Katte

von
Thorsten Becker

 

Abschied von Katte

 

Uraufführung

Hans-Otto-Theater Potsdam

Regie: Uwe Eric Laufenberg; Bühne: Kaspar Glarner; Kostüme: Jessica Karge; Musik: Serge Weber; Dramaturgie: Georg Kehren

mit: Manfred Karge, Gisela Leipert, Henrik Schubert, Jennipher Antoni, Moritz Führmann, Hannes Wegener, Andreas Herrmann, Hans-Jochen Röhrig, Philipp Mauritz

 
  Am 22. September dieses Jahres stünde das Schauspiel "Katte" - der traurige Bericht eines der Staatsräson geopferten jungen Mannes und eines seelisch gebrochenen preußischen Kronprinzen - drei Jahre auf der Potsdamer Bühne. Mit dem Abschied des erfolgreichen Intendanten Uwe Eric Laufenberg läuft nun  u.a. auch dieses Stück aus; Es hat ganz sicher seinen Zweck erfüllt, wenn es die Absicht verfolgte, vor allem jungen Menschen preußische Geschichte und die Psychologie seiner Machtstrukturen näher zu bringen.

Es war ein Erfolgstück von Anfang an; sicher, weil das menschliche Wesen von Natur aus mitfühlend ist, vor allem aber weil Friedrich II, später als "der Große" (1712-1786) geehrt, eine äußerst gespaltene, schwierige Persönlichkeit war. Der bis ins Mark durch die Hinrichtung seines geliebten Freundes Katte getroffene Friedrich erschien danach als ein zu Demut verwandelter, absolut folgsamer Sohn, der es nie wieder wagen würde, den grausamen Vater durch seine Aufsässigkeit  weiterhin herauszufordern. Doch man kann annehmen, auch wenn diese Konsequenz diese Inszenierung bestimmt, dass Friedrich nach der zweijährigen Strafversetzung in Heer und Verwaltung, in Schloß Rheinsberg (1733-36) das Erlebte und Erlernte durch ein intensives Leben zu kompensieren versuchte. Was an Wut, Groll, Trauer in ihm eingeschlossen war, wurde zunächst durch Musik und verschiedene Aufsätze, die die außergewöhnliche Schärfe seines Verstandes beweisen, ausgeglichen. Doch die schrecklichen  Aggressionskriege (zwischen 1740) und 1763) gegen Österreich sind vielleicht auch aus dieser Perspektive zu verstehen sind: Als eine Art Rache an den Menschen, die ihn in demütigten und verrieten!

Was wirklich Folgen seiner - und seiner Geschwister -   von Prügel, Hunger, Intrigen und Verzicht geprägten Jugend war, wäre ausreichend Stoff für eine tiefer greifende Theaterfassung. So ist das Stück von Thorsten Becker eher ein flott gereimtes, gut gemachtes und vor allem ein durch die fantastischen Bühnenbildkonstruktionen -  eindringlicher Ausschnitt aus der Zeit eben jener Jugendjahre, in denen Friedrich, zunächst noch durch die Leichtlebigkeit am Hofe des Sachsenkönigs August geprägt, sich nun jäh der strengen Zucht seines Vaters nicht mehr unterwerfen kann und deshalb mit seinen beiden Freunden die Flucht nach Frankreich vorbereitet. Hineingezogen in das leichtfertige, wenig durchdachte und für den Freund Katte tödlich endende Vorhaben wurden auch die Königin und die Schwester Wilhelmine, die in ihren Tagebüchern die Realität jener Jahre eindringlich und erbarmungswürdig schildert. Dass die Flucht misslang, lag sicherlich auch an den Spitzeln des misstrauischen, cholerischen Friedrich Wilhelm I., der dem in seinen Augen durch  Flötenspiel und Unterricht in musischen und geisteswissenschaftlichen Fächern verdorbenen Sohn alles gewaltsam auszutreiben versuchte, was sich in seinen Augen gegen ihn und sein asketisches Soldatentum richtete.

