzulänglichkeiten ihrer Mitmenschen derart hadern wie Molières eloquenter, geistreicher und zutiefst verzweifelter Alceste, enden sie unweigerlich in Matsch und Müll und werden den Rest ihrer armseligen Tage wie Penner im Unrat verbringen. Denn die anfangs schneeweiße, klinisch-reine Bühne verwandelt sich in dieser Inszenierung zuerst in ein matschiges Allerlei aus Partyresten und dann zur Müllhalde, auf der im Abfall aus der Schaubühnenkantine wie Salat, Dosen, Pappbecher und Zigarettenreste die Schauspieler mehr glitschen und rutschen, und die letzten verzweifelten Liebes-an-sätze des blindwütigen Alceste und seiner nicht minder verrückten Célimène absolut lächerlich wirken. Die Tragik dieser einmaligen Komödie wird in den Abfall gekehrt.
Lars Eidinger ist entweder Pubertist
oder Psychopath, aber bestimmt kein
Philosoph, eher ein zunächst depressiver Weltschmerzler denn die Welt
Durchdringender; doch mit fortschreitender resignierter Deklamation der in äußerst
schlichte Reimversion übersetzen französischen Verse entfaltet er sich zum
jähzornigen, unberechenbaren Amokläufer, der Freund wie Feind
gewalttätig angreift und auch die Geliebte abwechselnd würgt und schlägt
und dann wieder mit gleicher unkontrollierter Heftigkeit liebt. Das ist
nicht nur für die sexy naive Célimène (Judith Rosmair) schwer zu ertragen, die sich als
kokette Verführerin im dünnen, durchsichtigen Kleidchen anbietet, die
mit ihren Verehrern Katze und Maus spielt, liebreizend tändelt und doch
höchst zerflattert und unglücklich bei all dieser Liebelei ist - wohl
in realistischer Zukunftsangst, die ihr ganz gewiss nicht ewige Schönheit
garantiert. Mal Hexe, mal Schlange, gurrt und beißt sie je
nach Lust und Laune wer in die Quere kommt und verschlingt die ältere Konkurrentin mit hassgetränkten Giftpfeilen, wobei ihr die großartige Corinna Kirchhoff
als gouvernantenhafte Arsinoe nicht nur in der Kunst des Intrigierens haushoch überlegen bleibt.
Kirchhoffs darstellerischen Facetten retten den übel riechenden und arg
verdreckten Abend und erinnern an glücklichere Zeiten der Schaubühne.
Und auch Franz Hartwig als Philinte, der den gütigen, glaubhaft
aufrichtigen Freund des ausgeflippten Alceste mit glaubhaftem Schmerz
spielt, sich allerdings auch als Opportunist der Gesellschaft anzupassen
versteht, erinnert uns an richtiges Theater; selbst ist er unglücklich
verliebt in die brave Eliante (stimmlich sehr zurückgenommen Lea Draeger
- warum muss sie denn als einzige ohne aufgeklebtes Mikro sprechen?),
die tragischerweise und völlig unverständlich den unansehnlichen Alceste
liebt, denn der ist in zwei pausenlosen
langen
Stunden über und über mit Unrat bekleckert, und überhaupt ein absolut
unansehnlicher Chaot und zudem ziemlich charakterlos. Wer sich einmal im Schlossparktheater in Steglitz umsieht, wird das Porträt von Bernhard Minetti als Molières Menschenfeind erblicken. In diesem Gesicht spiegelt sich ein ganzes Drama.
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