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Berliner Ensemble (2006)
Inszenierung: Claus Peymann; Bühne: Karl-Ernst Herrmann; Kostüme:
Maria-Elena Amos; Dramaturgie: Jutta Ferbers
Mit:
Thomas Wittmann, Corinna Kirchoff, Franziska Junge, Veit Schubert, Boris
Jacoby, Norman Schenk, Roman Kaminski, Michael Rothmann, Christopher
Nell., Axel Werner, Thomas Niehaus, Ronny Tomiska, Karsten Gaul, Michael
Kinkel, Peter Luppa, Detlef Lutz, Georgios Tsivanoglou, Peter Fitz,
Sonja Grüntzig, Gitte Reppin, Charlotte Müller, Marko Schmidt,
Andreas Christ u.a.
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„Wie ist denn die Jeanne d’Arc?“ lautet zurzeit überall die Frage? „Ist
sie gut?“ Schließlich will man mittlerweile wissen, wofür man sein Geld
ausgibt.
Und
die Antwort - schnell und ohne Zweifel: „Sie ist überaus gut; sie ist
perfekt.“
Denn
es stimmt alles – da ist die kahle, nur durch wenige Requisiten und
wirkungsvolle Lichtspiele in eine grafische Landschaft verwandelte
Bühne, das ist schon sehr effektvoll und auch im Programmbuch
wunderschön dokumentiert; die Kostüme im Hell-Dunkel-Kontrast, zum Teil
historisch verfremdet, aber gleichzeitig phantasievoll grotesk, sind
exzellent; die Maske hat die Gesichter weiß, beinahe kalkig geschminkt;
die seltsam kurzen, vom Nacken bis zum Schädel fast kahl rasierten
Köpfe der Männer erinnern an frühere Jugendbewegungen; Und die Regie?
Hervorragend: eine Augenweide im Zusammenspiel mit einer abgestimmten
Choreographie - ein harmonisches Aufeinander-Abgestimmtsein, ganz nach
Art des Hausfreundes Robert Wilson, der mit seinen Inszenierungen von
Leonce und Lena und Ein Wintermärchen einmalige Marksteine
setzte. Und die Schauspieler bieten allesamt das, was Schauspieler
bieten sollten: Dramatische Überzeugungskraft, Schwung, Spielfreude,
Hingabe in Leid und Lust – das alles stets mit ein bisschen Spott und
Schalk gewürzt. Ungewöhnlich und höchst faszinierend.
Insgesamt ein „echter“ Schiller (der Humor allerdings ist neu und
ungewöhnlich)
und somit ein fruchtbarer Fundus für reizvolle Prüfungsaufsätze.
Die Inszenierung bleibt dem romantischen Stil verhaftet, der Text ist
erfrischend gekürzt, und der Ablauf der Handlung werkgetreu mit vielen
überdenkenswerten Ansätzen aus Schillers Zeit (1801 wurde dieses Drama
in Leipzig uraufgeführt) wiedergegeben. Es findet sich alles, was man
zum Abitur braucht: Nationalstolz, Freiheitsdrang, Treue zu sich selbst
und dem eigenen Land sowie Heldenmut, dessen Bestand zu verteidigen; nicht
zu vergessen die Liebe, an der Johanna schließlich fast zerbricht und
sich und ihre große Sendung beinahe aufgibt. Dass sie im
Schlachtgetümmel blitzartig in Leidenschaft zum englischen Feind
entbrannt ist, macht die Sache nicht gerade einfacher; schließlich
jedoch wird sie sich – kettensprengend als echtes Wundermädchen - von
körperlicher und seelischer Knechtschaft befreien und wieder ins Feld
für ihren König stürmen...
Das alles wird beeindruckend, hingebungsvoll sogar dargeboten.
