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Die Ratten
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Grässliche Fratzen einer armseligen Gesellschaft
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Berliner Tragikomödie in fünf Akten Uraufführung 13.1.1911 in Berlin Regie: Michael Thalheimer, Bühne: Olaf Altmann, Kostüme: Michaela Barth, Musik: Bert Wrede, Dramaturgie: Oliver Reese mit: Constanze Becker, Henrike Jörissen, Katrin Klein, Lotte Ohm, Barbara Schnitzler, Isabel Schosnig, Regine Zimmermann, Michael Benthin, Niklas Kohrt, Horst Lebinsky, Sven Lehmann, Mathis Reinhardt
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Was hat dieses soziale Schauerstück heutzutage auf modernen Bühnen noch für einen Stellenwert? Worin findet es seine Aussagekraft, die mehr sein sollte als nur eine Reminiszenz an schlechte Zeiten und, eine weitere von vielen offenen Fragen: wen erschüttert es noch wirklich? Was bekommt man zu sehen im Deutschen Theater, dessen Inszenierungen stets hoch gelobt, doch wenig geliebt sind, malen sie doch überwiegend makabre, düstere und negative Gesellschaftsbilder, die wohl auch für unsere Zeit stehen sollen. Als Gerhard Hauptmann, selbst eingebettet in wohlig bürgerliche Behaglichkeit, Anerkennung und stolzes Patriarchat, dieses Stück dem Berliner Publikum vor Augen und Ohren stellte, erntete er keineswegs rundum Anerkennung, wenngleich die Begründung rein schematischer Art war und heutzutage Theatermachern nur ein müdes Lächeln entlockt: "Keine Geschlossenheit" lautete damals die Kritik. Bitte sehr, wer achtet denn heutzutage auf Geschlossenheit, nicht einmal mehr auf Schlüssigkeit. Bilder werden aneinandergereiht, Gedanken seziert und zelebriert; zuweilen lassen einige theatralische Einschübe an ein Genre denken, dass es längst nicht mehr gibt oder nur noch selten auf den Bühnen in der Provinz zu finden ist, eben Aufführungen, die dramaturgische Geschlossenheit und inhaltliche Transparenz miteinander verbinden. Das kann letztendlich auch erst zu einer endgültigen Aussage, zu weiterführenden Überlegungen, zu neuen gesellschaftlichen, politischen und persönlichen Fragestellungen führen. Damit wäre man bei den neuen Berliner "Ratten", für die Olaf Altmann eine sehr niedrige Guckkastenbühne erdacht hat, deren Dach schwer auf den Darstellern lastet, die nur mehr in gebückter Haltung an die Rampe treten können, um dort Leid und Leiden der Stück-Personen erbarmungswürdig darzustellen. Dieser Effekt hat, so hört man am Ende denn auch von den Besuchern, den weitaus größten Eindruck hinterlassen, nämlich als ob die Personen mehr unter der Rücken krümmenden und Gliedmaßen verrenkenden bühnentechnischen Sinngebung als unter der Last ihrer dramatischen Lebensbürde erdrückt würden. Vielleicht war das Absicht, vielleicht wollte sich der Regisseur nicht mehr auf die Wirkung der Worte und der schauerlichen Handlung allein verlassen? Dabei hätte er beispielsweise dem bühnenstarken Sven Lehmann durchaus vertrauen können; der schmettert, röhrt und wettert den zunächst glücklichen Vater und Maurerpolier John, der heimkehrt, um sein Neugeborenes in Augenschein zu nehmen, dass einem angst und bange wird. Da die Sprache in ihrem schlesisch-berlinerischen Arme-Leute-Slang aber leider streckenweise nur schwer verständlich ist, kann man ihn oft nur schwach verstehen, begreifen ohnehin nicht: Warum ranzt er nur immerzu so wütend und missgelaunt, zumal er doch ob der freudigen Überraschung nach langer Ehe eigentlich glücklich sein könnte. Aber dazu wird in dem ganzen Stück und Personenwirrwarr absolut kein Grund geboten. Weder für Herrn noch für Frau John, die hier überhaupt keine freundlich-wohltätige Nachbarin mimt, sondern unter der Last ihrer Schuld und Ängste