Dass Friedrich selbst nicht hingerichtet wurde, sondern statt seiner der vom Gericht bereits zu lebenslänglicher Haft verurteilte Freund, war für einen paranoiden Herrscher wie den Preußenkönig durchaus konsequent: der Sohn sollte leiden und mit eiserner Hand auf den Pfad der preußischen Tugenden zurückgeführt werden: Glaube, Disziplin, Ordnung, Gehorsam, Sparsamkeit, Fleiß.

Mit Manfred Karge steht ein Friedrich Wilhelm auf der Bühne, dem man die Undifferenziertheit, die Unbeugsamkeit, aber auch und vor allem die Unberechenbarkeit eines Mannes abnimmt, der Freunde wie Feinde behandelte, Intriganten vertraute und große Gelehrte in seinem Tabakskollegium im Schloss Königswusterhausen demütigte, der Familie und Volk gleichermaßen misshandelte und, um die Staatsraison zu sichern, alles Geld in das Militär investierte. (Nachdem Friedrich nach dem Tod des Vaters 1740 die Herrschaft übernommen hatte, wurden Land- und Verwaltungs- und Justizreformen durchgesetzt sowie wirtschaftliche Neuerungen eingeführt. Kartoffeln umrahmen die schlichte Grabplatte am Schloß Sanssouci - eine konsequente Verehrung für einen Humanisten und Schöngeist, der seine Untertanen von größtem Hunger befreite, Toleranz gegenüber beinahe allen Religionen und Weltanschauungen ausübte, der, wider Willen, jedoch auch unbarmherzige Machtpolitik betreiben musste und darüber zum verbitterten, boshaften alten Mann wurde.)

Henrik Schubert gibt dem Kronprinzen noch die Unbeschwertheit der Jugend, die Spontaneität und Unbedachtheit des Handels und später die tiefe Reue, mit der er den Tod des Freundes durch die Worte des Geistlichen als dessen Vermächtnis und Aufgabe begreift, sich auf die Aufgaben eines für sein Volk verantwortlichen Herrschers vorzubereiten. Das ist ein bisschen arg demütig, aber wahrscheinlich authentisch, liest man die Briefe, die man sich in der Familie und ganz besonders Friedrich an den Vater schrieb. Tief erschütternd und eigentlich unbegreiflich, dass Friedrich eben diesem Vater die Stiefel küsst, der den besten Freund töten ließ!

Ihm zur Seite die Gefährten Moritz Führmann als Leutnant Katte, der, einem Marquis Posa ähnlich, mit seinem Opfer die moralische und politische Verantwortung für das Fortbestehen des Staates übernimmt und damit Friedrich und Preußen vielleicht zu dem macht, was sie werden sollten. Er gibt dem Stück den Titel, doch gelingt es der Inszenierung nicht, die Tiefe seiner Persönlichkeit auszuleuchten! - Bereits als kluge, überlegene, gleichsam nicht weniger Betroffene zeigt sich Jennipher Antoni als Prinzessin Wilhelmine, die später als Markgräfin von Bayreuth Kunst und Geschichte wesentlich beeinflussen sollte.

Gisela Leißert bleibt eine in diesem Spiel eher gehorsame Gattin, die in Wahrheit wesentlich an den Hofintrigen teilhatte, die mit Minister Grumbkow jedoch die Oberhand behielten. Andreas Herrmann stellt ihn vor als einen gewandten und zur Verstellung begabten Höfling. Hans-Jochen-Röhrig ist der zu jeder Zeit der Obrigkeit ergeben dienende Gerichtsschreiber, und Philipp Mauritz verleiht dem Feldprediger die Unbarmherzigkeit der devoten Staatskirche. Sie alle gehören zu dem bewährten Potsdamer Team, das fraglos auch einer anspruchsvolleren Bühnenfassung Profil gegeben hätte. A.C.