Der einsame Weg

von
Arthur Schnitzler

 

 

 Bonjour Tristesse

 

 

Deutsches Theater

Regie: Christian Petzold; Bühne: Henrik Ahr, Kostüme: Anette Guther, Dramaturgie: Roland Koberg

mit: Nina Hagen, Barbara Schnitzler, Almut Zilcher, Jörg Gudzuhn, Alexander Khuon, Ulrich Matthes, Frank Seppeler, Ernst Stötzner

 
Passend zur vorösterlichen Leidenszeit sah man im DT die eigentlich nicht überraschende Inszenierung menschlicher Trostlosigkeit in Absolutheit. Eingepfercht zwischen weiße kahle Wände, die sich rückwärts zu einem städtischen Videobild verjüngen, durchqueren in vorschriftsmäßiger Diagonale die Protagonisten das Bühnenareal vor der nächtlich erleuchtenden Hochhauskulisse und präsentieren uns ihr scheinbar unausweichlich schreckliches Schicksal. Das Stück des Wiener Autors, der hiermit angeblich ein "schonungsloses Selbstporträt" zeichnete, wurde 1904 am Deutschen Theater uraufgeführt und ist total antiquiert.
Auf ihrem einsamen Lebensweg sind die Protagonisten einander zu verschiedenen Zeiten begegnet, haben einander geliebt, belogen, betrogen, verlassen  - und geschwiegen bis zum heutigen Tag. Da ist der geistreiche Zyniker Herr von Sala, ein alt gewordener Offizier und todkranker Literat; Er ist nicht die Kernfigur des Familien- und Künstlerdramas, aber Ulrich Matthes gibt diesem Pessimisten eine zentrale Bedeutung – wie er im schmalen Gehrock, antidynamisch, antileidenschaftlich, bereits von allem Lebendigen weit entfernt, nach vorn an die Bühnenrampe tritt, dort verharrt, sinnierend und reflektierend, und wie er den bitteren Witz des verpassten Lebens als letzen Kommentar zu seiner und anderen Menschen Los und Leid mit eben jener, immer gleichen, immer wieder bannenden harten Modulation seiner Sprache ausfeilt – das stellt ihn zu Recht ins Rampenlicht, auch wenn dies nur matt leuchtet. Mit dem frühen Tod von Frau und Tochter ist er wohl zum Misanthropen geworden, und die Liebe der jungen Johanna kann er nur noch als seine letzte Chance, noch einmal aufzuleben, verstehen; doch mit dieser kalten Eigensucht verletzt er das labile Mädchen tödlich.

Nina Hoss spielt diese noch so junge, lebenshungrige Frau, die sich widerwillig als Pflegerin an ihre kranke Mutter gefesselt fühlt, mit einer traurigen Gelassenheit; der Körper wehrt sich schon nicht mehr gegen die Aussichtslosigkeit, eines Tages noch irgendwo ein aufregendes Leben zu finden; tänzelnd wie jemand, der die Bodenhaftung scheut, kreist sie vor allem um die eigene Person, zieht die Ärmel der dünnen Jacke bis in die Fingerspitzen hinunter, wie um sich daran festzuhalten, bevor sich aller Atem verflüchtigt hat; die Stimme erhebt sich noch frisch und ihr Antlitz strahlt und leuchtet und signalisiert Hoffnung, endlich den Mann lieben zu dürfen, dem sie seit langer Zeit zugetan ist. Nina Hoss hat auf der Bühne im Gegensatz zu ihren Filmrollen stets eine große Ausstrahlung, diesmal überdies eine sehr fragile Präsenz, die zu Herzen geht.

Allerdings sollte man die beiden „alten Hasen“ dieses Theaters – Jörg Gudzuhn als um den Sohn betrogenen Akademieprofessor Wegrat und Erich Stötzner als seinen Jugendfreund, der ihm für kurze Zeit die Verlobte raubte und ein Kuckucksei ins Nest legte, nicht in die zweite Reihe stellen. Präsentieren sie doch die Schauspielergeneration, die als emotionaler Gegenpart zu Matthes/Hoss noch Gefühle ausspielen und beim Publikum wecken können und dürfen – nicht bei jedem Regisseur ist das heute noch erlaubt!

Stötzner jedenfalls als egozentrisch-amoralischer Maler Julian Fichtner, der jetzt, wie der Freund nach dem Tode der von beiden geliebten Frau, alt und einsam geworden ist und sich nach seinem Sohn als letzten Inhalt eines verlebten Lebens sehnt, kann diesen wankenden Eindruck zwischen Sympathie für den gescheiterten Menschen und Antipathie, mit dem man seine Lügen und Treulosigkeit verdammen möchte, in allgemeingültiger Form einer Anti-Ethik ausspielen.

Und dieser Sohn, um den sich das ganze verflixte Drama einer lebenslangen Lüge dreht? Alexander Khuon steht als junger Offizier Felix nicht nur schauspielerisch zwischen diesen Generationen, sondern auch in seiner Rolle als Sohn zweier Väter, das uns in heutigen Verhältnissen als absolut überspannt dramatisch daherkommt. Aber er muss textgetreu arg leiden, fühlt er sich doch dem „Ziehvater“ weitaus mehr verbunden als dem leiblichen, der die Mutter eigensüchtig verließ und nun eine Sohnesliebe einfordert, die er sich nicht erworben hat. Der Konflikt ist weder für den jungen Felix noch für Khuon glaubwürdig nachspielbar. Darum auch lässt ihn die Regie wohl am Ende kraftlos an die Brust der ebenfalls von Fichtner verlassenen Schauspielerin sinken; Zuletzt zieht ihn also das holde Weibliche wieder hinan, nachdem er die Mutter verloren hat. Für Frank Seppeler, der hier ungewohnt hölzern den Hausarzt und stummen Verehrer von Johanna mimt, bleibt nur die klägliche Version eines hilflosen Arztes (Schnitzler selbst war Arzt und Dichter), der keinerlei Wärme zu geben vermag. Aber sei es drum: Wärme ist sowieso ein Fremdwort am DT, und die Kühle und Tristesse der meistens Inszenierungen lassen selten Optimismus aufkommen, verstreuen aber hier und dort ein paar Funken echter Schauspielglut. A.C.