Ein Mond für die Beladenen

von
Eugene O'Neill

 

 

Eines langen Tages Reise in die Mondnacht

 


Renaissance Theater
 

Eine Koproduktion des Theaters Luxemburg und der Ruhrfestspiele Recklinghausen

Regie: Frank Hoffmann, Bühnenbild: Karl Kneidl, Kostüme: Jasna Bosnjak, Karl Kneidl

 

mit: August Diehl, Hans Diehl, Marc Limpach, Marco Lorenzini, Julia Malik

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Wie kann ein Ire ein derart heftiges, ja brutales Seelendrama auf amerikanische Verhältnisse übertragen? Er kann es auch nicht, weil sämtliche irischen Dramen jene feinnervigen, subtilen und dezent humorvollen Nuancen vermissen lassen, wie sie die "reinen" amerikanischen Dramatiker des Expressionismus und Neorealismus anbieten. Der irische Witz ist derb und schlagkräftig, handgreiflich und von besonderer Bösartigkeit, die uns Kontinentaleuropäern fremd ist. Man sah in den vergangenen Jahren vor allem im Theater '89, aber auch im deutschen Theater und im Theater im Palais einige irische Gegenwartsstücke. Sie waren allesamt gnadenlos in ihrem Hinabtauchen in den Abgrund des menschlichen Leidens und der Sünde; Aber sie sind für uns weder aktuell noch sozial verständlich, wohl aber vor vielen Jahrzehnten im strengen christlich orthodoxen Milieu des katholischen Irlands und in den Südstaaten Amerikas. Dort und in dieser Zeit sind die alten tragischen Familienstücke angesiedelt, die in der Glut des Klimas die verborgenen Sinne und die verbotenen Gelüste hervorbrechen lassen, die sich ihren Weg durch eine vereiste, verkrustete Gesellschaft bahnen, die offenbar nur eine einzige Gegenwehr kennt: den Alkohol.

Hier wird original wie bei der Erstaufführung des Stückes in Berlin vor 55 Jahren - noch immer getrunken, was die Leber hält, und die mentalen Ausbrüche sind dementsprechend verheerend; mit Worten wird zerstört, was sich mit rein körperlicher Kraft bisher nicht bewirken ließ. Die Wut über das scheinbar unausweichliche, vorgegebene Schicksal, das nur Armut und Arbeit kennt und sich in ewiger sozialer Anklage scheinbar sinnlos und ungehört verliert, erscheint als ein wiederkehrendes traumatisches Thema auch bei Tennessee Williams, Arthur Miller, Paul Osborn  und Edward Albee, aber auch Ibsen und Tschechow zeichneten Seelendramen und familiäre Untergangstragödien ihrer Zeit, an denen heutige Regisseure arg zu beißen haben.

In der Inszenierung von Frank Hoffmann gibt es kein Entrinnen, was sich bereits in dem eng zusammengewuselten asylartigen Bühnenbild zeigt - - weder für die Protagonisten: die kräftige, durch harte Plackerei unleidlich gewordene Josie, die als letzte von vier Geschwistern bei dem trunkenen Vater aushält; Phil Hogan, der Farmer, der seine Hilflosigkeit gegenüber diesem schändlichen Leben mit Flüchen und Whiskey kompensiert, doch eigentlich gar nicht so rauh ist, wie es scheint sowie der rettungslos verkorkste Möchtegern-Schauspieler Tyrone, der sein Leben in Bordellen oder auf dem Rennplatz verpasst - als ein nicht mehr zu heilender Alkoholiker. Auch das Publikum kann sich dieser nur schwer zu ertragenden Seelenpein, in der sich Josie und Tyron in permanent scheiternden Versuchen, einander ihre tiefe langjährig verdeckte Liebe endlich zu offenbaren, aber leider nur endlos herumquälen, nicht entziehen. Diese Mondnacht ist entschieden zu lang und überhaupt nicht magisch, auch wenn der fahle Bühnenmond keinen Zweifel dran lässt, dass es für diese armen Menschen noch mehr geben muss als den Kampf um das kärgliche Leben.

In dieser Nacht, da sich die herbe Josie plötzlich in ein zartes junges Mädchen verwandelt und der ständig nach Whisky gierende Tyrone jäh in die Tiefen seines gebrochenen Existenz hinabtaucht, werden wir Zeuge einer zum Scheitern verurteilten Liebe, die nur kurz aufkeimt, um dann dem Tode zu verfallen. Zorn und Güte, Leidenschaft und Verzicht gipfeln in leidvoll wechselnden Passagen, die an den nicht endenden Geschlechterkampf in Albees "Wer hat Angst vor Virginia Woolf" erinnern. Ob diese sehr drastische, sehr extreme Darstellung der Charaktere nicht auch zuviel von den Darstellern verlangt, die jetzt Abend für Abend dieses Kräfte aufreibende Spiel spielen müssen? Julia Malik als Josie und August Diehl als Tyrone (in der Wirklichkeit ein hoffentlich glücklicheres Paar) spielen die Vereinsamung, die Verzweiflung, die Entsagung  mit berührender, ergreifender Hingabe, vor allem dem Ende zu. Tyrone erscheint von Anfang an als ein totenblasser nicht erwachsen gewordener hilfloser Junge, torkelt bereits am Vormittag über die Farm und gibt die Flasche eigentlich auch während der nächsten 24 Stunden seines Bühnenlebens kaum aus der Hand; Julia Malik verwandelt sich von der fluchenden Furie in die ihrem Wesen gemäßere liebevolle Frau, und Marc Limpach erkennt als um die Zukunft besorgter, wenn auch schlitzohriger Vater erst angesichts des unsäglichen Leids seiner Tochter, was sie ihm bedeutet. Hans Diehl (Dritter im Familienbunde) als steifer Gutsbesitzer im passenden Reiterdress hat keine Chance gegen die  tollwütige Vater-Tochter-Attacke, die ihn buchstäblich am Boden zerquetschen, um ihre eigene Schandtat zu vertuschen. Warum Herr Diehl sen. auch bei dem herzlichen Beifall so vergrämt dreinschaut? Vielleicht waren die Schläge doch etwas zu heftig.
Wie man auch gänzlich nicht nur auf diese Schikane, sondern auf das ganze Stück verzichten könnte, wenn man keinen aktuellen Zeitbezug finden kann. Denn die Krankheit Alkohol ist zeitlos und birgt Elend und Tragik in sich. Und die Beladenen dieser Welt müssen nicht unbedingt heruntergekommene Farmer in Connecticut sein. A.C.