Die Perser DT von
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Die älteste Tragödie der klassischen Antike
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nach einer Übersetzung von Peter Witzmann Regie: Dimiter Gotscheff Bühne/Kostüme: Mark Lammert Mit: Margit Bendokat, Almut Zilcher, Samuel Finzi und Wolfram Koch
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In dem Äischylos (erste Aufführung 472 v. Chr. in Athen) die schreckliche Niederlage, die seine Landsleute dem gewaltigen und überlegenen persischen Heer und seiner Flotte zufügten, aus der Sicht der Geschlagenen darstellt, deren tiefes menschliches Leid, aber auch deren psychische und politische Vernichtung ohne Häme in grandioser Sprachvielfalt und theatralischer Ausmalung auf die Bühne der Griechen stellt, warnt er seine Landsleute zugleich vor Übermut, politischer Blindheit und - vor allem davor, die Freiheit ihrer noch jungen Demokratie zu gefährden! Das Stück basiert auf der historischen Schlacht bei Salamis (480 v. Chr.), in der die Griechen die überlegene persische Flotte (und später auch das Heer) mit einer List einkesselten und vernichteten. Die Perser wollten mit diesem Feldzug Rache nehmen für die Niederlage, die sie zehn Jahre zuvor bei Marathon erlitten hatten und sich in einem Zuge nun auch die Bodenschätze (Silber) der Griechen aneignen. Ein nach 2500 Jahren immer noch hochbrisantes Drama, das zahlreiche künstlerische, zeitgeschichtliche und aktuelle Komponenten in sich birgt. Aber moderne Regisseure streichen von vornherein die Segel, verzichten auf jede darstellerische Inszenierung, und lassen nur noch das Wort (in immer wieder neuen Übersetzungen) aufsagen, mehr oder minder theatralisch untermalt. Die Sprache soll, ihrer Meinung nach, den Zuschauer zum mitdenkenden Zuhörer machen, seine Phantasie beflügeln und ihn quasi, wie bei einem Hörspiel, auffordern, das Gehörte in Bilder, in Geschichte und Geschichten umzusetzen. Wozu dann noch Theater? Nun gut, das Deutsche Theater spielte ja auch den "Faust" vorwiegend in Kaskaden von Worten, ließ die Bilder - in diesem Fall allerdings weitreichend bekannt - zugunsten der Goethe'schen Gedankenvielfalt fort und degradierte damit m.E. die Schauspieler zu reinen Deklamierungsmaschinen. Aber sein williges Publikum war's zufrieden. Bei den "Persern", deren Niederlage sich nach der verlorenen Schlacht bei Marathon unter ihrem König Dareios nun unter seinem schwächlichen Sohn Xerxes wiederholt, allerdings würde sich nach zweieinhalbtausend Jahren schon etwas mehr szenisches Ambiente empfehlen, zumal von den Theaterbesuchern nicht verlangt werden kann, dass sie sich zuvor mit dem Text und Geschichte vertraut machen können! Doch eher das Gegenteil ist der Fall. Hier hat Regisseur Dimiter Gotscheff sogar auf den Chor verzichtet und läßt eine einzelne Person, nämlich Margit Bendokat, einsam und allein auf der fahlen Bühne (von Mark Lammert, wozu überhaupt noch ein Bühnenbildner?) die Gedanken, Gefühle und Warnungen des ehrwürdigen Kronrates aussprechen, und zwar eher erzählend als dramatisch mitwirkend - jedes Wort in Silben zerlegend, aus dem Satzinhalt herausreißend, und wir, die Zuhörer sollen dieses Puzzle dann blitzschnell in unserer durch Nichts angeregten Phantasie wieder zusammenfügen! Ebenso unverständlich wirkt die Regieidee, zu Beginn zwei Spaßmacher an die Rampe zu stellen, die in Urlauten und unverständlichem Gelächter sich an der verschiebbaren rechteckigen Stellwand in einem Kräftemessen versuchen. Bayrisches Hanteln auf griechisch oder persisch? Sind das die griechischen Schauspieler, die vorab die besiegten Perser verhöhnen wollen bevor sie in deren Rollen schlüpfen? Während der Chor also in seiner Rolle als Stimme der Weisen zur Monotonie verdammt ist, kann die Zentralfigur des Dramas, die stolze Königinwitwe Atossa (Almut Zilcher) im schwarzen Kleidchen und hochhackigen Schuhen, glücklicherweise mit traditioneller Tragödienstimme begabt, für sich punkten; den Schrecken bereits ahnend, sucht sie um beruhigende Traumdeutung bei den alten Männern des Kronrates. Was diese raten, ist logisch: sie möge mit entsprechenden Gaben die Götter besänftigen und milde stimmen. Atossas Größe liegt sowohl in ihrer königlichen Selbstverständnis, das traditionell nicht an den Mauern ihrer Macht zu rütteln gedenkt; aber auch später, als die Katastrophe wie ein alles vernichtendes Flammenmeer über die Perser hereinbricht, bezeugt sie mit würdevoller Klage zugleich ihre Position als