Drei Schwestern

von

Anton Tschechow

 

 

Leere auf Lebenszeit

 

   

In einer Neufassung von Falk Richter nach der Übersetzung von Ulrike Zemme

Schaubühne (2007)

Regie: Falk Richter, Bühne: Katrin Hoffmann, Kostüme: Tina Kloempken, Maske: Malte Beckenbach, Marcel Blatti; Licht: Carsten Sander

Mit: Wolf Aniol, Thomas Bading, Bibiana Berglau, Robert Beyer, Jule Böwe, Lea Draeger, Stipe Erceg, Steffi Kühnert, Erhard Marggraf, Clemens Schick, Rafael Stachowiak, Lore Stefanek

 

Zurück

 

 

Der russische Dramatiker und Arzt Anton Tschechow hat stets Wert drauf gelegt, dass seine die alte ländliche Feudalherrschaft provozierenden und entlarvenden Stücke eine Farce seien (eine Komödie gar wie "Die Möwe!) - es durfte, ja sollte also gelacht werden. Und genau das hat Falk Richter in seiner Inszenierung der "Drei Schwestern" bis zur Pause auch aus den seelisch kranken, gelangweilten, lebensüberdrüssigen Existenzen herausgeholt. Sie sind komisch in ihrer Lethargie, in ihrem nichtsnutzigen Eigensinn, in ihrer realitätsfernen Blindheit und ihrem endlosen Selbstmitleid - wie der glücklose Militärarzt Tschebutykin (Wolf Aniol) der nicht aufhören will, uns dies in zerstörerischer Selbstanklage mitzuteilen. Sie sind ein kleines Häuflein übrig gebliebener egozentrischer Bildungsbürger, die sich in ihrer kleinen Gouvernementstadt mit allem Hochmut, der ihnen anerzogen ist, gerechterweise anöden, finden sie doch keine adäquaten Gesprächspartner mehr in ihrem Umfeld. So gehen sie einander im kleinen Familienkreis, der noch mit Militärs angereichert wird, kräftig auf die Nerven.

Auf der voll ausgenutzten langgestreckten Bühne gibt es im zweiten, rückwärtigen Teil eine Menge Stühle, die zu Partyzwecken und zum Herumlümmeln dienen, im vorderen Part teilt man sich das Los des Überdrusses, und eine hell beleuchtete Treppe führt irgendwo in die unteren Räume, aus denen dann und wann der neunmalkluge und gleichsam lebensuntüchtige Bruder der Familie, Andrej (Robert Beyer), heraufsteigt, um sich zu verlieben und zu beklagen, dass er es - trotz der Kenntnis von sieben Fremdsprachen - nicht weiter gebracht hat als bis zum Abteilungsleiter der Behörde mit Aktenkompetenz.

Das ist schon eine traurige Sache, wenn sie, siehe oben, nicht doch dann und wann ob der krassen Überzeichnung zum Lachen wäre: da sind - natürlich die drei schönen  Schwestern:  Steffi Kühnert als ständig gestresste, genervte und überforderte Lehrerin Olga, die nur frei von Kopfschmerz und Übellaune ist, wenn sie einen freien Tag hat; ansonsten scheint sie als Älteste für alle Nöte und Geschicke in dieser unselbständigen Familie verantwortlich zu sein; aber auch sie ist letztlich zu schwach, um der Öde ihres Daseins zu entfliehen. Sie läßt sich gegen ihren Willen zur Direktorin der Schule ernennen, zur Lehre und Leere auf Lebenszeit! Ihre zweite Schwester Mascha wird von Bibiana Berglau als schwarz gekleidete und gekrümmte miesmutige Frau mit streng nach hinten gebürsteter Frisur und ziemlich hysterisch vorgestellt. Als man jäh mit ihrem Ehemann konfrontiert wird, ist man auch darob nicht länger verwundert, denn Fjodor, ebenfalls Lehrer, entpuppt sich als lateinkundiger Hanswurst und trauriger Entertainer, stets um Frohsinn und Glückshormonausschüttung bemüht. Als der frisch in die Provinz zurückversetzte Stabshauptmann Soljony (Clemens Schick) sie zu seiner Geliebten erwählt, taut Mascha zwar ein wenig auf, bleibt aber überwiegend missmutig, vor allem, wenn ihr Ehemann fahrig herumkaspernd durch die Gesellschaft wirbelt, angestrengt alles negierend, was für seine positive Weltsicht von Nachteil sein könnte - und wenn es die schmerzende Wirklichkeit ist oder weil sie es ist? Natürlich eine Paraderolle für Thomas Bading, der bereits als Platonov in einer überzeugenden Charakterdarstellung an diesem Theater brilliert. Der Liebhaber der schwermütigen Mascha allerdings hat Frau und zwei Töchter daheim und, obgleich er nicht müde wird, zu behaupten, dass seine Frau meschugge ist, findet er dennoch nicht den Mut, sich von ihr zu trennen und mit Mascha ein neues Leben zu beginnen - am Ende zieht das Militär aus der Stadt, und Soljony verlässt die Geliebte, die ihn mit schmerzlicher Heftigkeit festzuhalten versucht.

