Ein Teil der Gans

von
Martin Heckmanns

Uraufführung
 

 

Teilen mit Fremden

 


Deutsches Theater Kammerspiele

 

Regie: Philipp Preuss
Bühne: Ramallah Aubrecht
Kostüme: Eva Karobath
Dramaturgie: Roland Koberg

mit:
Katharina Schmalenberg und Ernst Stötzner als Gastgeber; Nora von Waldstätten und Gabor Biedermann als gebetenen Gäste; Henning Vogt als ungebetener Gast. Ein Chor der Migranten

 

 

 
 
Es ist Martinstag. Ein Tag, an dem Kinder Laterne laufen, von Haus zu Haus ziehen und um Gaben bitten, indem sie an den heiligen Martin erinnern, der seinen Mantelumhang mit einem frierenden Bettler teilte. Geblieben sind neben netten Kindergartenspielen vor allem die Tradition des Gänsebratens, den man gern mit Freunden und geladenen Gästen teilt. Aber wie steht's mit Fremden, mit ungebetenen Gästen?

Martin Heckmanns läßt sein makabres Spiel zunächst recht aufregend, spannend und witzig anlaufen; man möchte meinen, ein neuer Vertreter der so rar gewordenen Kunst spritziger und hintergründiger Dialoge sei aufgetaucht, die man bisher lediglich von der französische Erfolgsautorin Jasmina Reza kannte.
Da ist die übernervöse, kindliche Bettina, die hektisch Begrüßungslässigkeit probt und vor nichts so viel Angst hat wie vor den geladenen Gästen, die vielleicht über ihre Zukunft entscheiden werden; denn der nette Südländer stellte ihr in seinem Hotel einen Job als Empfangsdame in Aussicht, eventuell. So hat Bettina ihn rasch zum Gänseabendmahl eingeladen, doch mit einiger Selbstüberschätzung, wie sich jetzt herausstellt. In der panischen Furcht, dass etwas schief gehen könnte, geht natürlich alles daneben: Der etwas trottelige Ehemann hat nicht nur den Wein, sondern auch die Einladung vergessen, kommt nun also zu spät nach Hause, ist weder passend gekleidet noch mental auf Gäste eingestellt, und in der Küche birst derweil das Soufflé. Und mitten in das erste kleine Chaos platzt ein ungebetener Gast, der angeblich eine Autopanne und kein Handy hat, um selbstständig Hilfe herbeizuholen. Bettina schlottert vor Angst und fürchtet um ihr Leben. Katharina Schmalenbach, die stets koboldartig kaspert und zugleich Hysterie zu mimen versteht, breitet hilflos und einfältig dann und wann die Arme aus, als wolle sie alle Anwesenden in einer einzigen großen Harmoniekette verbinden. Das ist nicht nur für die Gäste schlicht unerträglich. Und Ernst Stötzner steht als ihr eher väterlicher, leicht prolliger Lebensgefährte mit so viel Gleichmut und völligem Unverständnis für ihre Nöte neben ihr, dass die Lacher garantiert auf seiner nuschelnden Seite sind. Ein sehr ungleiches Paar. Der Dritte in der Runde macht einen durchaus glaubwürdig guten Eindruck, und Henning Vogt kann jedermanns Vertrauen auf sich ziehen, nur nicht das von Bettina, die vor allem seine Glatze und den Mangel eines Handys an ihm verdächtig findet und ihn aus Angst um ihr Leben und den Abend hartherzig in den Garten verbannt, wo es wie verrückt aus allen Wolken schüttet.

Auch das Gastpaar ist kurios; er, braun angemalt, sie braun angemalt, schlank, groß, jung und völlig unangepasst nehmen sie die noch unfertige Wohnung ihrer Gastgeber in Beschlag. Nora von Waldstätten mit blitzenden Augen als verführerische femme fatale im violetten Kleidchen mit hohen Pumps und Gabor Biedermann als Deus ex Machina, der jede Art von Unterhaltung in ein Verhör verwandelt und   die Gastgeber seinen Wünschen gefügig macht. Das könnte nun eigentlich ein infames Spiel werden - beispielsweise mit dem weiterzuführenden Thema, inwieweit sich einfache Leute manipulieren lassen, nur um anderen zu gefallen, um einen Job zu bekommen, um glänzend dazustehen oder um Karriere zu machen; Wie lange lassen sie mit sich und ihrem Selbstwertgefühl spielen, wann siegt ihr Stolz oder ihre Menschenwürde, wann explodieren sie - oder gehen sie einfach unter: als ein Nichts in einer manipulierbaren Masse?

Doch das Spiel bricht jäh auseinander - Soufflé und Gans sind längst misslungen, die Hausfrau ist endgültig in Tobsuchtsanfälle verfallen, der ungebetene Gast wird freundlich hereingebeten und bewirtet, dann jäh brutal wieder hinauskatapultiert, man ist irgendwie ratlos. Und auch dem Autor ist an dieser Stelle wohl nichts Rechtes mehr eingefallen. So hat er das südländisches Paar und die Martins-Sänger draußen vor der Tür schnell in eine Phalanx von Emigranten verwandelt, die sich als Vertreter der armen Flüchtlinge aus der Dritten Welt den Pannenmann als absoluten Ramborächer auserwählt haben, der alle niederschießt. Doch irgendwie sind die Gastgeber nur halbtot und versprechen sich zwar nicht die Ehe, aber ihre Liebe. Ist das nur als zynischer Schlussakkord zu verstehen?

Gedankliche Saltos bei modernen Autoren sind nicht selten; auch bei der oben erwähnten Reza ("Der Gott des Gemetzels" am Berliner Ensemble und am Hans Otto Theater in Potsdam) stellt sich inmitten einer Ehe- und Erziehungsproblematik plötzlich die Frage nach unserem ehrlichen Engagement gegen die weltweite Armut und Unterdrückung in der Dritten Welt, nach unserer christlichen Fürsorgepflicht gegenüber den hungernden und kranken Menschen in Asien und Afrika, doch man ist ein wenig irritiert, dass hier nun eine andere Dimension ins Spiel kommt, die dramaturgisch nicht konsequent vorbereitet und aufgebaut wurde.

Trotzdem hat man durchaus einen vergnüglichen Abend! A.C.