Hamlet

von
William Shakespeare

 
 

 

"Welch edler Geist ist hier zerstört!"
- im Untergang der Zeiten

 


 
Maxim Gorki Theater

 Regie: Tilmann Köhler, Bühne: Karoly Risz, Kostüme: Susanne Uhl, Musik: Jörg-Martin Wagner, Dramaturgie Andrea Koschwitz

mit: Max Simonischek, Matthias Reichwald, Antje Trautmann, Julischka Eichel, Michael Klammer, Ulrich Anschütz, Ursula Werner, Franz Hartwig, André Kaczmarczyk, Tilmann Strauß, Jörg.-Martin Wagner

  Im Programmheftchen steht geschrieben, was man sich bei dieser Inszenierung gedacht hat; es gibt eine Menge gescheiter Interpretations-Anregungen, aber sie finden sich in diesem Spiel nicht wieder.

 
 Einst spielte und inszenierte am Maxim Gorki Theater Joachim Meyerhoff, ein talentierter Schauspieler und einfallsreicher Regisseur. Leider ließ man ihn nach Zürich ziehen, wo er fortan weitere Erfolge einheimste und jetzt gar beim Theatertreffen mit seinem "Hamlet" unter der Regie von Jan Bosse eine überaus sehenswerte Variante zeigte.
Der Vergleich zum jetzigen Hamlet unter einer raufenden Revoluzzer-Generation, die Tilmann Köhler im Maxim Gorki vor dem Eisernen Vorhang spielen läßt - teilweise hocken die Darsteller in einer Art Orchestergraben nach Art des alten Shakespeare-Theaters, aus dem sie behende hervorschnellen, um mit donnerndem Getöse wieder abzutauchen - fällt zu Ungunsten des Gorki Ensembles aus. Leider. Denn die stellenweise gähnendlangweilige Inszenierung zerstört alle sprachliche Feingliedrigkeit und dramatische Kunstfertigkeit, wie sie einst Shakespeare auf der Grundlage eines alten dänischen Stoffes aus dem 12. Jahrhundert erschuf und mit gänzlich neuer moralischer Tendenz versah, in dichter und ungemein vielfältiger Sprachgestaltung geistreich, tragisch und komisch Form und Gestalt gab; Im Mai 2008 leidet und lebt kein sensibler, verschreckter Prinz in dem düsteren Schloss von Helsingör, der ob der unheimlichen Erscheinung seines toten Vaters und der unfassbaren Offenbarung eines heimtückischen Mordes nach und nach den Verstand verliert, sondern hier rauft und wütet ein kräftiger großer Mann mit einem Haarschopf à la Rudi Dutschke, hier lamentiert in nicht endender Vers-Variationen nach Heiner Müller -Übersetzungsvorgabe ein neuer Werther über die Leiden, die die Welt sich und vor allem ihm zufügt. Max Simonischek hat ein bemerkenswertes Text-Pensum zu absolvieren, und weil er sich total verausgabt, wird auch seine Stimme am Ende immer rauher und heiserer...

