Endstation Sehnsucht
 
von
Tennessee Williams

 

Aus der Zeit geworfen

 

 

Deutsch Helmar Harald Fischer

Uraufführung 3.12.1947 in New York
 
Renaissance Theater

Regie und Bühne: Wilfried Minks, Kostüme: Ina Peichl

 Ensemble: 
Ben Becker, Emanuela von Frankenberg, Johanna Christine Gehlen, Brigitte Janner/Ulla Meinecke, Uwagboe Agidig-Rydl, Stephan Bensor, Maximilian Jackwerth, Knut Koch, Rossen Prangov-Rossi

eine Produktion des St. Pauli Theaters Hamburg und der Ruhrfestspiele Recklinghausen in Zusammenarbeit mit dem Renaissance-Theater Berlin

 

 

 
Der polnischstämmige Einwanderer Stanley Kowalski lebt mit seiner schwangeren Frau  Stella in einfachen Verhältnissen in der Hafenstadt New Orleans. Völlig unerwartet kommt plötzlich Stellas ältere Schwester Blanche Dubois zu Besuch in die spartanisch eingerichtete Zweizimmerwohnung und stellt sich und ihre Ansprüche selbstherrlich in den Mittelpunkt. Blanche ist unzweifelhaft Alkoholikerin und auch ansonsten nicht so gut drauf; nervlich in einem bedauernswerten Zustand, hysterisch, aggressiv, unzufrieden mit ihrem und dem Leben ihrer Schwester. Ihr Besuch ist vielleicht die letzte Station ihres Lebens, ihrer Zukunft, die sie mit dem Verlust ihres Elternhauses - dem gemeinsamen Erbe der beiden Schwestern - verspielt hat. Zwischen seelischer Vereinsamung, Depression und herbei geträumten  Vorstellungen brodelt zuweilen ihre Lebensgier, vor allem, wenn sie einen Mann begehrenswert findet. Doch letztlich bewegt sich Blanche auf ein Stadium zu, das man in dieser Inszenierung nur sehnlichst herbeiwünscht. Denn gar zu zäh ziehen sich die wenig inhaltsreichen Gespräche zwischen den ungleichen Menschen hin, der sanften, rührend besorgten und gehorsamen "kleinen" Schwester, dem ungehobelten, unsensiblen Schwager und der schönen Blanche, die arrogant an alte Herrlichkeit anknüpfend, einem Leben nachzutrauern scheint, dass wohl nur in ihrer Phantasie und aus den wenigen verblichenen, einst eleganten Kleidern in ihrem Koffer besteht.

Nun war dies Stück des amerikanischen Erfolgsautors einst ein großer Hit: Filmgrößen wie Marlon Brando spielten den vitalen, ungehobelten Stanley, Vivian Leigh das zarte Südstaatendämchen, das es in Wahrheit nach der Robustheit des Schwagers gelüstet, den sie aber mit jedem Wort herabwürdigt. Und wenn es da heißt, in diesem Literaturdrama prallen die Persönlichkeiten eines Proleten und einer Hysterischen auf- und gegeneinander, oder poetischer: "von dem nüchternen Realisten und der trunkenen Träumerin" die Rede ist, so klingt das zwar viel versprechend, führt aber hier zu keinerlei dramatischer Spannung.
Denn es gibt in dieser altbackenen, wenig aufgeheizten ( immerhin leben die Dramen bei T.W. zu einem Gutteil von dem heiß-schwülen Klima, das sich auf die Psyche der Menschen überträgt!) und recht schwafeligen Inszenierung nur die gewaltige Körperlichkeit von Ben Becker, der seinen Stanley ebenso grob und polternd, herrisch und undiszipliniert über die Bühne dröhnen und poltern läßt wie er zeitweilig kindlich und verletzbar zu erscheinen vermag. Neben Becker überzeugt auch Stephan Benson als der wunderbar einfach-einfältige und herzensgute Mitch, einer der Pokerkumpel in der unendlich viel Bier trinkenden Männerrunde - bis auch er zum Wolf wird. Denn, man merke: Uraufführung des Stückes war 1947! und das in den prüden USA - denn als sich Blanches Vergangenheit als gar nicht so vornehm und edelblütig herausstellt wie sie mit sanftem Stimmchen allen einzureden versucht, wird sie zum Freiwild auch für diesen Mann, der sie eben noch verehrte und daran dachte, sie zu heiraten.

Es ist nur schwer zu beschreiben, warum die Figur der Blanche von Emanuela von Frankenberg nicht zündet; weder vermag sie Mitleid     noch das leiseste Mitgefühl für ihre Situation zu wecken, wenn sie in unsäglicher Penetranz die auf sexueller Anziehungskraft beruhende Ehe ihrer Schwester (hier Johanna Christine Gehlen als unauffälliges graues Mäuschen) attackiert, den Schwager als tumben, animalischen und amoralischen "affenartigen" Vertreter seiner Spezies herabwürdigt und die kleine Schwester herrisch als Dienstmagd missbraucht. Sie ist ein Fremdkörper in dieser einfachen Gesellschaft, in der man zu überleben versucht, eine Nervensäge, eine Zerstörerin, die nicht nur sich selbst mit einer permanenten Selbsttäuschung betrügt, sondern auch ihre Umgebung zum Narren hält - und eigentlich ist man froh, als dieses Treiben endlich sein - zugegeben - trauriges Ende findet. Diese Blanche hat viel Porzellan zerbrochen, aber es wird wieder zu kitten sein. Vielleicht.

An den Rand gestellt sind im wahrsten Sinne des Wortes - und leider auf der seitlichen Bühne nur schwer einsehbar - zwei Balkone, auf denen zeitweilig ein farbiges Südstaatenpaar herrlich singt, zankt und sich hinter den Kulissen auch wohl herzhaft wieder verträgt. Schade, von dieser fulminanten und herzlichen Sängerin und ihrem charismatischen Partner hätte man gerne mehr gehört.  A.C.