Herrscherin, das Leid um den Verlust der Männer ihres Volkes - und, was das Schlimmste zu sein scheint, die Unfähigkeit ihres Sohnes und dessen Schuld am Untergang von Heer und Flotte. Ihr Schrei entblößt einen dunklen, von grellen Rot der Lippen umrandeten Rachen, der die Schmerzenstöne zu verschlucken scheint - ein Schrei wie bei Edward Munch, der tiefer dringt als alles laute Jammern und Wehklagen, das dem Volke dann überlassen ist. Denn für Atossa ist ein Vermächtnis untergegangen, hat ein verzärtelter Sohn unverzeihlich versagt, und ihr Wahn, Trost in einer künftigen, neuen, erfolgreiche Rache zu suchen, klingt wie Hohn. Für das Volk, die Lebenden aber winkt nach aller Trauer, allem Leid eine neue Zukunft, vielleicht die Befreiung vom Tyrannenjoch? In die Lähmung mischt sich so etwas wie Freude, und durch die Erschütterung dringt Hoffnung. Die beiden Schauspieler des Anfangs stellen sich nun als synchron sprechende Boten vor, die mit wenigen Gesten, doch mit eindrucksvollem Duktus den kaum fassbaren Hergang des Untergangs der persischen Flotte in der Bucht von Eleusis zwischen der Insel Salamis und dem Festland mit dramatischer Intensität erzählen. Eigentlich kraftlos und halb verhungert, doch mit dem Unterton der Schadenfreude über Xerxes Unfähigkeit, berichten sie von der List der Griechen, der Einkesselung und Überwältigung der Flotte, der Vernichtung der Truppen zu Lande und über die Flucht der großartigen Helden und Anführer. Schaurig ist ihr Totenbericht. Kein Grieche wird erwähnt, nicht einmal Demonsthenes, der die Perser durch List bezwang, nicht das Volk, das aus anderen Motiven heraus in den Kampf zog als die unterdrückten Massen der in das Perserreich einverleibten Stämme Asiens. Aber das brauchte Aischylos, der übrigens an beiden Feldzügen selbst teilgenommen hatte, seinen Landsleuten nicht zu erklären: Nämlich, während die Griechen die neu erworbene und daher noch hochgeschätzte Freiheit zu verteidigen trachteten, gehorchten die Perser der gewohnten Macht der Tyrannen, ihr Leben opfernd für Macht und Reichtum weniger Fürsten und Feldherren. Natürlich wäre es albern, ein Flotte aus Pappmasché und in gepanzerten Hemden herumsäbelnde Krieger auf die Bühne zu stellen; aber selbst im alten Athen verzichtete man nicht auf drei Bühnenebenen, wusste die Geistererscheinung des Dareios durchaus eindrucksvoll dazuzustellen und ließ in langen Dialogen das Volk kraftvoll als Chor gegen die Vertreter der Macht antreten. Auch mit geringer Phantasie läßt sich vorstellen, wie - bereits vielfach erprobt - sich heutzutage Video-Projektionen, Lichteffekte, Masken und moderne Requisiten für eine spannende sinn-bildhafte Darstellung einrichten ließen. Wer nur auf das Wort vertraut, muss schon ein hochdramatischer Darsteller sein, um durch Körpersprache als auch durch Bühnenpräsenz das Publikum zwei Stunden lang zu fesseln. Um den Bericht komplett zu machen: Die beiden Boten verwandeln sich später, als Atossa die unterirdischen Götter beschwört, ihren Mann noch einmal als Ratgeber und Seher auf die Erde zu schicken, in Dareios (Wolfram Koch mit Hosenträgern, mehr aufbrausend als gelassen mit Jenseits-Erfahrung), und Samuel Finzi in Xerxes, mit blankem Oberkörper und lose um den Hals hängender Krawatte als letztes Requisit seiner verlorenen Würde. Was Äischylos und auch seine Übersetzer bisher unangetastet ließen, nämlich die erschütternde Kriegsmeuchelei wie ein Standgericht zwischen Xerxes und dem Chor im Wechseldisput ablaufen zu lassen, findet hier nun nicht mehr statt. Das Erscheinen von Dareios, der die alten Herrscherqualitäten, wie Mut und Maßhalten, und die Bewahrung der alten Tugenden und Traditionen beschwört und der an des Orakels Prophezeiung erinnert, die den Untergang des Perserreiches vorhersagte, wirkt hier nicht, wie von Äischylos gedacht, als der dramatische Höhepunkt des Stückes. Verzweifelt zwar ob der Ungestümtheit und Unbedachtheit des Sohnes, findet der Vater die Erklärung für das unabwendbare Schicksal: Xerxes ist von den Göttern, die er unbedacht herausforderte, bestraft worden. Weil man hier auf das
Wechselgespräch zwischen Chor und Xerxes verzichtet, muss der
geschlagene Jungherrscher den ganzen Text allein sprechen, kaum findet
er Luft und Worte, um seine Argumente und Erklärungen vorzubringen, bis
schließlich die Sprache ganz versiegt, und er in psychischer und
physischer Erschöpfung nur noch schmerzvolle Laute ausstoßen kann.
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