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Eisblumen von
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Stückfassung und Regie: Volker Ranisch
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Die 17. Spielzeit des kleinen Kammertheaters beginnt mit der Adaption einer romantischen Novelle des berühmten Shakespeare-Übersetzers und Dichters Ludwig Johann Tieck, der viele seiner Poeme unter den Pseudonymen Peter Lebrecht und Gottlieb Färber schrieb. "Eisblumen" ist zwar vordergründig eine romantische Liebesgeschichte, in der ein sehr verliebtes Paar in einer kleinen kalten Dachkammer wohnt und sich über Kälte, Hunger und Elend mit einer phantasievoll zusammen gebastelten irrealen Wel- und Daseinsbetrachtung hinwegtröstet, aber es ist auch ein sehr politisches, ein zeitlos aktuelles Stück. Es ist natürlich in erster Linie Literatur, Dichtung, die hier auf der kleinen Bühne mit leichter Hand dramatisiert und vor allem geschickt arrangiert wird. Ein paar schräge Bodenplatten, die die Enge des Dachzimmers vor allem dadurch andeuten, dass der große Carl Martin Spengler heftig gebeugt daher gehen muss und sich wohl nicht nur einmal während der Proben den Kopf stieß. Und während sich also die liebreizende Klara (Lisa Adler), die ihren vermögenden, doch allzu strengen Vater verließ, um den Habenichts-Schriftsteller Heinrich zu heirateten und mit ihm fortan ein Hungerleiderleben zu führen, sehnsuchtsvoll und selbstvergessen durch Frühling, Sommer und Herbst träumt, versetzt Heinrich nach und nach ihr gesamtes Hab und Gut: Tischzeug und Decken, Tisch und Stühle, zuletzt sogar die geliebten Bücher - alles, alles kann Heinrich rhetorisch und analytisch geschickt als "überflüssig" abtun und gut und gern darauf verzichten... Spengler, der gern und grandios ansonsten wohl auch den preußischen Offizier mimt oder den wortwitzigen Oskar Wilde, verleiht Heinrich die eloquente Überzeugungskraft des gewandten Intellektuellen, so dass seine Phantastereien der ebenfalls etwas weltfremden und gut behüteten Klara wie eine Offenbarung erscheinen. Nachdenklich stimmt sein - in diesem schrecklichen Armutsdasein - allerdings absurdes Plädoyer für ein einfaches Leben, für Selbstbegrenzung und Bescheidenheit nachdenklich; wie schön wären seine großartigen Einsichten, wären sie nicht reiner Selbstbetrug, um vom Verlust seines Werkes, einer Enzyklopädie und eines wertvollen Manuskriptes abzulenken, um die sein bester Jugendfreund ihn betrog. Der Künstler aber weilt - noch ungeachtet der Eiseskälte, die kommen wird - in den Gefilden einer trostreichen Traumwelt, willig begleitet von der euphorisch verliebten Klara. Doch dann bricht der Winter herein. Der schöne schwere Rock von Klara, der als Umhang und wärmende Decke für beide nur noch ungenügend seine Aufgabe erfüllt, wird enger geschlungen; die Eisblumen an den Fenstern sind ein Wunderwerk der Natur - das Holz, das der Ofen benötigt, um die Beiden nicht erfrieren zu lassen, allerdings muss schon sehr gegenständlich sein: die letzten beiden Schemel werden zerbrochen, und dann greift Heinrich zur nächst besten Lösung: Da sein gesellschaftlicher Rang - der eines Beamten und Künstlers - ihm nicht gestattet, irgendeine niedere Arbeit zu verrichten, um für ihren Lebensunterhalt zu sorgen, verfeuert er, wie selbstverständlich, ohne Scham und Reue zunächst das Treppengeländer, dann die Treppe selbst. Für die nötigste Nahrung sorgt Klaras alte Amme, die ihnen in die Einöde der Schweizer Berge gefolgt ist und sich in nächtlicher Arbeit für das notwenige Auskommen müht. Klara ist zutiefst beschämt, doch Heinrich lebt in der Selbstgewissheit seines Standes, der die alten gesellschaftlichen Verhältnisse noch nicht in Frage stellt. Doch in seinen Träumen werden die Zweifel zur bedrückenden Realität, die Fragen, die seit der französischen Revolution flammend aufgebrochen sind, brennen akut und bedrängen das junge Paar: Wie weit darf sich der Einzelne von der Gesellschaft entfernen, wie weit ist er dem Gemeinwohl gegenüber verpflichtet und muss darum auf die absolute individuelle Freiheit (und Selbstverwirklichung) verzichten, die er ja in letzter Konsequenz nicht ohne den Beistand der Gesellschaft erreichen kann. Doch diese unbequeme und gar bedrohliche Einsicht verlischt so schnell wie sie jäh aus der Tiefe der Verdrängung auftauchte, und Heinrich, eben noch zutiefst erschüttert und leidenschaftlich durch seine Traumvisionen bewegt, lebt weiter in seiner festen, nun schon starrköpfig behaupteten und sich langsam zur Katastrophe ausweitenden Lebensrealität. Dass der scheinbaren Leichtigkeit ihres sich selbst genügenden verliebten Seins ein trauriges Ende folgen wird, ist gewiss. Wie es aufgelöst wird, ohne dass die Fenster zerplatzen und das Dach gestürmt wird, läßt hoffen: denn mit sehr viel Witz und tröstender Absurdität führt dieses Spiel sich selbst an seinen romantischen Ursprung zurück, und in der Märchen und Traumwelt geht ja bekanntlich alles immer gut aus. Und wenn sie nicht gestorben sind, so leben sie noch heute: die schöne Klara und der träumende Heinrich. Ein leichter, vielleicht, gemessen an den schauspielerischen Möglichkeiten und dem dramaturgischen Potential dieses Ensembles, zunächst noch hingetupfter Abend, dem aber ja noch eine große romantische Welle folgen soll. A.C.
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