Die Fliegen

von
Jean-Paul Sartre

 

 

Der Herr der Fliegen

 

 

Hans Otto Theater Potsdam

 

Regie: Johanna Hasse, Bühne u. Kostüme: Vinzenz Gertler; Dramaturgie: Sebastian Stolz

mit: Peter Wagner, Jupiter; Alexander Weichbrodt; Orest; Matthias Hörnke, Ägist; Harald Arnold Pädagoge; Jenny Weichert, Elektra; Rita Feldmeier, Klytämnestra; Gisela Leipert, Eine Frau aus dem Volk

 

 

 
  Dies ist ein Appell an die Freiheit des Menschen, sich von der Zwangsvorstellung eines vorbestimmten Schicksals zu lösen, selbständig Entscheidungen zu treffen und ihre Konsequenzen in voller Eigenverantwortlichkeit zu tragen. Es ist ein Gedankenspiel mit dem Existenzialismus, wie die französischen Intellektuellen Jean-Paul Sartre und Albert Camus ihn verstanden, und es ist ein leidenschaftlicher Aufruf im Widerstand gegen die deutschen Besatzer im zweiten Weltkrieg - und nicht zuletzt ist es auch eine moderne phantasievolle Bearbeitung der griechischen Tragödie, die mit dem Untergang des Geschlechtes der Atriden seine Ablösung von einem menschlich fixierten und handelnden Götterhimmel einleitet.

All diese bemerkenswerten und hochgradig sensiblen Intentionen in eine spannende, auf das Wesentliche reduzierte und doch letztlich in eine Euripides wie Sartre gerecht werdende Inszenierung einzubinden und auszuleuchten, ist seit Menschengedenken auf deutschen Bühnen nicht mehr erfolgt. Glücklicherweise geht Johanna Hasse in der Reithalle des Potsdamer Theaterensembles mit beeindruckender Leichtigkeit an diese große Aufgabe heran und bringt eine bemerkenswerte Aufführung zustande, die mit einem souveränen Peter Wagner als ebenso zynischer wie autoritärer Göttervater, einer erschütternden Jenny Weichert als stolze und verzweifelt auf Rache sinnenden Elektra und einem ungewöhnlichen Orest besetzt ist: Alexander Weichbrodt spielt ihn als einen aufgeklärten Verstandesmenschen im Sinne Sartres, der am Ende den Mord an der Mutter und ihrem Liebhaber als sühnenden Akt der Befreiung beschwörend und zugleich an sich zweifelnd feiern wird...

Dass die seltsame Reithalle mit ihren gekachelten Seitenwänden und ihrer Empore auf eckigen Stützpfeilern sowie dem weiten, länglichen Bühnenraum sich stets von neuem mit ihrer kühlen Schlichtheit den verschiedenartigen Inszenierungen anpasst, ist wohl ein selten glücklicher Zufall. So erübrigen sich auch diesmal große Dekorationen. Lediglich zwei mit Gittern überspannte Podeste und mit Fliegen bemalte Hintergrundwände genügen, um Schicksalsebenen und historische Dimensionen anzuzeigen.

Sartres Überlegungen, sich gerade dieses Dramas anzunehmen, liegt  sowohl in seinem existenzphilosophischen Glaubensbekenntnis als auch im politischen Zeitgeschehen, auf Grund dessen er seine Landleute mit diesem Stück symbolisch und doch sehr massiv und deutlich zum Widerstand gegen die deutschen Besatzer auffordert. Er will sie ermutigen, von Selbstverleugnung und Defaitismus  abzulassen und sich in den aktiven Widerstand zu begeben. Denn nur durch eigenes Handeln könne, so Sartres Credo, der Mensch sich von allen Zwängen, von moralischen Hemmungen und behindernden Machtstrukturen befreien!

