Dona Rosita

von
Garcia Lorca

 

 

Blind - wie in einem Spiegel

 

 

Berliner Ensemble

Dona Rosita oder Die Sprache der Blumen

aus dem Spanischen von Thomas Brovot

Gedicht in mehreren Gärten
im Granada der Jahrhundertwende mit Tanz und Gesang

 

Regie: Thomas Langhoff, Bühne und Kostüme: Maria-Elena Amos, Musik: Jörg Gollasch; Dramaturgie: Victoria Göke

mit: Ursina Lardi, Carmen-Maja Antoni, Jutta Wachowiak, Jacqueline Le Saunier, Marie Löcker, Janina Rudenska, Christina Drechsler, Anke Engelsmann, Ursula Höpfner-Tabori, Ruth Glöss, Marina Sencke, Julia Friede, Jürgen Holtz, Michael Kinkel, Thomas Niehaus, Veit Schubert, Roman Kaminski, Lukas Rüppel und den Musikern: Almut Lustig, Heidi Mockert, Susanne Paul und Peer Neumann

 

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Oftmals behauptet der Regisseur, genau dieses Werk, das er zu inszenieren beabsichtige, sei nicht nur sein Lieblingsstück, sondern es sei ihm auch ein ganz besonderes Anliegen, es auf die Bühne zu stellen. Thomas Langhoff, unzweifelhaft ein Mann, der sich einst große Verdienste auf dem Boden des Deutschen Theaters und dann in München erwarb, ist nun in der Spielsaison 2008/2009 vom BE angeworben worden, die "Geschichte der "Dona Rosita" - einem poetischen Drama des großen spanischen Dichters Garcia Lorca aufzubereiten. Man muß sich leider an seine großen Worte zuvor erinnern, wenn man mit diesem spärlich, bieder-kalten Bühnenbild konfrontiert wird, das eher dem deutschen Bürgertum als dem spanischen Mittelstandsmilieu ähnelt. Inmitten des kärglich möblierten Salons wirkt die starke Persönlichkeit der "Tante" Rositas (Jutta Wchowiak), die ihr Leben mit Klöppeln und durchaus klugen Einsichten über die Ehe an sich verbringt, diese aber weitestgehend für sich behält. Ihr Rosen züchtender Ehemann, dessen Gewächshaus seitlich in die Bühne ragt, scheint nur noch der Pflanzenwelt zugewandt: Tollpatschig führt er mit seiner großen Züchtung, der "Rosa mutabilis", den Reife- und Zustand der nach und nach verblühenden Nichte gleichnishaft vor - am Morgen rosarot erblüht, mittags im glühenden Rot, am Abend weiß und dem Tode anheimgegeben. Diese, unendlich zart und durchscheinend, in einer anderen Sehnsuchtswelt weilende, beinahe leicht schon degeneriert erscheinende Rosita wirkt allerdings eher wie eine Trauerweide denn eine Rose. Ursina Lardi wirkt blass, fern und somnambul in ihrem schier endlosen geduldigem Warten auf den einstigen Bräutigam. Er verließ sie kurz nach der Verlobung, um seinem Vater in Südamerika zu helfen, schreibt immer seltener und bietet ihr schließlich nach 15 Jahren eine Ferntrauung an. Rositas Freundinnen, wunderbar wie Wilson'sche Karikaturen mit Turmfrisuren aufgetakelt, geben sich gespreizt und geziert, und die sehr viel jüngeren Gespielinnen, nunmehr in die moderne Welt gewachsenen teenies, kichern und feixten ungeniert ob der überreifen altertümlichen Mädchen. Deren kleine, resolute und überaus ehrliche Frau Mama( Ruth Glöss!) lebt vollends in der Realität ihrer verarmten Situation. Überhaupt geriert sich die Inszenierung in weiten Teilen zwischen zarter Poesie und harter Wirklichkeit, einem lang gehegten, ungemein tragischem Traditionsgebaren und scheinbarem Ehrgefühl, dass die Mädchen und Frauen unterdrückte, sie in das Joch der Ehe zwängte, sie ausgrenzte, wenn sie nicht rechtzeitig an den Mann gebracht wurden, und die sie ein Leben lang verachtete und verhöhnte, wenn sie als Jungfern daheim die Warteschleife irgendwann mit dem Tod beendeten.

Hinzu kommen, um die Disharmonie dieses Lebens noch zu veranschaulichen, unbeholfene Tanzeinlagen, schrill dissonante Liedvorträge, die dahingehauchte romantische Vorstellung einer sich erfüllenden Liebe, von der man eigentlich nicht so recht weiß, ob Rosita nicht letztendlich doch lieber von der resignierten Sehnsucht als von ihrer brutalen Wirklichkeit zehrt; als tragisch verlassene Braut erhält sie immerhin einen gewissen Grad der Beachtung, als Ehefrau wäre sie nur eine, wahrscheinlich unglückliche, von vielen. Verliebt, verträumt, fernen Wünschen nachhängend - dagegen können auch reifere Freier nichts mehr bei Rosita ausrichten. Was die Inszenierung für mich erträglich macht (aber zugleich auch ihren Bruch darstellt), ist die warme Herzlichkeit und der durchaus um das Leid des Mädchen wissenden und mitfühlenden, langjährigen Dienerin der und nach verarmenden Familie. Carmen Maria Antoni spielt sie in ihrer komödiantischen Art mitfühlend, wahrhaftig und mit burschikosem Humor. Aber auch ihr Realitätssinn und ihr Witz können den blinden und sich langsam in der Vergangenheit verlierenden gesellschaftlichen Spiegel nicht mehr blank putzen. Rosita wird erlöschen wie die seltsame Rose, sie wird noch einmal der modernen Welt ein Schicksal vor Augen führen, wie es noch vor gar nicht so langer Zeit auch in anderen  Ländern und Kulturen nicht eben selten gewesen ist. Darin mag der Aktualitätsbezug liegen - in der Inszenierung ist er nicht zu finden. A.C.