Bleibt die dritte der Schwestern, Irina: Jule Böwe, diesmal als verwöhnte, unendlich gelangweilte Göre mit Witz und eigenwilligem kindlichen Charme, der ihr besser ansteht als in der Rolle Elisabeth I. in Schillers Drama "Maria Stuart" (ausgezeichnet mit dem Friedrich-Luft-Preis!) Hier aber kann sie im Ansatz aufmüpfig sein, sich dem Werben zweier Galane entziehen, die ihr nichts bedeuten und sich fortwährend mit steigerndem Unbehagen und hochgeschraubter Verzweiflung nach Veränderung sehnen, nach Moskau... der Seele der Welt, der Verheißung eines erfüllten Lebens, eines Lebens mit Arbeit!

Denn das ist der Tenor dieser Inszenierung: Der Mensch kann sich nur selbst verwirklichen, wenn er eine "sinnvolle" Arbeit hat. Auch der Baron (Stipe Erceg), der über nicht mehr als seinen Titel und zwei linke Hände verfügt, sehnt sich nach Arbeit, wiewohl keiner so recht weiß, was er denn eigentlich tun sollte und könnte. Irina versucht es in Richters auf die Gegenwart zielende Fassung immerhin bei der amtlichen Arbeitsvermittlungsstelle, wo sie sehr bald entsetzt, schockiert und bedrückt ist. Sie hat nie wirklich gewusst, wie es da draußen außerhalb ihrer behüteten Heims wirklich zugeht, wie Menschen jede unwürdige Arbeit annehmen, wie oft sie scheitern und wieder von vorne anfangen müssen...

Es ist überhaupt alles sehr aktuell aufgebauscht in dieser schwungvollen, schnellen Version: Die Generation des no future,  initiativlos und verwöhnt auf hohem gesellschaftlichen Niveau, geprägt von Spiel und Spaß und Arbeitsunlust und, schlimmer noch, von Antriebsschwäche und totaler Verweigerung, findet hier ihr Spiegelbild in einer ausgelöschten Gesellschaft, die die Zustände unserer Zeit charakterisiert. Und da hört dann der Spaß auf.

Dem depressiven Doktor ist dieser ohnehin seit langem vergangen, und er verplempert sein letztes Vermögen mit dem Sohn des Hauses im Spielcasino. Bald muss Andrej auf das Haus eine Hypothek aufnehmen, das Personal entlassen, und die Schwestern werden von ihrer restlichen Pension irgendwo zur Miete leben. Nun, da die Stadt ihre letzte Attraktivität mit dem Abzug des Militärs verloren hat, zudem die Hälfte der Häuser niedergebrannt ist, die Menschen obdachlos geworden sind und sich die Freier Irinas tödlich duelliert haben und die schrecklich dumme Frau Andrej's, Natalja, (Lea Draeger schön fies) die brutale Herrschaft über das Domizil der innerlich gleichfalls ausgebrannten Familie übernommen hat, senkt sich der Vorhang über eine Epoche, die, so hoffen der intellektuelle Ignorant und der idealistische Schwärmer, Platz macht für eine gänzlich andere, bessere, neue Welt. Eine Welt, in der Menschen aus ihren Fehlern und Irrtümern, aus ihren sinnlosen Kriegen gelernt und sich in einem großem globalen Miteinander beinahe paradiesische Zustände erschaffen haben.

Vorläufig aber sitzt Irina, Witwe bereits vor der Hochzeit, wie ein gerupftes Küken da und hofft wie Scarlett O'Hara in "Vom Winde verweht" auf ein "Morgen" - dann wird sie nach Moskau gehen oder als Lehrerin arbeiten. Wahrscheinlich das zweite. Mascha klammert sich in letzter Verzweiflung unbeholfen an ihren Mann, der sie nicht zu berühren wagt und wird langsam wahnsinnig, und die arme Olga altert angesichts dieser entsetzlichen Schicksalstragödie minütlich. Nur eine ist zufrieden: die Kinderfrau Anfissa (Lore Stefanek), die nun mit Olga zusammen in einer kleinen Dachkammer wohnt und endlich Zeit für ihre Bücher findet. Lesen als das höchste Glück...

Eine blendende, beeindruckende Inszenierung und Darstellung. Absolut sehenswert! A.C.