Endspiel von |
Im Horrorkabinett des Absurden
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Deutsch von Elmar Tophoven
Regie: Rainer Behrend Bühne u. Kostüme: Olga Lunow Maske: Gabriele Hanusch Regie-Assistenz: Janin Halisch, Alexander Schatte 30.9.1959 erstmals in Berlin aufgeführt. "Becketts Stücke haben die Eigenart von Panzerwagen und Idioten" meint der englische Regisseur Peter Brook, "man kann sie beschießen und mit Kremtorten bewerfen: sie setzen ihren Weg gelassen fort". Rainer Behrend hat ein Horrorszenario entworfen, in dem die vier geistig und körperlich versehrten Menschen mit sinnlosen Sätzen, nur hin und wieder noch von einer Erinnerung erhellt, dahinvegetieren, unlösbar aneinander gefesselt in den letzen Tagen ihres Seins. |
Für eine knapp anderthalbstündige Aufführung musste viel vom Originaltext gekürzt werden. Das ist immer zweischneidig: zum einen kann eine gestraffte Version durchaus zur Lebendigkeit und Spannung beitragen, sie läuft aber auch Gefahr - wenn ohnehin alle Sätze so absurd sind wie bei dem irischen Autor, dass die Verständlichkeit noch mehr leidet, und dass die Interpretation, die ohnehin schon einem Puzzlespiel gleicht, aber noch komplizierter wird. Das "Endspiel" ohne analytisches Vorspiel ist beinahe ein aussichtsloses Unterfangen - eigentlich noch problematischer als bei Franz Kafka, dessen "Bau" man in diesem Theater ebenfalls mit großer Leidenschaft gespielt und inszeniert erleben konnte. Man kann eine Menge über Beckett wissen, und man wird doch mit seiner apokalyptischen Vision der menschlichen Vernichtung schwer zurechtkommen. Man könnte über das Szenario im einzelnen herzlich lachen, wenn die Bühnengestaltung, die Maske und das gesamte Arrangement nicht so grell, bunt und grauslich wären. Und man könnte vielleicht auch die Absurdität an den Pranger des Hohns stellen, wenn das Ende der menschlichen Existenz und alles Lebenden nicht so realistisch wäre, und wenn nicht die Entwicklung atomarer und biologischer Vernichtungswaffen so gewissenlos betrieben und von den Verantwortlichen ohne wesentliche Interventionen hingenommen würde. Was Beckett schrieb und fürchtete, hat seine Aktualität nicht eingebüßt. Das Endspiel, das wir vielleicht schon lange veranstalten, ohne es zu merken, wird in dieser abstrusen Form deutlich: Vier körperlich und geistig lädierte Personen schleppen sich mit der Munterkeit von Irren, in bunte Lumpen gehüllt und gräßlich geschminkt, in einer bunkerartigen Unterwelt durch die letzten Tage ihres Überlebens: Hamm, der blind ist und an den Rollstuhl gefesselt, sein Diener (oder Sohn) Clov, der nicht sitzen kann und in seiner Ausweglosigkeit sein ganzes Leben an Hamm gefesselt ist, und die versehrten Eltern von Hamm, die unter einer Müllhalde mit abgeschlagenen Gliedmaßen hausen. Die vier Darsteller liefern ein faszinierendes groteskes Spiel, dass dem schwer greifbaren Stück den schlimmsten Schrecken nimmt. Denn eigentlich gibt es nichts mehr, was sich in diesem Anti-Leben für die vier von der Vernichtungsmaschinerie vergessenen Menschen noch ereignen könnte. Ihr tägliches sinnloses Sprachspiel (eigentlich als Hörspiel gedacht) kann sich nur noch wiederholen mit allen Qualen und aller Pein, die sie einander zufügen - doch der Wahnsinn, dem sie längst verfallen sind, entrückt ihr Dasein eben auf jene Ebene des Absurden, das sie längst unempfindlich gemacht hat für Verletzungen. Gleichermaßen gebannt und gelähmt, hineingezogen in ein Gedankenspiel, das uns erschaudern macht und eine schreckliche Wahrheit offenbart, hoffen wir natürlich, dass es doch einen Ausweg aus dem dunklen Horrorszenario geben möge, das weder Himmel noch Hölle, noch Erlösung und Erbarmen kennt. Wir wollen zu Gott beten, sagt Hamm plötzlich, und Clov fragt zurück: zu wem? Am Ende schultert Clov - erneut sein Bündel - und balanciert über eine schräge schwere Schienenleiter hinein in grelles Licht und ohrenbetäubenden Lärm. Hamm bleibt allein zurück. Bei Beckett gelingt es Clov nicht, zu entkommen. Behrend hat eine vielleicht tröstlichere Option gefunden. Vielleicht ist da doch noch eine Chance... A.C.
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