Grete

von Claudia Wiedemer und Anja Gronau

nach Goethes Faust 

 in der Trilogie der klassischen Mädchen:  Käthe und Johanna

 

  

 Goethes Gretchen weiter- und zurückgedacht

 

   

ausgezeichnet mit dem Friedrich-Luft-Preis der Berliner Morgenpost für die Spielsaison 2004

Theater unter dem Dach


Spiel: Claudia Wiedemer
Regie: Anja Gronau
Künstlerische Mitarbeit: Marcel Luxinger

  Regieassistenz: Nora E. Otte

 Diese drei Inszenierungen müssen jedermann empfohlen werden. Denn die Schauspielerin Claudia Wiedemer wird ganz sicher bald auf allen deutschsprachigen Bühnen zuhause sein. Sie wurde außerdem mit dem 1. Preis beim 4. internationalen Monodrama Festival Thespis in  Kiel ausgezeichnet.

 

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Gut, das zurzeit das Drama des durch die Welt der Sinne jagenden Dr. Faust auch im Deutschen Theater gespielt wird. Da empfiehlt es sich doch sehr, die traditionelle Deutung der Rolle des naiven Gretchens noch einmal im Vergleich mit der auch denkbaren Frauenrolle der Grete zu betrachten.
Anja Gronau und Claudia Wiedemer zeigen hier, abendfüllend, die Welt der jungen Mädchen im ausgehenden Mittelalter bis - heute!? Nun gut, ein bisschen haben sich die Zeiten zwar geändert, aber die Enge und Strenge der Moral in vielen Ländern und im Bereich anderer Religionen hat sich in erschreckender Weise noch immer nicht gewandelt.

Im Jahre 1772 wurde das Mädchen Susanna Margarethe Brandt wegen Kindsmord zu Tode verurteilt. Dieser historische Justizfall diente J. W. Goethe unter anderem als Vorlage für seine traurige Dramenfigur. Und wie sah das Leben einst aus für solch ein junges Mädchen aus einfachem Hause? Arbeit von früh bis spät, dienen und beten unter der strengen Wachsamkeit der Mutter, der Nachbarn und der Kirche. Claudia Wiedemer zeigt und spielt diesen Tagesablauf mit entzückender Selbstverständlichkeit, ein bisschen wagt sie die Erschöpfung und die Eintönigkeit aufzuzeigen, jedoch ihr freundliches Wesen ist ohne Anklage, ohne Arg, ohne Traurigkeit. Mit leicht keckem Gemüt, voller Liebreiz, tritt sie die tägliche Fron an, mit dem kindlichen Eifer, es der Mutter Recht zu machen; Mit mühselig herbeigedachten kleinen "Sünden" kniet sie beim täglichen Kirchbesuch vor dem Beichtstuhl. Sie ist wahrlich jenes Mädchen, zu dem sich der frisch verjüngte, weltfremde Gelehrte Heinrich Faust beim ersten Anblick so heftig hingezogen fühlt - ihre Unschuld ist der Gegenpart Luzifers, des Bösen und Verderbten, der Faust den flüchtigen Genuss in einer Welt zu lehren bestrebt ist, deren Menschen "ihm aus tiefstem Grund zuwider sind".

Aber nicht Faust ist hier die Hauptperson, aber er ist schuldig am Verderben des Kindes, das zwar noch heranwächst, jedoch sehr wohl leidenschaftlich liebt und fühlt, dass ihm hier eine andere, ferne, fremde Welt wohlgesetzter Worte, ein Mann hochwohlgeborenen Standes begegnet.   Aber wie stark und bedrückend empfindet sie das Infernalische seines Begleiters, der sich schlangenartig windet und die Worte, die er ausstößt, mehr zischt als spricht.       
Zunächst erleidet Grete größte Liebesglut in der seligen Vereinigung mit Faust und dann tiefste Lebensqual, als Heinrich nicht zurückkehrt, der Bruder vom Teufel erschlagen und die Mutter mit einem giftigen Schlaftrunk getötet wird und als sie fühlt, dass sie schwanger ist. Im tiefsten Innersten weiß sie bereits, dass Faust nicht zurückkommen wird,

nachdem er sie auf einen Sockel gestellt hat, der diesem irdischen Wesen aus Fleisch und Blut und mit so viel Herz nicht angemessen ist: sie umhüllt sich mit dem weißen Brautbett-Tuch ihrer einzigen Liebesnacht. Einer griechischen Statue gleich versucht sie, die hehren Versmaße ihres Geliebten zu deklamieren, aber die Stimme versagt ihr. Währenddessen erklint ein moderner englischer song, der von der Verzweiflung aller Liebenden erzählt, die verlassen werden! (Man könnte sogar an die große Frauenfigur der Antike, Helena,denken; sie mag in dieser Szene Goethes und Faust´s Streben nach dem "ewig Weiblichen," der mythischen Vollkommenheit des Schönen als Idee Pate gestanden haben. Ein bisschen verwirrend vielleicht...)

Und wie ist dieses Kind, diese Kindfrau, betört worden - gleich aus drei Rekordern klingen verführerisch die kunstvollen Verse großer Faust-Darsteller vergangener Jahrzehnte, denen Grete fehlgeleitet und hingebungsvoll lauscht. Sie rechtfertigen in wohlgesetzten Worten ihre Abkehr von Gott und das innige wie flüchtige Liebesvergnügen des Augenblicks. Wie könnte man auch zugleich mit Gott und dem Teufel im Bunde sein?

  Der Wahnsinn, der Grete schließlich von der Wirklichkeit trennt, ertönt in einem Schrei, den man so noch nicht hörte und der so tief aus dem Innersten kommt, das er nicht mehr von dieser Welt zu sein scheint. Aber Claudia Wiedemers Grete ist dennoch von dieser Welt und aus allen Zeiten; sie liebt und leidet, wird geächtet und verurteilt und, wenn sie auch der geistigen Verwirrung anheim fällt, so nimmt sie doch das Schreckliche wahr, was ihr widerfuhr und was sie tat: Während sie zu ihrer Hinrichtung geführt wird, filtert sie gleichsam mit klarem Blick die allzu bekannten Gesichter ihres kurzen Lebens aus der event-hungrigen Zuschauerherde heraus...

Und dann die letzten Szenen, die vielleicht die besten in dieser Inszenierung sind: Wenn Grete - als Engel längst in anderen Sphären zur ureigendsten, alles verzeihenden Güte zurückgekehrt- Mephisto mit einem Worte besiegt, indem sie ihm die Seele ihres Heinrich abspricht! Voller Gift und Galle ringt dieser Teufel, feuerschnaubend, wutrasselnd und mit dröhnenden Furzen um die ihm so sicher geglaubte Seele - ihm gegenüber der Engel, sanft und unantastbar in seiner strahlenden Größe. Auch wenn Claudia Wiedemer nur dieses Finale gespielt hätte - alle Preise wären ihr sicher gewesen! A.C.