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Der unbekannte Bruder Grimm ein Gesellschaftsspiel von Ania Michaelis
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Wenn der schöne Schein zerbricht |
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Theaterhaus Mitte Tel.: 28041966 ab 26.Januar Text: Hartmut Mechtel Regie: Ania Michaelis Bühne: Stefan Grebe Kostüme: Katrin Michel/Adelheid Wieser Dramaturgie: Christel Hoffmann Darsteller: Matthias Bernhold: Wilhelm Grimm, Patricia Christmann: Dorothea Grimm Stephan Korves: Ferdinand Grimm Ulrike Monecke:... Grimm Minouche Petrusch: Bettina v. Arnim, geb. Brentano Uta Schulz: Annette v. Droste-Hülshoff |
Wie das so ist unter Geschwistern, unter Brüdern speziell: der Machtkampf beginnt früh und endet nie. Warum sollte das bei Geistesgrößen anders sein als bei gewöhnlichen Sterblichen? Psychologische Analysen und das Theater haben sich oft dieses Themas angenommen. Es ist immerwährend und betrifft uns alle, ohne, das wir daran etwas ändern könnten. Aber wir lernen doch eines daraus: bewusst hinzusehen, intensiver zu fühlen, schärfer zu beobachten und ehrlicher zu hinterfragen, wenn wir diesen Schicksalen scheinbar hilflos gegenüberstehen. Nehmen wir zum Beispiel die Epoche der Romantik, wie sie kulturhistorisch betitelt wird, in Wahrheit aber auch eine Zeit des politischen und gesellschaftlichen Auf- und Umbruchs, der Revolutionen ist. Schöngeist ist gefragt, humanistische Bildung, und Gefühle, die vor der Realität flüchten. Namen wie Bettina von Arnim und Annette von Droste-Hülshoff rufen noch heute nostalgisches Entzücken bei den Verehrern geistreicher Gespräche in hochkarätig besuchten literarischen Salons hervor – man beneidet eine längst untergegangene Gesellschaft um ihren Schein, mit dem sie die Wirklichkeit weit von sich schob. Und drang diese wirklich ungeschminkt in ihre heitere, verspielte und elegische Welt ein, dann wurde sie hart und rasch vor die Mauern eines Lebens verbannt, das sich selbst vollauf genügte. Wie schön, dass angesichts der harten, sprachdürftigen, gewalttätigen Inszenierungen allerorts der „Theatersalon“ einen literarischen Diskurs unternimmt in eben diese Welt, in der die Ge-Brüder Grimm Wissenschaft und Politik betreiben, Märchen aus deutschen Landen in allen Mundarten sammeln und ein umfassendes Wörterbuch der deutschen Sprache herausgeben. Als Professoren lehren sie aber nicht nur Literatur, sondern auch den neuen Geist der Zeit: Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit. Ernst August, König von Hannover, hat dafür wenig Verständnis, setzt die Verfassung von 1833 außer Kraft und entlässt die protestierenden Professoren der Universität Göttingen aus dem Staatsdienst. Unter ihnen die beiden Brüder Grimm. Jacob wird sogar außer Landes verwiesen. Doch nichts davon im Hause Grimm, wie es sich in dieser Bühnenfassung darstellt. Hier spielen und rezitieren, lesen und schwärmen, flirten und frohlocken die quirlige Bettina von Arnim , die verschüchterte, warmherzige Annette von Droste-Hülshoff, Wilhelms Frau naive, doch gleichermaßen gebildete Frau Dortchen und der jüngere der Grimmbrüder: Ferdinand. Die heitere Stimmung der kleinen Gesellschaft bricht als plötzlich und unerwartet Ferdinand vorschlägt, aus eigenen Werken zu lesen und dabei selbst mit Leidenschaft eine Novelle vorträgt, die an den Grundfesten der Familie rüttelt... Denn überspielt wird, was nicht in die heitere Lebensart passt: Die Entlassung von Wilhelm und Jacob und die damit einhergehende finanzielle Not der Familie, die Einsamkeit der Bettina von Arnim, die Mann und eines ihrer Kinder verlor und sich in einen romantisch-verklärten Briefwechsel flüchtet. Auch Annettes hoffnungslose Einsamkeit wird – bildhaft zur Poesie verklärt - bewundernd ( aber nicht mitfühlend) aufgenommen. Selbst der schwelende Konflikt zwischen den beiden erfolgreichen, ernsthaften und zielstrebigen Brüdern Wilhelm und Jacob und ihrem „haltlosen“, wenngleich nicht minder begabten Bruder Ferdinand, der zeit seines Lebens von ihnen abhängig bleiben wird, wird bis zu seiner Offenbarung, dass die Novelle bereits veröffentlicht ist, elegant überspielt. Doch als damit ihre Scheinwelt angetastet wird, reagieren sie mit alle mit einer erschreckenden Gefühlsarmut und Kälte, die ihr egozentrisches Wesen offenbaren. Glänzend hat es die Regisseurin verstanden, das romantische Liedgut vielstimmig in das Salonspiel einzuflechten, und die Darsteller können zudem ja auch wunderbar singen. Von entlarvender Schärfe auch sind die scheinbar naiv und so nebenbei vorgetragenen kleinen Märchen, die an die grausame Saite des Menschen erinnern. Nur ist hier das Entsetzliche so reizend zwischen harmlosen Spielchen, wie sie heutzutage auf Kindergeburtstagen noch üblich sind, eingebettet, das man gar zu schnell vergisst, was noch eben Unsägliches an Gewalttätigkeit so liebreizend vorgetragen wurde. Und oft sind es drei Brüder, drei Schwestern, die um die Liebe ihres Vaters kämpfen. Im Märchen gewinnt sie zumeist das jüngste Kind. A.C.
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