Die Räuber

von Friedrich Schiller

 

 

  Franz Moor alias Richard III.

   

 Berliner Ensemble

Inszenierung:
Hasko Weber
Kostüme und Bühnenbild:
Frank Hänig
Dramaturgie:
Hermann Wundrich
Darsteller:
Sonja Grüntzig, Alexander Döring, Henning Hartmann, Dirk Ossig, Rainer Philippi, Michael Rothmann, Nobert Stöß, Ronny Tomiska

Kurzkritik

Bei allem Respekt zu pädagogisch-politisierenden Bemühungen, in diesem Stoff noch so etwas wie eine bleibende moralische Aussage zu finden - es gibt wohl keine. Allein die Sprache, bisweilen schön romantisch-schwülstig, ist es wert, bewahrt zu werden. Und daran hat sich der Regisseur des BE auch gut gehalten. Da der Inhalt der Räubergeschichte ohnehin abstrus ist und sich schließlich in zahlreichen Versuchen, ihm politische Aktualität einzuhauchen, erschöpft hat, schadet die energische Strichfassung letztendlich doch nur dem, der sich noch um Verstehen bemüht!

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Wie groß das Interesse an den deutschen Klassikern ist, zeigt sich doch immer wieder: Auch die Inszenierung der "Räuber", Friedrich Schillers ersten Sturm- und Drang-Dramas, füllt immer wieder das ganze Haus, und trotz allerlei Sitz-, Hör- und Konzentrationsbeschwerden halten alle Besucher zwei Stunden lang wacker aus und spenden anerkennenden Beifall.

Was ist eigentlich die Grundaussage dieses sogenannten "Freiheitsepos", das sich in den verschiedenen Varianten abgrundtiefer menschlicher Bösartigkeit verliert? Es geht es um den Anspruch des Revolutionärs, die Freiheit der unterdrückten kleinen Leute zu verteidigen, sich konsequent gegen die Willkür der mächtigen Fürsten und der kirchlichen Würdenträger zu stellen.

Doch das Motiv ist nur scheinbar gut und gerecht, weil Karl Moor (Norbert Stöß) sich in diese Rolle nur begibt, weil ihn Bruder, Vater und Geliebte - scheinbar - verraten und verstoßen haben. Ob er so viel Freiheitsideale in sich fühlte, wenn er gewusst hätte, dass sein intriganter Bruder die alleinige Schuld an seinem Unglück trägt, und der Vater ihm längst verziehen und die Geliebte ihm zeitlebens Treue geschworen hat? Er weiß auch nicht einmal, dass sein Bruder Franz ihn hat für tot erklären, den greisen Vater in ein Verlies gesperrt und seine Braut Amalia mit Gewalt zu seiner Mätresse gemacht hat. In seiner blindwütigen Verzweiflung und einem wahnwitzigen Hass gegen jedermann befehligt er nun seine Kumpanen aus alten Studententagen, die als zweifelhafte Bande brennend, sengend, mordend durch die Lande zieht.

Keine feine Gesellschaft also, und mit Freiheitsdrang hat ihr Terror nicht mehr viel gemein, da sich die niedrigen Instinkte der Männer nicht zügeln lassen und Frauen, Kinder, Greise zu den Opfern ihres blinden Wütens zählen. Nur Karl hat Gewissensbisse, und dann und wann erhebt er sein müdes Haupt philosophierend über seine Mordbubenbande. Als er ins väterliche Schloss, ermüdet von dem Morden und verwundet bis ins Mark, flüchtet, um Vergebung und Amalia suchend, findet er die schreckliche Wahrheit. Aber es ist für alle zu spät: Den Vater trifft der Schlag, Franz entflieht der Rache des Bruders,  indem er sich vergiftet, die Räuber werden alles in Schutt und Asche legen, an Amalia legt er selbst Hand an, um seinen Treueschwur zu den Räubern nicht brechen zu müssen - dann stellt er sich der Justiz.

Frank Hänig steckt seine Leute in schwarze Anzüge mit nackter Brust (richtig toll räuberhaft!), nur Karl als Altrocker in Lederjeans; den Vater (Rainer Philippi) wie einen weisen alten Mann in einen eleganten weißen Nehru-Anzug, zu dem der bluttriefende Vampirmund später seltsam kontrastiert. Franz Moor (Dirk Ossig) ist in Frackwams und Jogginghose gestopft - vielleicht der äußerliche Abdruck seiner gespaltenen Persönlichkeit.

Er bildet die wahrhaft zentrale Gestalt in dieser abstrusen Geschichte: Da Schiller sich nicht nur an einer alten rührseligen schwäbischen Geschichte orientiert hat, sondern auch seinen Shakespeare gut kannte und verehrte, hat der Regisseur Franz Moor zum Mittelpunkt der ersten Hälfte des Dramas gemacht: Wie Richard III. agiert er als Leibhaftiger, Ränke schmiedend, schmeichelnd, surrend, säuselnd voller Falschheit, um baldmöglichst als Alleinerbe auf dem väterlichen Schloss zu herrschen. Ein Materialist, ein Atheist, ein Mensch, der keine Werte außerhalb der absoluten Herrschaft anerkennt. Wie er Amalia umgurrt, mit welcher List und welch diabolisch verpackten Lügen er den Bruder verrät und den Vater dazu bringt, ihm die Korrespondenz mit Karl zu überlassen... Wie unnachahmlich wandelbar er uns seine Gier nach Macht und Rache entgegenschleudert, wie er schäumt und rast in seiner Rache für Demütigung und Missachtung. Das ist eine hervorragende Psychostudie! Daher sollte gerade diese Version des Schiller'schen Schauspiels auch "Franz Moor" genannt werden!

Leider steht die schreckliche Traumvision vom jüngsten Gericht, der sich Franz in qualvoller Gewissensnot am Ende stellt, isoliert im schwarzen Bühnenraum (der Räuber- und Schloßszenen nur durch eine schwarze hohe Drehwand trennt). Nach mittlerweile zwei Stunden angestrengtem Zuhörens ist man leider nicht mehr geneigt, die ganze Tragik und Dramatik dieser Szene voll aufzunehmen, zumal jetzt alles Geschehen kulminiert, die Textstreichungen den Schluss im Allgemeinen und Karl Moor als Würgeengel insbesondere völlig rätselhaft erscheinen lassen.

Es gibt mitten im Geschehen einige erschütternde Sequenzen, die Krieg und Terror, Rachewahn und Gefühlsverrohung des Menschen geißeln, doch leider, mit albernden Ent- und Bekleidungsszenen flankiert, ins Lächerliche abdriften. (Die Neuköllner Oper hat beispielsweise allein aus dieser erschütternden Tatsache, dass ein psychisch völlig zerstörter Soldat ein Baby tötet, ein abendfüllendes ergreifendes Kriegsdrama gemacht!) Und als Amalia (Sonja Grüntzig herausragend in diesem Ensemble!) wie irre lacht, als Franz sie zu vergewaltigen sucht, wird das Unheimliche dieser wahnhaften Brutalität nur angedeutet - vor allem diese Szene müsste einem die Gänsehaut über den Rücken jagen! A.C.