Das aber setzt die Erkenntnis voraus, welcher Methoden sich die Tyrannei, die Unfreiheit bedient. Und dazu läßt er, dramatisch hoch brisant in Szene gesetzt, das Gattenmörderpaar Ägist und Klytämnestra alljährlich das Volk zum Trauertag der Sühne und Buße  zu Ehren Jupiters antreten, befiehlt, schwarze Kleidung anlegen und suggeriert den Einwohnern von Argos, ihre Schuld im mystischen Beisein der Toten zu bekennen. Der grausliche Ritus (der uns heute gar nicht so fern ist - denken wir an die ständige Erneuung unserer nationalen Schuldgefühle am Holocaust) hat Methode und zeigt Erfolg; denn das Volk bleibt in der Erinnerung und Ermahnung an seine unvergängliche Schuld kleinmütig, ehrfürchtig, leicht zu lenken. Es sieht im Vergehen seines Herrscherpaares - dem Mord an Agamemnon, dem Helden des Trojanischen Krieges und Gatten von Klytämnestra - sein eigenes Fehlverhalten gespiegelt. Niemals wird es wagen, gegen diese moralische Instanz zu rebellieren und aufzubegehren! Allein Elektra widersetzt sich stolz und leidenschaftlich der Willkür des Herrscherpaares, kämpft wider das Vergessen und fügt sich nur scheinbar in das ihr auferlegte Schicksal einer Dienstmagd. Welch ein Hohn, welche grandiose Idee, zu diesem Spektakel Beethovens "Freude schöner Götterfunken"  wie einen musikalischen Hammerschlag durch den Raum zu jagen; welch ein herrlicher Einfall, Jupiters weißes Gewand gegen einen ihn diabolisch umwehenden schwarzen Mantel zu tauschen; so wird er zum dunklen  Herrn der Fliegen, dem die Rachegöttinnen auf ein Fingerschnipsen hin zu Willen sind, um die Menschen - in dieser Inszenierung allerdings auf ein eher harmloses Sirren reduziert - zu attackieren.

 Als Elektra seiner Statue, verachtend und aufbegehrend, den Müll vor die Füße schüttet und Orest entgegen Jupiters beschwörendem Appell, sich der alten Ordnung zu fügen, ohne moralische Bedenken   den Mord an Ägisth und Klytämnestra verteidigt, weiß der Gott, dass die Götterdämmerung der alten Olympier bevorsteht. Die Schlüsselszene des Stücks zeigt die Auseinandersetzung zwischen den alten olympischen Schicksalsinstanzen und dem neuen, freien Menschen, der, wie Orest es sich vorstellt, gleich ihm erwachen und sich über Willkür und Unterdrückung erheben wird. Wenngleich er einen hohen Preis fortan für seine Freiheit wird zahlen müssen: denn er wird die alleinige Verantwortung für sein Tun, für sein Scheitern, für seine Schuldverstrickung tragen müssen, und er wird erleben, dass nicht das Schicksal oder ein Gott die Schuld der Menschen auf sich nimmt. Das bedeutet aber auch - siehe später Sartres bittere Bilanz in seinem Drama "Die Eingeschlossenen" ("...die Hölle, das sind die anderen"), sich allein gegen menschliche Unbarmherzigkeit zu stellen und sich letztendlich in ein moralisches Chaos ohnegleichen zu verstricken!

Diesen Konflikt und damit letztlich die Notwendigkeit einer göttlichen Ethik löst Sartre auf nicht ganz konsequente Weise: Er läßt Orest zwar noch mit kühlem Verstand seine kalte Verachtung mit den Worten "welch ein Affentheater" über das Sühne-Fliegen-Fest gießen und Elektra im Flitterkleidchen für eine bessere, ehrliche, freie Welt dahertanzen, aber dann bleibt er dem Drama der Griechen doch treu; nach dem Doppelmord ist weder der blutbesudelte Orest endgültig erlöst, denn er wird sein Leben lang trotz aller Freiheit dazu verdammt sein, seine Tat vor sich selbst zu verantworten. Er wird - wie bei Euripides - von Erynnien weiter getrieben werden bis er bei seiner Schwester Iphigenie auf Taurus landet, und sie ihn von seinen Qualen befreit. Und Elektra, vom Wahnsinn geschlagen, ist zu schwach, um dem Zwang der alten Geisteswelt zu entkommen. A.C.