Und doch:
irgendetwas fehlt, etwas, das wirklich ergreift und erschüttert, etwas,
das die Ungerechtigkeit, die unvorstellbare Schikane an dem armen
Bauernmädchen, das zum Spielball der Machtinteressen von Staat und
Kirche wurde, deutlich macht. Das Mädchen Jeanne d’Arc bezahlte seinen
Mut und seine naive Hingabe an seinen Sendungsauftrag mit dem
Scheiterhaufen. Besonders eindringlich gruben sich die Szenen des
inquisitorischen kirchlichen Tribunals, vor dem sich Johanna
verantworten musste, vor vielen Jahren auf anderen Bühnen und als Film
unvergessen in das Gedächtnis. Das historische Schicksal eines klugen,
tapferen französischen Hirtenmädchens, wie Bernhard Shaw es von allen
Dramatikern (s. Bert Brecht, Jean Anouilh, Paul Claudel, G.B. Shaw, Max
Mell) am eindringlichsten dramatisiert hat, umfasst sehr viel mehr
Dimensionen als die romantische Version Friedrich Schillers.
Man
hätte wohl vom BE eher die spöttische Shaw-Version einer Heiligen
Johanna mit ihren scharfzüngigen und intellektuellen
Wortfechtereien, ihren Angriffen gegen die Unehrlichkeit und die
eigennützigen Machtinteressen von Staat und Kirche erwartet; sowie die
Enthronisierung falscher Helden, die Würdigung der Tüchtigen und
Tapferen (Shaw’s Frauengestalten sind mutig, vernünftig, tatkräftig und
klug!), und ein Aufbäumen gegen konservative geistige Fesseln.
Stattdessen also schillert die Romantik: Die junge Schäferin will sich
nicht wie ihre beiden Schwestern verheiraten lassen, sondern trotzt dem
Vater und greift statt zum Bräutigam, der ja auch schon bereitsteht, zum
Helm, den einer der Schwager von einer Reise mitbrachte. Der Ruf, der
durch Frankreich Anfang des15. Jahrhunderts mit Schrecken eilt –
nämlich, dass sich Burgund mit den Engländern verbündet hat und eine
französische Stadt nach der anderen erbarmungslos erobert, lässt sie,
alle gesellschaftlichen Konventionen brechend, zur Tat schreiten. In der
Natur hat sie die Vision eines göttlichen Auftrags erhalten. Und so
stürmt sie los: Zuerst ermutigt sie den schwachen König, der sich dem
Feind ergeben will, nachdem sich die harsche, steinharte Königinmutter
Isabeau (Corinna Kirchhoff rasend wie Medea) bereits gegen den Sohn
gewandt hat. Dann prescht sie, allen Soldaten zum Vorbild, voran gegen
den Feind. Diese Johanna in der Darstellung von Charlotte Müller ist
jedoch eine sanftmütige, unerschrockende, tief vom göttlichen Auftrag beseelte
Anführerin, die nicht nur den weichen Dauphin von ihrem Sieg zu
überzeugen versteht, sondern auch den burgundischen Herzog Philipp (Veit
Schubert eindrucksvoll markant) diplomatisch wieder auf ihre Seite
zieht. Dass alle Männer ihr Füßen liegen (und heiraten möchten),
entspricht wohl deren ewigem unerfüllbaren Traum nach einer weiblichen,
zarten Frau, die gleichzeitig zu führen (und zu siegen) versteht... Nur
ein einziger Mann bleibt hier unbeeindruckt von Johannas Mut, ihrem
glühenden Eifer und ihrer tiefen Sehnsucht nach politischer Einheit des
Reiches, nach Gerechtigkeit und Güte der Herrschenden: das ist ihr Vater
(Peter Fitz unerbittlich als Verfechter eines unverrückbaren
Ordnungsprinzips), der sie auf dem Zenit ihres Ruhmes nicht als
Gesandte des Himmels, sondern als Inkarnation des Bösen brandmarken und
damit ihr endgültiges Schicksal besiegeln wird. A.C.
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