Hamlets Freunde von einst sollen herausfinden, was seinen Verstand so verwirrt, unter ihnen zwei Königs-Onkeltreue Jungmänner: Nadre Kaczmarczyk und Tilman Strauß , die scheinbar frisch und fröhlich aus dem Reich der Hobbits, in Wirklichkeit aber von der Schauspielschule importiert sind, spielen die recht unbedarften Vasallen Rosencrantz und Guildenstern ( in Doppelrollen auch als Wächter Marcellus und Bernado). Und Michael Klammer zeigt als Horatio, der echte Freund aus Wittenberger Studententagen, mehr muskulöses Körperspiel als mentalen Mut und geistige Überzeugungskunst, mit dem er die Glut seines Freundes vielleicht hätte bändigen können. Insgesamt aber springen und poltern diese jungen Männer eher wie Berserker gegen Wand und Boden - vielleicht, damit immer eine gewisse Lautstärke vorherrscht, gleich dem Trommeln der Schlachten, die sich Dänemark und Norwegen in jenen Zeiten geliefert haben. Damit weder der Geist des um Rache heischenden toten Königs noch das Kriegsgespenst vergessen werden, gibt es Anspielungen und Hinweise auf den Verdacht auf die Mordtat im eigenen Hause wie auf die Wiederkehr des besiegten Feindes. Aber lange Zeit geschieht nichts, denn der Widerstand bewegt sich allein in Hamlets Gedankenkonstrukt, das ihn in der Ausweglosigkeit zwischen Rachegefühlen nach "alter" archaischer Art und einer beinahe "modernen" Schwermut der leidgeprüften, handlungsunfähigen Seele in den Wahnsinn treibt.
Weil Hamlet sich aber nun von Anfang an in Heftigkeit, Trotz und Widerstand gebärdet, fehlt die absolut notwendige Steigerung, die nun einmal jedem Drama zugrunde liegen muss, damit es uns mitreißt, fesselt und über das brave Schauen und Hören hinausträgt! Als der im ganzen Land geliebte Königsspross seine an den Hof beorderten Schauspieler-Freunde bittet, sozusagen ihre antike Parabel als "Mausefalle" für König und Königin aufzuführen, könnte eine wahre Bombe platzen! Doch nein; Hamlet übernimmt gleich selbst die Rolle des Königs, und Ursula Werner hat nur wenige, dafür wunderbar langsame Sätze zu sagen und ein paar Pappkronen aufzuheben und abzusetzen. Und man ist ehrlich überrascht, dass Claudiustrotz dieser nur kargen Vorstellung sofort einen schlimmen Wutanfall erleidet und seine Gattin sich bleich an der Wand festhalten muss. Obwohl sich das Königspaar nun entlarvt zeigt, gibt auch das nur wenig Anlass zum Luftanhalten; denn es geht ja ohnehin von Anfang an hoch dramatisch zu - nur, wenn sich die von allen Seiten arg malträtierte Ophelia von albernen Kindchen über die liebende Frau zum wahnsinnigen Gretchen verwandelt, gibt es Momente der Betroffenheit; Julischka Eichel ist ein Lichtblick in dieser rüden Bühnenschlacht, wenngleich auch wenig originell.

Dass am Ende das ganze Könighaus verlischt, ist betrüblich, aber ohne Brisanz, geschweige denn von relevanter gesellschaftlicher, moralischer oder Generationen übergreifender Aussage; dass der obrigkeitstreue Haushofmeister Polonius (Ulrich Anschütz nett wie immer), Vater Ophelia's, aber auch Zerstörer ihrer Liebe zu Hamlet, von diesem irgendwann und irgendwie ermordet wird, erfährt man eher nebenbei, und man registriert erstaunt die erst darauf erfolgte psychische Veränderung Ophelias, hat Hamlet ihr doch durch sein sprödes Abwenden zuvor weitaus größeren Schmerz zugefügt. Mehr hilflos als betroffen sehen wir Hamlets Mutter Gertrud, die bereits zwei Monate nach dem Tode ihres Mannes den Schwager heiratete. Antje Trautmann, die neben dem eigentlich recht sympathischen Ehemann Claudius (Matthias Reichwald mit ein paar weißen Strichen im Gesicht auch der Geist) nun als böse Buhlerin dasteht und schweigt, hilflos gegen Hamlets wütende handgreifliche Attacken und gebunden an Claudius als dessen Ehefrau, kann ihrer Gertrud nicht das Profil der Mittlerin zwischen Macht und Moral verleihen, die den einander zerreißenden Widersachern Einhalt gebieten könnte.

Der junge Laertes, Bruder Ophelias, wird als Rächer seines Vaters gegen Hamlet antreten und ihm den tödlichen Streich versetzen, die Mutter versehentlich das Gift aus der Plastikflache leeren, der Onkel folgt, Ophelia ist längst ertrunken und Laertes stirbt beim Degentausch am eigenen Gift. So bleibt niemand aus dem Königshause übrig, und der junge Thronfolger Norwegens, Fortinbras, findet Dänemarks Thron nach seinem ebenso siegreichen  Feldzug gegen Polen verwaist. Ein neuer Anfang, nachdem die alte Welt versunken ist, wie sie sich Shakespeare nach eigenen bitteren Erfahrungen erhoffte? Das scheint in der mädchenhaften Besetzung des neuen Helden (Julischka Eichel) und seinen zwei ihn begleitenden Trommlern, eher lächerlich als mutig dastehenden Trommlern eher unwahrscheinlich. A.C