König Heinrich VIII.
- All is true -

von
William Shakespeare

 

 

Aufstieg und Fall des Kardinal Wolsey

 

 


Shakespeare und Partner

im Admiralspalst

Regie: Jakob Fiedler und Markus Weckesser; Ausstattung: Hannah Hamburger

mit: Norbert Kentrup, Sebastian Bischoff, Andreas Erfurth, Jan Maak und Urs Stämpfli

 

 

 
  Wenn ein Patriarch einen Patriarchen spielt, so ist das überaus identisch - und gefährlich; denn nichts ist dann so verführerisch als sich selbst zu gefallen und mit dem naturgegebenen und wohl kultivierten Temperament ein ungleiches Spiel zu spielen. Norbert Kentrup ist ein solches Urgestein, wie man heute so schön sagt. Er hat seinen Shakespeare im Blut und das seit vielen Jahrzehnten: So gründete der bereits mit allen Bühnenwassern gewaschene Schauspieler 1983 die Bremer Shakespeare Company; zehn Jahre später spielte er in der nach 349 Jahren ersten Vorstellung im Rohbau des neuen Londoner Globe Theaters den Falstaff. Die Rolle muss ihm wie maßgeschneidert gepasst haben! 1968 machte er die Welt aufmerksam mit 68 Vorstellungen, in denen er den Shylock im Kaufmann von Venedig verkörperte (als der bisher einzige deutsche Schauspieler im nunmehr fertig gestellten Globe!). 2001 gründete er   mit Dagmar Papula die Theaterwerkstatt "Shakespeare und Partner", die Stücke inszeniert, spielt und produziert. Die Aktivitätsliste könnte endlos fortgesetzt werden.

Und nun also ist dieser Mann mit seiner alles durchdringenden schweren Stimme und mit einer sehr jungen Schauspielertruppe zu Gast im Admiralspalast, wo auf einem rechteckigen teppichbelegten Podest im Studio zum ersten Mal seit 1927 wieder das letzte Historienschauspiel Shakespeares (1613) "All is true" zu bestaunen ist. Damit man die stets vom Intrigenspiel durchdrungene wortreiche Handlung nachvollziehen kann, gibt es ein schönes Textbuch zu kaufen in der modernen Übersetzung von Werner Buhss.

Und das ist fatal: Denn während in den ersten Akten - vor der Pause - die Darsteller in verschiedenen Rollen mit einer glänzenden und witzig aufgepeppten Darstellung brillieren - allen voran Andreas Erfurth als der intrigante, durchtriebene, lässig und lächelnd über Leichen schreitende Kardinal Wolsey, trifft in der zweiten Hälfte die Textkürzung schmerzhaft ins Mark der Inszenierung. Nicht nur, dass Sätze verschoben, Wörter neu erfunden und weite Passagen zum Nachteil des Verständnisses übersprungen werden, auch die Konzentration auf die wechselnden Rollen in diesem doch stark politisch ambitionierten Schauspiel leidet erheblich. Dabei gefällt jetzt auch vor allem die Wandlungsfähigkeit von Sebastian Bischoff, die er mit Hilfe von sparsamen Kostümandeutungen in jeder Fasson unter Beweis stellt.

Natürlich thront Kentrup als der unangefochtene, sich seiner gottähnlichen Herrschaft absolut-istisch sicher, über aller Blut- und Machtgier; die scheinbar treuen Freunde werden, sobald ihre Absichten deutlich geworden sind, denunziert und entlarvt (als erster fällt der Kronrat Lord Bolingbroke) und in den Tower geworfen-  bestenfalls vor Gericht gestellt oder sogleich ermordet; wer wie der bereits vom alten König als Ratgeber übernommene Kardinal Wolsey sich auf dem Höhepunkt seiner Stellung einen Fehler erlaubt, wird noch einmal herzlich umarmt und dann ins Abseits gestoßen; und wer, wie die treue langjährige Gattin Katharina, einer neuen Liebschaft- Anne Boleign - im Wege steht - wird mit Hilfe bestechlicher Lord-Richter von Hof und Krone geschieden und in die Verbannung geschickt. Das alles handhabt Kentrups Heinrich souverän, beinahe gemütlich in Hemd und Alltagshose. Der Patriarch kennt keinen Garderobenzwang! Und seine Männer und Frauen, Globe-getreu  ebenfalls von Männer dargestellt, umschwirren ihn wie Motten das Licht, um abseits ihre Machenschaften auszuhecken.

Das ewige Spiel von Aufstieg und Fall ist hier das Thema - ob das bei dem vielen Kaspereien in der sich selbst bespöttelnden Inszenierung so wirklich zum Ausdruck kommt, mag bezweifelt werden, vor allem, weil der Zusammenhang nicht wirklich deutlich wird. Worum es hier eigentlich geht und immer bei Shakespeare geht, ist nicht so sehr   die historische Treue, sondern die geniale psychologische Ausformung von Charakteren: Kardinal Wolsey ersinnt sich, um seiner Karriere willen, eine neue Heirat des Königs mit der Schwester des französischen Herrschers und spinnt alle Fäden für eine Scheidung von Katherine; doch als der sinnenfreudige Henry sich für die liebliche Hofdame Anne entscheidet, gerät der Gottesmann aus der Fassung. Sein letztes Spiel, eine Dreifachintrige zwischen Kaiser, Papst und Frankreich scheitert. Heinrich hat mit seiner raschen Vermählung     die ehrgeizigen Pläne seines kirchlichen Ratgebers zunichte gemacht!

Es ist eine schwer zu beantwortende ästhetische Frage, ob sich die Darstellung der Frauen mit pastellfarbenen Tüllröcken auf Männerkörpern erledigt, ob Jan Maak als Katharina allein mit einem lässig über Jeans und Ringelhemd sowie einem ins halblange unordentliche Haar gestreifte Band die menschliche und königliche Würde ausstrahlt, die dieser tragischen Persönlichkeit zugedacht ist! Für mich waren die Frauen der absoluten Lächerlichkeit und die Schauspielerei der Peinlichkeit preisgegeben, und die wohlbekannte und wohlverwerfliche Narretei der Vielweiberei am Königshof damit nicht aufgespießt. Und wenn die adeligen Chargen, die Lords des Kronrats, am Ende die Prophezeiung des neuen königlichen Kardinals Cranmer auf die große Zukunft Englands durch die gerade geborene Infantin Elisabeth mit grellem Kichern und Gackern zu übertönen versuchen, so mag dahinter wohl die Absicht stecken, den Kleingeist der Mächtigen zu jener und anderer Zeit zu verdeutlichen. Überzeugend ist das nicht. A.C.