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Elend in Zeiten der Inflation |
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Uraufführung 1932 in Leipzig Regie: Andreas Dresen; Bühne: Matthias Fischer-Diskau; Kostüme: Sabine Greunig Musik: 17 Hippies mit: Inka Friedrich (Karoline), Katharina Schmalenberg (Erna), Anke von Eckstaedt, Friederike Walke, Marie-Isabel Walke, Michael Gerber, Christian Grashof (Komm.Rat Rauch), Sven Lehmann (Kasimir), Michael Markfort, Thorsten Merten (Schürzinger), Mark Waschke (Merkl Franz) |
Ein ausgedehnter Versuch, das Elend der Wiener Arbeitslosigkeit zu Beginn des vorigen Jahrhunderts zeitlos ins heutige Berlin zu transponieren. Die Tücke liegt darin, dass sich vielleicht nicht die Menschen, aber die Zeiten, vor allem die politischen und sozialen Bedingungen, anders darstellen. So zieht sich ein darstellerisch zwar eindrucksvolles, aber dramaturgisch eher klischeehaftes Spiel ( "das Leben ist hart, und eine Frau, die etwas erreichen will, muss einen einflussreichen Mann immer bei seinem Gefühlsleben packen") durch den Abend. "Kommt', seien's nicht so fad" möchte man - so wie Karoline den entmutigten Kasimir auffordert - auch dieser Inszenierung zurufen. Denn es kommt trotz Jahrmarkttrubel, Eis und Karusselgekurve kein rechter Schwung in die Geschichte, in der sich ein junges Paar (Kasimir und Karoline) auseinanderzanken. Er, weil er jäh ohne Arbeit nun blind wütend in seinem verletzten Selbstwertgefühl Streit mit Karoline (Inka Friedrich sehr souverän!) sucht; Sie, ein junge attraktive Frau aus besseren Kreisen, weil sie sich sozial nicht gut genug placiert fühlt. Der unbeherrschte Kasimir (Sven Lehmann) findet sich als hilfloses Opfer in einer feindlichen Umgebung und stürzt wütend davon, und Karoline findet in dem stillen Beobachter Schürzinger schnell einen Jahrmarktsbegleiter. Doch dieser, als "Zuschneider" beruflich höher stehend als der Chauffeur Kasimir, entpuppt sich leider nicht als Kavalier, sondern als beflissener Diener seines vergnügungssüchtigen Arbeitsgebers, des schon recht betagten Kommerzienrats Rauch. Denn als dieser mit einem Jugendfreund plötzlich auf dem Rummel auftaucht, um sich flotte Gefährtinnen für die Nacht zu suchen, verkuppelt Schürzinger seine neue Bekannte sehr bald an die betagten Lebemänner, das Mädchen nur halbherzig warnend, auf was und wen sie sich da einzulassen Gefahr läuft. Doch Karoline läßt sich, verletzt durch Kasimirs grobe Verdächtigungen, und geschmeichelt durch die Aufmerksamkeit der honorigen Herren, eben in jene Gefilde treiben, aus denen man nur schwer wieder auftauchen könnte... Ein seltsames Paar aus dem kriminellen Untergrund findet sich in dem brutalen Merkl Franz und seiner dünnen Freundin Erna, die sich von ihm misshandeln und demütigen lassen muss bis sie nach Merkls Inhaftierung bei Kasimir Trost und Unterschlupf findet. Mark Waschke positioniert sich lautstark als gemeiner Frauen verachtender A-Sozialer und Katharina Schmalenberg, wie gewohnt, dröhnt mit tiefer Burschikosität gegen alle Kalamitäten des Lebens an. Vielleicht wird bei ihr der so genannte "Bildungsjargon" der kleinen Leute noch am deutlichsten markiert. Skurrile Sprachungetüme, deren bittere Wahrheiten sich in Phrasen, leeren Denkmuster und Klischees offenbaren, die den Beteiligten aber gar nicht bewusst sind. Das läßt sie letztlich alle zu fern- und fremdgelenkten Jahrmarktsfiguren werden. Großartige Möglichkeiten für eine phantasievolle Regie! Aus diesem traurig-trostlosen Milieu scheint es kein Entkommen zu geben; wie und wo sollte Horwárth, Diplomatensohn mit Herz für die kleinen Leute, zumal in jener Zeit einen positiven Ansatz finden können für eine bessere Welt? Seine sozialkritischen Volksstücke bewegen sich alle gleichermaßen in jener abgeschotteten Enklave sozialer Isolierung und fest zementierter Konventionen, die dem Kleinbürger nur wenig Bewegungsfreiraum zugestanden. Jeglicher Ansatz zur Selbsthilfe, zur Befreiung, zum Auftauchen fehlte, weil die Entwicklungschancen im engen Kreis der eigenen Weltsicht ( und der wirtschaftlichen Verhältnisse) stagnierten, und die sah lediglich die Pole und Extreme von oben und unten, arm und reich; Unwiderruflich verdorben sind die Einen wie die Anderen; Geld und Macht korrumpieren, Armut und Elend gleichfalls. Keine Hoffnung auf Bildung und Veränderung, kein Lichtstreif am politischen und menschlichen Horizont. Dann gute Nacht, du arme Welt. Und so gleitet auch der Schluss in ein nebulöses Dunkel. Leider verzichtet die Inszenierung, die den Schauspielern viel Raum zur Ausformung der verschiedenen Charaktere läßt (dennoch gibt das Stück nicht genügend Tiefe!) auf eine Pikanterie: nämlich als sich der Kommerzienrat in sein chices Kabriolett ans Steuer setzt, um mit Karoline ins "Grüne" zu fahren, erleidet er einen Herzanfall, und Karoline gelingt es, den Wagen sicher zurück zu fahren. Um Rauch nicht zu kompromittieren, wird Karoline fortgeschickt, und ihr Traum auf ein besseres Leben ist rasch verflogen. So landet sie letztlich doch bei Schürzinger. A.C. "Wir werden eine Menge darüber zu reden haben" verspricht eine Lehrerin am Ende im Foyer ihren sehr jungen Schülerinnen. Ob dafür nicht das "Grips" oder das Theater "Strahl" eher geeignet wären?
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