|
Die Nibelungen
von |
Im Blutrausch: Gemetzel bei Etzel
|
|
|
Regie
Michael Thalheimer
Bühne Olaf Altmann Kostüme Katrin Lea Tag Musik Bert Wrede Dramaturgie Sonja Anders Gabriele Heinz (Ute), Ingo Hülsmann (König Gunther), Sven Lehmann (Hagen Tronje), Peter Moltzen (Siegfried), Felix Goeser (Volker), Moritz Grove (Giselher), Maren Eggert (Kriemhild), Natali Seelig (Brunhild), Jürgen Huth (Frigga), Michael Gerber (Kaplan), Markwart Müller-Elmau (König Etzel), Michael Schweighöfer (Markgraf Rüdeger), Markus Graf (Werbel)
|
Auf drei Bühnen in Berlin und Potsdam versuchen zur Zeit Regisseure und Schauspieler, das große Germanenepos von Liebe und Hass, Rache und Untergang der Nibelungen und der Burgunden nach Friedrich Hebbel textgetreu und bühnenwirksam zu inszenieren. Da der Mythos sich in grauer Vorzeit abspielt, als Jung Siegfried bereits dank seiner Tarnkappe, die er dem Zwergenkönig Alberich im Kampf abnahm, beinahe unsterblich, und durch das Blut des Drachen Fafnir gänzlich unsichtbar sowie durch zwei Riesenbrüder, die einander im Streit um ihr Erbe erschlugen, steinreich geworden ist, die Zeit der Götter ihr Ende gefunden hat. Bis auf die Walküre Brünhild, die von Odin (Wotan) in einer Edda-Version nach Isengaard verbannt, durch Gunter und Siegfried bezwungen und vernichtet wird und damit den Untergang der Nibelungen vollendet. Und das ist, nicht sehr viel anders als die Germanengötter auch, nicht nur archaisch, sondern es setzt dem verzauberten Erbe der Nibelungensagen brutal ein Ende, wenngleich auch hier alles Handeln unmittelbar von Gefühlen, Machtstreben und Herrscherwillkür bestimmt ist. Wie sonst ließe sich diese Version des vielfach beschriebenen und besungenen Mythos erklären, die sich hauptsächlich um bedingungslose Gefolgschaft, um die sprichwörtlich gewordene Vasallentreue dreht und diesen "Idealen" jeden menschlich-moralischen Anspruch - und die letzten beiden Halbgötter opfert. Aber, es ist nun einmal ein Epos, eine vielfach verschlungene spannende Anreihung von Sagen, deren aufwühlende, hochdramatische und spannende Verse vom revolutionären Zeitgeist Hebbels durchdrungen und mit einigen philosophischen Variationen verstandesorientiert und mit anachronistischen christlichen "Boten" aufgepeppt wird - und damit viel an ihrer schillernden Vielfalt verlieren. Zurechtgeschnitten auf ein blutiges Rachedrama, entbehrt es hier all jener reizvollen, spannenden Vorgeschichten und Versionen, die letztlich Brünhilds wie auch Kriemhilds Rache in einen Kontext der Geschichte und psychologischer Tiefgründigkeit stellen. Bei Hebbel und bei den Berliner Inszenierungen geht um Selbstbestimmung, Ehrverlust, Betrug und niederträchtige Lügen, unter denen die Walküre Brünhild zusammenbricht, und es geht um Verrat, Mord und unerbittliche Rache, mit der Kriemhild unter Aufgabe ihrer Würde ihren Gatten Siegfried rächen wird; es geht aber auch um den Anspruch Hagens, der die alte Herrschaftsordnung aufrecht erhalten will, um deretwillen er erbarmungslos ausrottet, was sich dieser in den Weg stellt. Was dies Epos so unendlich aktuell macht, was es in seinen Grundfesten nicht erschüttern kann, das sind die elementaren Gefühle der Menschen und die zivilisatorischen Vorgaben, die jeglicher Art von Emotion standhalten müssen, um nicht aufgeweicht zu werden und damit eine Sippe und eine Gesellschaft orientierungslos zu machen. Bereits in archaischen Vorzeiten wussten die Erzähler darum, und Dichter und Komponisten fügten zahlreiche Versionen zu einem theatralischen Ganzen, in dem die Menschen die Konsequenzen ihres Fehl-Verhaltens tragen müssen. Es sind stets die gleichen Themen, ob im klassischen Griechenland, in den nordischen, den arabischen, indischen und anderen Mythen - Liebe und Treue stehen Verrat und Treuebruch gegenüber, Mord und Rache sind die Antwort auf Willkür und Ehrverletzung. Auch im Christentum und unter anderen Religionen, reagierte die Menschheit darauf - wider besseres Wissen - stets mit blutiger Antwort. Wer also diese eine Sequenz aus dem
großen Mythos der "Edda" auf den Bühnen anschaut, sollte sich vorab mit
dem Geschehen vertraut machen - denn überall wird durchweg sehr schnell
gesprochen und die zu tieferen Interpretationen animierenden Verse
können nicht im Gedächtnis haften bleiben. Was in Erinnerung bleibt, wie
jetzt im Deutschen Theater: das sind blutende, schreiende, grölende
Sippenbrüder, das sind liebende, kämpfende, verhärtete und vernichtete
Frauen, das sind Verrat, Mord und Feindschaft bis zur Auslöschung des
ganzen Geschlechts der Nibelungen.
|