Die Jüdin von Toledo

von
Franz Grillparzer

 


Es ist kalt in Kastilien

 


Historisches Trauerspiel in fünf Akten

Hans Otto Theater Potsdam

Regie: Jacqueline Kornmüller, Bühne: Alexandra Hahn, Kostüme: Antje Sternberg, Musik: Marc Eisenschink, Dramaturgie: Hans Nadolny

mit:

Philipp Mauritz: Alfons VIII., König von Kastilien; Anne Lebinsky: Eleonore von England, dessen Gattin; Harold Arnold: Manrique , Graf von Lara; Henrik Schubert: dessen Sohn Don Garceran; Andreas Herrmann: Isaak, der Jude; Frederike Walke: Esther, seine ältere Tochter; Julia Malik: Rahel, seine jüngere Tochter und Geliebte Alfons. Jakob Schuhmann: der Prinz u.a. 

 

 

 

 
 
Frau Kornmüller hat Franz Grillparzer beim Wort genommen und das Drama der Jüdin Esther, die, als Inkarnation der Weiblichkeit schlechthin, als schaumgeborene Venus aus dem Bade steigt und in dem König von Kastilien eine verwirrende Leidenschaft entfacht, schonungslos realistisch auf die wunderbare Bühne gebracht: Für diese hat Alexandra Hahn zwei große drehbare Wände wie Halbschalen geformt, vor denen sich zeitweise Eisenstäbe wie Spieße als Schutz und Schranke des Schlosses zum Volk und Feind öffnen und schließen.

König Alfons begegnet der schönen Esther im Garten seines Schlosses von Toledo und verliert sein Herz an die wilde und willige junge Frau. Seine kühle Gattin Eleonore, eine staatsverbindende Vernunftheirat mit England, sieht den König als ihren rechtmäßigen Besitz und Reputation und fühlt sich durch seine Liaison mit der Jüdin gedemütigt und entehrt; Sie wird gemeinsam mit dem Kronrat deren Tod beschließen.

Grillparzer hat - und das ist der Inszenierung nun leider nicht ohne Literaturkenntnis anzumerken, König Alfonso, der zwischen Leidenschaft, Liebe und Staatsraison schwankt und sich schließlich für seine Herrschaft und gegen das Mädchen entscheidet, als wahre tragische Figur in den Mittelpunkt seines Dramas gestellt. Denn als dieser schließlich von der jungen Frau lassen will, ist es für sie zu spät. Man hat Esther bereits auf grausamste Art ermordet. Und Alfons wird die Verantwortlichen letztlich nicht zur Rechenschaft ziehen, sondern ihr Urteil und seine Aufgabe, gegen die Mauren mobil zu machen (und damit die langjährige Eintracht zwischen den Religionen und Völkern opfern!), ohne Widerrede akzeptieren.

Es ist ein seltsames Stück mit einer seltsamen Moral: der junge König reift durch eine große Leidenschaft, die er dem unchristlichen Kriegseifer seiner Vasallen opfert, um die Macht der Krone zu festigen; Zwar greift Grillparzer (1791-1872) die Scheinheiligkeit früherer moralischer Motive und auch die seiner Zeit nicht minder an, doch stellt er nicht die armselige Situation etwa der Juden oder der Frauen dar, sondern ihm ist es allein um den Gewissenskonflikt des Herrschenden gelegen. Und auch dieser Gedanke ist seiner Zeit gemäß: was, wenn (irgendein teuflisch-fatales) Weib Sinn und Verstand des Königs so verwirrt, das er Freund und Feind vergisst und damit sein Volk und seine Macht dem Untergang weiht?

Das ist schwer über und auf die Bühne zu bringen. Und wenn sich Philipp Mauritz als Alfonso wie ein wilder, verwirrter Jüngling mit Tobsuchtsanfällen begreift, so hat das weder etwas mit Liebe noch mit Würde und Zweifel zu tun. Er scheint gleichsam angezogen von dieser kreatürlichen Kraft der Frau und abgestoßen von ihrer schamlosen Hingabe. Denn diese Esther liefert sich so vollkommen, so nackt und schutzlos aus, erträgt Hohn und Spott des Hofes derart selbstverständlich, dass ihr Schicksal nur bedingt anrührend ist. Zwiespältig also ist sowohl das Verständnis für den zwischen Neigung und Pflicht zerrissenen König als auch das Mitleid mit der geschundenen weiblichen Natur, die sich bedingungslos, beinahe wahnsinnig und wahnwitzig einer Leidenschaft hingibt, in der sich das leidvolle Schicksal vieler Frauen in allen Zeiten (nicht nur jüdischer) so ohnmächtig offenbart. Für Julia Malik muss jede Aufführung zu einer wahren Tortur werden. Denn ihre glühenden Gefühle und ihr leidenschaftlicher Kampf um den Geliebten erhalten schauspielerisch nur wenig Raum, weil sie durch die permanente offene Darbietung ihres Körpers in den Hintergrund gedrängt werden.

Anne Lebinsky ist die kalte und herbe Eleonore, die scharf und sicher ihren Stand zu verteidigen weiß und die einzige Methode kennt: der Feind muss gänzlich vernichtet werden. Keine Gefangenen, keine Gnade - das ist das Motto der unchristlichen Krieger. Was fehlt in dieser zwar gleißenden und klirrenden Bühnenerzählung, und was die Leere des Raumes und der Botschaft hätte füllen können, wäre der bizarre Hintergrund jener historischen Epoche, in der Christen, Juden und Moslem für kurze Zeit in Eintracht miteinander lebten; in der die Sarazenen noch die Schätze des Handels lieferten, die Juden als die tüchtigen Finanzberater und Geldgeber des ständig verarmten Thrones waren und die Christen noch beseelt waren von der Botschaft der Nächstenliebe. Aber, es fehlt so vieles, um diesen Auftakt der Saison von Potsdam loben zu können. Vor allem: das Geheimnisvolle der Frau als Verführerin... A.C.