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das Gruseln zu lernen
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20 Szenen und ein altes Lied Musik: Sebastian Tyroller
Regie: Hans-Joachim Frank;
Bühne und Kostüme: Anne-Kathrin Hendel und Justyna Jaszcuk; mit: Angelika Perdelwitz (Martha); Bernhard Geffke (Herbert); Simone Frost (Inge); Matthias Zahlbaum (Ronald); Stefan Kowalski (André), Johannes Achtelik (Werner); Sonja Hilberger (Helga); ein Individuum (Sebatian Tyroller); jüdisches Mädchen: Darja Lewin/Tair Lewin |
Ort: ein Dorf, irgendwo in Deutschlands Osten; Zeit: heut' irgendwann... Das Leben in diesem Dorf muss grauslich sein; die Menschen leben im Spinnenetz einer in Schuld verstrickten Vergangenheit, sind bösartig zu- und gegeneinander, bekämpfen sich nicht nur grob verbal, sondern auch physisch, und sie misstrauen und verraten einander. In dieses Schlangennest kommt eines Tages ein junger Mann, André. Er möchte den ehemaligen Bauernhof seines Großvaters besuchen, vielleicht nur ansehen, vielleicht auch zurückfordern; man weiß es nicht, aber man weiß, so wie die jetzige Besitzerin des Hofes, Martha, ihn abkanzelt und stehen läßt, verbirgt sich einiges im Dunkel früherer Zeiten, das plötzlich droht, ans Tageslicht zu kommen. Andrés jüdische Großeltern sind von ihrem Grund und Boden verjagt worden, sein Vater wurde nach seiner Rückkehr aus dem KZ ermordet, als er auf den elterlichen Hof zurückkehren wollte, Andrés Mutter konnte den Schergen der Nazis rechtzeitig entkommen. André erfährt auch im Gasthaus kein herzliches Willkommen; der Wirt (Johannes Achtelik) verharrt in angespannter Hinterhältigkeit, ist mürrisch, wortkarg, misstrauisch gegen den jungen Mann, der offensichtlich Anspruch auf den Besitz seiner Vorfahren erheben will. Jedermann ist hier jedermanns Feind; doch nun hat man wieder einen gemeinsamen Feind, der als Opfer für allen Frust herhalten muss, den man zuerst im Dritten Reich und dann unter den "Roten" in der DDR erlitten hat, und der für alle Schuld, die man selbst auf sich geladen hat, büßen soll. Eine Verschwörung breitet sich hinter Andrés Rücken aus, und die wird geschürt von Martha und Herbert, dem Hofbesitzerpaar, das nur Hass und Angst zusammenhält; Angelika Perdelwitz spielt diese Martha, verhärmt, verbittert, vernachlässigt, seelisch und körperlich misshandelt, wie könnte sie anders sein als feindselig, rachsüchtig, grausam ? Weiter sind da Ronald, der brutale Bandenführer der Skins, ein Neonazi auf Bewährung, der endlich sein Opfer gefunden hat, und seine rasend primitive Mutter Inge, die Simone Frost als ein bösartiges Energiebündel, grauslich zerfleddert an Leib und Seele, verkörpert. Und da ist die Tochter des Wirts, Helga. Sonja Hilberger kann dieses starke, geistig scheinbar leicht zurückgebliebene junge Mädchen äußerst einfühlsam und gewinnend nuancieren. Ausgenutzt von allen, klammert es sich in seiner hilflosen Liebesbedürftigkeit sofort an André und, so fürchtet diese misstrauische Dorfgemeinschaft, tischt ihm allerlei "Lügen" auf. Doch es sind die Wahrheiten, die nun offenkundig werden, und die allen Leuten hier solch starke existenzielle Furcht einjagen, dass sie auch den letzten Rest von Anstand und Menschlichkeit vergessen. Die Bühne ist ein langer leerer Raum. Auf seiner Rückwand leuchtet eine große Scheibe, mal Mond, mal Sonne, die jeweils die dunklen Triebe der Menschen und die Helligkeit eines neuen Tages in neuer Hoffnung symbolisieren. Im Vordergrund agieren die Leute, flankiert von dürren Zweigen, die wechselnd Friedhof, Wirtshaus und symbolischen Eichbaum darstellen. Die Szenen wechseln rasch und dynamisch, so dass keine Sentimentalität aufkommt. Aber man ist dennoch gerührt und berührt, vor allem aber entsetzt über diese Art Un-Mensch, die sich da - so meint es der Autor (ehemals Intendant in Potsdam) - in unserem Land aufhält. Asozial ist hier kein zu starkes Wort, und so schlicht geflochten wie die Sprache und so arm wie der Wortschatz - was sehr an die Dialoge in den Dramen von Marie-Luise Fleißer erinnert - so leer sind hier die Seelen. Verloren alle, seit langem. Doch die Intensität der Schauspieler ist einzigartig und zieht psychisch jeden Zuschauer mit auf die Bühne, saugt ihn hinein in das unglaubliche Leben jenseits aller Vorstellungskraft; Und was bleibt nach dieser entsetzlichen Darstellung von Unmenschlichkeit, sind vor allem zwei Erkenntnisse: Die eine erfährt der Bauer Herbert, von Bernhard Geffke in allen Variationen eines Mannes ausgereizt, der seine Schuld mit einem Übermaß an Angst durchtränkter Aggression zu kompensieren versucht; doch nun am Ende, alt und tödlich verwundet, muss er sich all der Seelenpein erinnern, die er sein Leben lang verdrängt hat und der er sich nun in peinvoller Qual stellen muss, als André ihm den schriftlichen Beweis seiner Tat vor Augen hält. Und weiter? Wie gespenstische Schatten stehen sich der gewaltbereite Ronald, dem Matthias Zahlbaum jene beängstigende Wut verleiht, die sich jederzeit tödlich entladen kann, und der ruhige, beinahe unscheinbar wirkende André von Stefan Kowalski kampfesbereit gegenüber. Ronald bellt sein höllisches Credo in den weiten Raum: Immer werden er und seinesgleichen den Juden verfolgen und bekämpfen wie im Auftrag des Bösen: Menschen wie er und andere in diesem imaginären und doch so realistischen Dorf am Rande einer blinden Welt werden die Außeneiter, für die immer wieder das jüdische Volk stehen wird, nicht zur Ruhe kommen, nicht in Frieden leben lassen. Ein weiß gekleidetes, dunkelhaariges sehr junges Mädchen singt am Anfang und am Ende vor der Bühne das romantische Lied vom "Nussbaum" von Robert Schumann - Symbol einer glücklicheren Zukunft. A.C.
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