schreiend und aggressiv alle Leute verstört. Constanze Becker spielt diese "Mutter" John von Anfang an undifferenziert hysterisch, ungepflegt in Sprache und Aussehen, heruntergekommen und verzweifelt qualvoll. Dem proletarischen Dienstmädchen Pauline, dem sie das Kind bereits in der Schwangerschaft abkaufte, und die nun ihr Baby zurückfordert, bietet sie eine schreckliche Szene, und man fragt sich, ob denn diese Begegnung nicht auch hätte anders, menschlicher, anrührender verlaufen können. Aber auch Regine Zimmermann, die mit weit aufgerissenen Unschuldsaugen und schleppender Stimme dieses armselige verhuschte Mädchen keift, bleibt, in die Ecke gedrängt, nicht viel mehr Spielraum als ein Sinnbild des Elend zu sein. Nun hat Hauptmann diese überall nagenden Ratten menschlicher und tierischer Natur ja auch mit einiger Heiterkeit versehen, was in der grotesken Gegenüberstellung mit dem bürgerlichen "heruntergekommenen" Theaterdirektor (der unter dem Dach lebt!) auch wohl seinen derben Witz finden könnte; aber erstens ist Horst Lebinsky in dieser Rollendarstellung nicht heruntergekommen, sondern eher nett antiquiert und weltfremd, zweitens ist der Witz mehr unfreiwillig in der Art Komik begründet, wie man über alte Leute lacht. Berliner Humor war schon immer derb, doch angesichts der zeternden Mutter John, die sich eigentlich ständig die Haare ausreißen müsste und ihrem tobsuchtsanfälligen Ehemann sowie dem verbrecherischen Bruder Bruno - der später zum Mörder und damit das schreckliche Schicksal aller besiegeln wird - wirkt jeder Spaß in dieser Inszenierung deplaciert! Als Nebenrollen wirken ebenso überzeugend wie abstrus Mathis Reinhardt als der angehende Schauspieler und Theologiestudent Erich Spitta, der fern von der altehrwürdigen Deklamationskunst eines Goethe-, Schiller- oder Kleisttextes (die man im DT ohnehin gerne entfremdet und sprachlich "modernisiert") das realistische elende Leben der kleinen Leute im Berlin um die Jahrhundertwende als echte dramaturigsche Aufgabe sieht. Und des Schauspieldirektors Tochter Walburga, die dem armen Erich aufopferungsbereit folgen will, kann mit Lotte Ohm nicht so recht zu einer eigenen Persönlichkeit finden. Nur wohin wollen die beiden gehen, mittellos, ausgestoßen, unverstanden? Eine weitere Tragödie im leeren Raum. Einige Personen sind gestrichen, um das ganze Spiel ohne Pause in knapp anderthalb Stunden über die Bühne zu jagen, geblieben ist allerdings das Mädchen Selma, das in gewissen Abständen über das Wohl des Säuglings berichtet. Das ist insofern von Bedeutung, weil nämlich die drogenabhängige Nachbarin ihr Baby hat verhungern lassen, und das wird nun der armen kleinen Polin untergeschoben. Man wird der schaurigen Klischees nicht müde. Als alles ans Tageslicht kommt, nimmt die Tragödie ihr konsequentes Ende, als ob es keine Menschlichkeit, kein Erbarmen, keine Einsicht und keinerlei Liebe in diesem Leben je gegeben hätte. Hilflos und verstört bleibt Herr John allein zurück, mit einem fremden Kind und ohne Frau und ohne Arbeit, denn die hat er in Hamburg aufgekündigt, um fortan bei der Familie in Berlin bleiben zu können. Als wahre tragische Figur, aller Liebe, Wärme und Hoffnung verlustig, muss er in dieser schrecklichen Welt weiterleben. Es bleibt ein Unbehagen über die unerklärte Absicht dieser Aufführung, die zwar die grässlichen Fratzen einer entmenschlichten Gesellschaft zeigt, jedoch das tief verwurzelte Verlangen der Frau John, nach dem Tod ihres Kindes noch einmal Mutter zu sein, Glück und Sorge für ein ein kleines Wesen zu empfinden, sie zur blinden Bestie werden läßt; und durch diese Überzeichnung bleibt der Zuschauer letztlich auch von jedweder Tragik unberührt. A.C.
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